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Chinas neue Wege in der Währungspolitik

Havard-Wirtschaftsprofessor Martin Feldstein

Die chinesische Regierung wird den Kurs des Renminbi gegenüber dem Dollar in den kommenden Monaten möglicherweise schneller steigen lassen, als sie es im Verlauf des vergangenen Jahres getan hat. Dafü

Von Martin Feldstein*
am 02.09.2011

In den vergangenen zwölf Monaten hat der Renminbi gegenüber seiner Referenzwährung Dollar um 6 Prozent zugelegt. Zuvor war der Wechselkurs in der Finanzkrise eingefroren worden, wurde aber seit Sommer 2010 wieder gelockert.

Eine raschere Aufwertung des Renminbi gegenüber dem Dollar würde Chinas Exporte nun schrumpfen und seine Importe steigen lassen. Zudem könnten andere asiatische Länder den Kurs ihrer Währungen steigen lassen oder ihre Exporte zulasten chinesischer Produzenten ausweiten. Chinas Nachbarn könnte das gefallen, bei chinesischen Produzenten hingegen würde es keinen Anklang finden. Warum also sollten chinesische Behörden eine raschere Aufwertung des Renminbi bewusst zulassen?

Es gibt zwei wesentliche Gründe, warum die chinesische Regierung sich für eine solche Politik entscheiden könnte: eine Verringerung der Risiken in ihrem Portfolio und eine Eindämmung der Binneninflation.

Inflation im Westen sowie Dollar-Abwertung sind die beiden Risiken

Betrachten wir zunächst die Sorge der Behörden über die Risiken, die ihr Portfolio ausländischer Wertpapiere birgt. Durch sein bestehendes Portfolio im Wert von etwa 3 Billionen Dollar in Form von US-Staatsanleihen und anderen ausländischen Wertpapieren ist China zwei klaren Risiken ausgesetzt: Inflation in den Vereinigten Staaten und in Europa und einer raschen Abwertung des Dollars gegenüber dem Euro und anderen Währungen.

Eine Inflation in den USA oder Europa würde die Kaufkraft der auf Dollar oder Euro lautenden Anleihen verringern. Die Chinesen hätten zwar immer noch genau so viele Dollars oder Euros, aber diese Dollars und Euros würden auf dem Weltmarkt weniger Waren kaufen.

Selbst wenn sich die Inflationsraten nicht erhöhen sollten, würde ein starker Wertverfall des Dollars gegenüber dem Euro und anderen ausländischen Währungen seine Kraft beim Kauf europäischer und anderer Produkte verringern. Nachdem der Dollar im vergangenen Jahr gegenüber dem Euro um 10 Prozent – und deutlich mehr gegenüber anderen Währungen – an Wert verloren hat, sind die Befürchtungen der Chinesen durchaus begründet.

Ein stärkerer Renminbi verringert die Kosten für importierte Produkte

Die einzige Möglichkeit für China, diese Risiken zu verringern, besteht darin, den Umfang der auf ausländische Währung lautenden Wertpapiere in seinem Besitz zu reduzieren. Solange es einen hohen Leistungsbilanzüberschuss aufweist, kann China den Umfang dieser Anleihen aber nicht verringern. Während der letzten zwölf Monate hat China einen Leistungsbilanzüberschuss in Höhe von beinahe 300 Milliarden Dollar aufgewiesen, der den bestehenden, auf Dollar, Euro und andere fremde Währungen lautenden chinesischen Wertpapier-beständen hinzuzurechnen ist.

Der zweite Grund, warum die politische Führung in China einen stärkeren Renminbi befürworten könnte, ist eine Verringerung der Inflationsrate im eigenen Land. Ein stärkerer Renminbi verringert für chinesische Verbraucher und chinesische Firmen in Renminbi gerechnet die Kosten für importierte Produkte. Ein Barrel Rohöl mag zwar immer noch 90 Dollar kosten, aber eine Aufwertung des Renminbi-Wechselkurses um 10 Prozent im Verhältnis zum Dollar verringert den Preis in Renminbi um 10 Prozent.

Einer Kostensenkung für Importe kommt erhebliche Bedeutung zu, weil China eine breite Palette an Konsumgütern, Maschinen und Geräten und Rohstoffen importiert. Die jährlichen Importe Chinas belaufen sich auf insgesamt etwa 1,4 Billionen Dollar oder beinahe 40 Prozent seines BIP.

