Chinas Börsen stürzten nun schon fünf Tage nacheinander. Die Investoren haben Angst, dass sich die Konjunktur eintrübt. Ist das berechtigt?
Peter Achten: Die Angst der Investoren ist nur teilweise berechtigt. Schon vor dem Taucher der chinesischen Börsen war nämlich klar, dass sich die chinesische Volkswirtschaft nicht mehr in hohen einstelligen oder gar niedrigen zweistelligen Wachstumsraten entwickeln wird.

Was steckt dann dahinter?
Der Kurssturz der seit langem sehr volatilen chinesischen Börsen ist auf eine Intervention der total von Partei und Regierung abhängigen Notenbank zurückzuführen. Die Staatsbanken und das System der Schatten-Finanzinstitute wurden aufgefordert, riskante Kredite zu vermeiden und ihre exzessive Kreditvergabe einzuschränken. Die Interbankzinsen schossen vorübergehend auf über 13 Prozent in die Höhe, und die Börsen stürzten. Am Montag und Dienstag versuchte die Volksbank zweimal, die Lage zu beruhigen mit der Versicherung, die vorsichtige Geldpolitik werde wie bis anhin konsequent  weitergeführt.

Was bedeutet das?
Die neue Parteiführung ist bereit, kurzfristig wenn nötig eine weniger hohe Wachstumsrate in Kauf zu nehmen, um dafür längerfristig die Volkswirtschaft nachhaltig auf Vordermann zu bringen.

Warum läuft es denn nicht mehr so geschmiert wie auch schon?
China befindet sich inmitten eines ökonomischen Paradigma-Wechsels. Das Wachstumsmodell der ersten 33 Reformjahre muss durch ein neues ersetzt werden. Also weg vom einseitigen export- und investitionsorientierten Wachstum zu mehr Binnennachfrage und zu mehr Konsum. Der Grund: Die durchschnittliche Wachstumsrate von rund 10 Prozent pro Jahr beruhte auf billigen Arbeitskräften, billigem Kapital, exzessivem Verbrauch von Bodenschätzen und Energie sowie ineffizienter Allokation von Kapital. Die chinesische Führung hat erkannt, dass nur nachhaltiges Wachstum langfristig China helfen wird, zur Grossmacht zu werden. Deshalb werden jetzt lange vernachlässigte Reformen in Wirtschaft und vor allem im Finanz- und Bankensystem langsam vorbereitet und in die Praxis umgesetzt.

Was würde es denn für die Regierung bedeuten, wenn das Wachstum tatsächlich noch tiefer ausfallen würde als erwartet? Peking peilt ja 7 Prozent an.
Falls das Wachstum unter 7 Prozent im Jahr fallen sollte, bekäme die chinesische Regierung ein grosses Problem. Ein Minimum von 7 Prozent, so chinesische Ökonomen, sind nötig, um die jährlich bis zu zehn Millionen neuen Arbeitsplätze zu schaffen. Bei flachem Wachstum erhöht sich die Gefahr von sozialen Unruhen. Bereits heute kommt es nach offizielle Angaben zu weit über 100‘000 grösseren Zwischenfällen mit zum Teil gewaltsamen Auseinandersetzungen und Toten. Die neue wie die alte Parteiführung fürchtet ähnlich wie schon die Kaiser nichts mehr als Luan - Chaos. Dabei ging oft das Mandat des Himmels, also die Macht verloren. Das will die neue Führung unter Staats- und Parteichef  Xi Jinping um jeden Preis vermeiden. Wirtschaftsreformen, Kampf gegen Korruption, Aufbau eines sozialen Netzes, ein wenig mehr Transparenz  und materieller Wohlstand für alle sollen das verhindern.

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Gleichzeitig wird vielerorts befürchtet, dass sich viele Firmen nicht mehr finanzieren können, weil die Zinsen zuletzt kräftig anstiegen. Kommt es nun zu einer Pleitewelle?
Viele Firmen haben in der Tat grosse Schwierigkeiten, sich zu finanzieren. Die Pleitewelle wird sich aber im Rahmen des Üblichen halten, denn die meisten Firmen – also Kleinfirmen als Rückgrat der chinesischen Wirtschaft – haben sich bis jetzt über private Kanäle oder eben das System der Schattenbanken finanziert. Die Zinsen waren schon immer exorbitant wenn nicht wucherisch. Die Staatsfirmen dagegen wurden von den Staatsbanken kulant behandelt, ebenso die Provinzen und Gemeinden. Sie erhielten Kredite nicht risikoangepasst sondern politisch. Die Aktionen der Volksbank in den letzten Tagen und Wochen waren sowohl ein Warnschuss an die Adresse der Schattenbanken als auch eine Vorschau auf das, was das Finanzsystem im allgemeinen und die Staatsbanken im besonderen in Zukunft bei Reformen erwartet.

Auch geht die Angst vor Bankeninsolvenzen geht um. Wie solide sind Chinas Banken wirklich?
Die allmächtige Kommunistische Partei und folglich die Regierung haben ihre Staatsbanken im eisernen Griff. Der Staat garantiert mit andern Worten. Aber die Einsicht, dass das Banken- und Finanzsystem reformiert werden muss, ist weit oben auf der Traktandenliste. Bereits der im März zurückgetretene Premier Wen Jiabao hat einer «grundlegenden Bankenreform» das Wort geredet. Der neue Premier Li Keqiang nahm den Faden auf. Die Finanzreform hat auch eine politische Seite. Ohne gesundes, marktorientiertes Banken- und Finanzsystem, so die Überzeugung im Regierungszentrum Zhongnanhai in Peking, gibt es keine Stabilität. Und Stabilität ist für die Partei das oberste Ziel. Im Interesse des Volkes, wie es heisst, sicher aber auch im Interesse des Machterhalts der Partei.

Was bedeutet das für China-Investoren?
Wie anderswo gilt auch in China: Vorsicht, Abwägen, Prüfen, rational entscheiden. Viele haben es nämlich lange nicht geglaubt: Auch in China wachsen die Bäume nicht in den Himmel.

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