Die Konjunkturabkühlung und der Markteinbruch in China beschwören oft Erinnerungen an Japans Abschwung in den 1990er Jahren herauf, als die damals zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt in eine langwierige Stagnation abrutschte. Beide Volkswirtschaften erlebten ein rapides, kreditfinanziertes Wachstum, das die Immobilienpreise anziehen liess und zu Blasen am Aktienmarkt führte. Der rasante Anstieg in Japan endete mit einer harten Landung, von der sich das Land noch immer nicht ganz erholt hat. Nun lautet die These, China könne ein ähnliches Schicksal erleiden.

Die Erfahrung des Nachbarlands in den 1960er Jahren würden allerdings viel passendere Parallelen aufweisen, meint Paul Sheard, Chefökonom der Ratingagentur Standard & Poor’s in New York, der von 1976 bis 2006 in Japan gearbeitet hatte. Die Geschichte weise eine Reihe von Übereinstimmungen auf und verheisse ein letztlich gutes Ende für Chinas Aktien und Wirtschaft – doch nicht ohne Geduld und kontinuierliche Bemühungen der Politikverantwortlichen.

Ausverkauf 1963

Hier die Ereignisse von damals: Die japanische Wirtschaft lief im Vorfeld der Olympischen Spiele in Tokio von 1964 auf Hochtouren. Im Zuge eines Baubooms wurden neue Autobahnen und Strecken für Hochgeschwindigkeitszüge geschaffen und Fabriken aufgebaut. Der Aktienmarkt erlebte eine Achterbahnfahrt, als nach der Boom-Phase sich das Wachstum abkühlte, und ging völlig in die Knie, als die Politik am Kreditmarkt die Zügel anzog.

Nach einem enormen Ausverkauf im Jahr 1963 griffen die Verantwortlichen ein. 1964 und 1965 wurden zwei Gesellschaften zur Marktstützung gegründet. Geschäftsbanken halfen bei der Finanzierung der ersten Gesellschaft, die 193,6 Milliarden Yen (rund 1,6 Milliarden Franken) in Aktien investierte – und als das Geld ausging, sprang die Notenbank ein. Die zweite Gesellschaft kaufte weitere 234,9 Milliarden Yen, wobei 95 Prozent der Kosten von der Notenbank geschultert wurden.

«Ausgezeichneter Schritt»

Die Interventionen beliefen sich auf etwa sechs Prozent des Marktvolumens, heisst es in einer Analyse, die in einer Studie des National Bureau of Economic Research zitiert wird. Die Eingriffe zahlten sich letztlich aus: Die Aktienkurse zogen erneut an und die wirtschaftliche Entwicklung schritt wieder schnell voran.

«Es erwies sich als ein ausgezeichneter Schritt, weil damit eine finanzielle Depression vermieden wurde», sagt Hiroshi Takeuchi, ein 84-jähriger Wirtschaftsprofessor an der Shizuoka-Universität in Zentraljapan. «Sobald sich die Dinge beruhigt hatten, konnte eine neue Welle wirtschaftlichen Wachstums beginnen.»

China eifert Japan nach

Dieser Strategie dürfte China nacheifern wollen. Nachdem die Aktien in Schanghai in diesem Jahr bis zum 12. Juni um etwa 150 Prozent hochgeschossen waren, kam es zu einem Einbruch, der etwa fünf Billionen Dollar an Marktkapitalisierung vernichtet hat.

Die Marktverwerfungen zwangen die Regierung zum Gegensteuern: Sie untersagte unter anderem grösseren Aktionären der Verkauf von Beteiligungen, setzte Börsengänge aus und forderte Brokerhäuser dazu auf, den Markt mit Rückhalt der Zentralbank zu stützen. Japan hatte damals mehrere solcher Schritte unternommen.

China bleibt heiss

Wie auch Japan vor fünf Jahrzehnten, befindet sich China noch immer in einer mittleren Phase der Konjunkturentwicklung. Das bedeutet, dass die Wirtschaft weiterhin über einen beträchtlichen Spielraum für Wachstum verfügt.

«Die Parallelen zu den 1960er Jahren sind aussagekräftiger», sagt auch David Mann, Chefökonom für Asien bei Standard Chartered in Singapur. «Davon ausgehend, dass China heute nur über ein Fünftel des Kapitalstocks je Beschäftigten von derzeit den USA oder Japan verfügt, zeigt uns, dass noch eine Menge mehr effiziente und produktive Investitionen in China unternommen werden können.»

Schrumpfende Erwerbsbevölkerung

Damit enden jedoch die Vergleiche. Im Gegensatz zu Japan in den 1960er Jahren steht China auch vor dem Problem einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung. Ausserdem ist Chinas Wirtschaft offener als Japans früher, was die Volksrepublik gegenüber Kapitalabflüssen anfälliger macht, die nun die Wechselkurspolitik komplizierter machen.

(bloomberg/ise)

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