Peking will die Ausgaben im eigenen Land ankurbeln

Ein stärkerer Renminbi würde den Nachfragedruck umfassender und wirksamer verringern als die gegenwärtige Zinserhöhungspolitik. Das wird in Zukunft sogar noch wichtiger sein, da China seine Pläne umsetzt, die Ausgaben im eigenen Land anzukurbeln, insbesondere Ausgaben der chinesischen Haushalte. Es ist eines der Hauptziele des unlängst präsentierten 12. Fünfjahresplans, die Haushaltseinkommen und Verbraucherausgaben schneller steigen zu lassen als das BIP-Wachstum.

In Verbindung mit dem bestehenden Export-Niveau würden schneller wachsende Ausgaben der Haushalte Produktionsengpässe verursachen und Kapazitäten strapazieren und zu einer schnelleren Preissteigerung bei inländisch produzierten Waren führen. Um Platz für höhere Verbraucherausgaben zu schaffen, müssen die Exporte verringert werden, indem eine Aufwertung der Währung zugelassen wird.

Im Rückblick auf das vergangene Jahr schwächt die Steigerung des Wechselkurses zwischen Renminbi und Dollar in Höhe von 6 Prozent die Steigerung der relativen Kosten für chinesische Waren für amerikanische Käufer aufgrund von Unterschieden bei den Infla-tionsraten im Inland möglicherweise ab. Chinesische Verbraucherpreise sind im vergangenen Jahr um etwa 6,5 Prozent gestiegen, während die Verbraucherpreise in den USA um -lediglich etwa 3,5 Prozent gestiegen sind.

Der Unterschied von drei Prozentpunkten lässt darauf schliessen, dass der reale, inflationsbereinigte Renminbi-Dollar-Wechselkurs im Verlauf des letzten Jahres um 9 Prozent gestiegen ist (das heisst 6 Prozent nominale Aufwertung plus 3 Prozent Inflationsunterschied).

Was die Inflation in China wirklich verursacht

Obwohl dies die Art und Weise ist, in der Regierungen reale Veränderungen des Wechselkurses errechnen, wird die relative Veränderung der Preise für Waren, die Amerikaner von China kaufen, überbewertet. Denn ein Grossteil der chinesischen Inflation wurde durch steigende Preise für Unterkunft, lokale Gemüsesorten und andere nicht handelbare Güter verursacht. Die Renminbi-Preise der in China gefertigten Produkte, die in die USA exportiert werden, sind möglicherweise überhaupt nicht gestiegen.

Der Wechselkurs des Renminbi gegenüber dem Dollar ist nur ein Teilaspekt dessen, was Chinas Wettbewerbsfähigkeit im Handel antreibt. Während der Renminbi im Verhältnis zum Dollar gestiegen ist, hat der Dollar gegenüber anderen wichtigen Währungen an Wert verloren. Der Dollar hat in den vergangenen 12 Monaten 10 Prozent gegenüber dem Euro eingebüsst, und diese Talfahrt bedeutet, dass der Renminbi tatsächlich etwa 4 Prozent gegenüber dem Euro verloren hat.

Der Schweizer Franken hat gegenüber dem Dollar um über 40 Prozent zugelegt – und damit über 30 Prozent gegenüber dem Renminbi. Betrachtet man die gesamte Bandbreite der Länder, mit denen China Handel treibt, lässt dies darauf schliessen, dass der Wert des Renminbi wahrscheinlich in den letzten zwölf Monaten gesunken ist.

Der Dollar wird gegenüber dem Euro und anderen Währungen in den nächsten Jahren wahrscheinlich weiter an Wert verlieren. Infolgedessen werden die Chinesen den Renminbi erheblich gegenüber dem Dollar aufwerten können, wenn sie seinen globalen Wert insgesamt erhöhen wollen, um Chinas Portfoliorisiken zu verringern und den Inflationsdruck im Zaum zu halten.

*Martin Feldstein ist Wirtschaftsprofessor in Harvard und war Vorsitzender des wirtschaftlichen Beraterstabes von Präsident Ronald Reagan sowie Präsident der nationalen Behörde für Wirtschaftsforschung.
 

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