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Darum hilft Mario Draghis Geldpolitik der Schweiz

Enttäuschte heute die Märkte: EZB-Chef Mario Draghi.Keystone

Mario Draghi hat erst die Mindestgrenze des Frankens geknackt. Jetzt legt der EZB-Präsident mit einer weiteren geldpolitischen Lockerung nach. Das hat für die Schweiz nicht nur negative Folgen.

Von Simon Schmid
am 03.12.2015

Die landläufige Meinung ist: Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank, hat der Schweizer Wirtschaft mit seiner Geldpolitik gehörig das Geschäft versaut. Sein im Januar dieses Jahres beschlossenes Quantitative-Easing-Programm hat den Euro nachaltig geschwächt und die Schweizerische Nationalbank zur Aufgabe des Mindestkurses gezwungen.

Das stimmt so durchaus. Doch die Gleichung ist damit nicht komplett. Denn die Geldpolitik der EZB ist kein Selbstzweck. Ihr Ziel ist es, die Wirtschaft im Euroraum wieder in Schwung zu bringen. Dies, um letztlich auch wieder die Inflation, die aktuell bei 0,1 Prozent steht, wieder in den Bereich nahe bei 2 Prozent zu bringen.

Was die Anleihenkäufe bewirken

Wie das funktionieren soll, hat Mario Draghi an der heutigen EZB-Pressekonferenz erklärt (hier eine Zusammenfassung der Konferenz, an der eine längere Fortführung des QE-Programms verkündet wurde). Mit dem Aufkauf von Staatsanleihen, Unternehmensobligationen und anderen Wertpapieren drückt die Zentralbank einerseits die langfristigen Zinsen am Finanzmarkt. Das bringt Unternehmen günstigere Kreditkonditionen, auch wenn sie Geld von Banken beziehen.

Das günstigere Geld soll die Kreditvergabe und die Investitionen im Euroraum ankurbeln. Andererseits schwächt das QE-Programm den Euro. Diesen Effekt, über den die Zentralbank im Gegensatz zu den Zinskonditionen nicht so gerne spricht, bringt Exporteuren im Euroraum zusätzliche Nachfrage. Was wiederum dem generellen Wirtschaftswachstum förderlich ist. Hier ein Chart zur Entwicklung des Euro-Dollar-Kurses seit Anfang 2014:

 

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Die konkreten Effekte

Was also hat das QE der Europäischen Wirtschaft konkret gebracht? Die bisherige Zwischenbilanz des Programms, das ursprünglich bis September 2016 laufen sollte und nun bis März 2017 fortgesetzt wird, besagt folgendes:

  • Der Euro ist seit dem Sommer letzten Jahres – damals begannen die Märkte erstmals über QE zu spekulieren – gegenüber seiner wichtigsten Vergleichswährung um 20 Prozent schwächer geworden. Einer Faustregel zufolge müsste diese Währungsabschwächung alleine das BIP im Euroraum um 0,8 bis 1,2 Prozent und die Inflation hochtreiben.
  • Die Kreditkosten für Unternehmen sind in dieser Zeit um 80 Basispunkte, also um 0,8 Prozent gefallen. Laut Mario Draghi hat das Kreditvolumen im Euroraum deshalb wieder zugenommen. Die jüngsten Zahlen: Unternehmen borgten im Oktober 0,6 Prozent mehr als im Vorjahr, die Kredite an Haushalte gingen um 1,2 Prozent hoch.
  • In Kombination erhöhen diese Effekte das BIP in den Jahren 2016 und 2017 um jeweils ein Prozent, wie Mario Draghi sagt. Ohne QE würde die Euro-Wirtschaft laut seinen Ökonomen deutlich weniger schnell wachsen. Auch die Inflation würde 2016 und 2017 um 0,5 Prozent resp. um 0,3 Prozent niedriger ausfallen.

Hier eine Tabelle aus einem kürzlich veröffentlichten Bericht der OECD, der diese Wachstumszahlen in einen globalen Zusammenhang rückt:

Bewegen sich die Effekte also auch nur annähernd in der angegebenen Region, so wird klar: Die lockere Geldpolitik macht für die Eurozone durchaus einen Unterschied. 1 Prozentpunkt mehr oder weniger Wachstum ist viel – besonders für einen derart angeschlagenen Wirtschaftsraum wie Europa, dessen Arbeitslosigkeit noch immer deutlich über dem Vorkrisenniveau liegt.

Gegenläufige Kräfte

Und nun zur Schweiz. Die hiesige Volkswirtschaft wird durch das QE-Programm zwei gegenläufigen Kräften ausgesetzt: der Frankenaufwertung einerseits und dem höheren Euro-Wachstum andererseits. Einer Formel der Credit Suisse zufolge halten sie sich aktuell etwa die Waage. Typischerweise schmälert eine Aufwertung des Frankens gegenüber dem Euro um 10 Prozent (dies entspricht ganz grob der Kursbewegung seit dem Mindestkurs-Aus) das hiesige Exportvolumen um 3 bis 4 Prozent. Andererseits führt ein um einen Prozentpunkt höheres Wachstum in der Eurozone ebenfalls zu einer Steigerung der Schweizer Exporte um 3 Prozent.

Ärgerlich ist, dass die beiden Effekte zeitlich versetzt eintreffen. Während der starke Franken die hiesigen Unternehmen bereits seit Anfang des Jahres 2015 belastet, stellt sich das höhere Wachstum in Europa erst nach und nach ein. Möglich, dass die Schweizer Wirtschaft just in diesem Moment mit der denkbar unünstigsten Kombination der beiden Faktoren konfrontiert ist: Die Wachstumswirkung von QE braucht Zeit. Legt die Euro-Wirtschaft weiter zu, so ist aber auch eine Erholung des Eurokurses nicht ausgeschlossen. Aktuell steht der Euro bei 1.09 Franken.

Meriten der lockeren Geldpolitik

Mario Draghi ist der Notnagel der Eurozone. Sein Quantitative-Easing-Programm ist nicht perfekt: Würden die Euroländer ihre Wirtschaftskrise entschlossener bekämpfen – mittels einer wachstumsfreundlicheren Ausgabenpolitik, einem schnelleren Tempo bei den Strukturreformen und einer gründlichen Reinigung der Bankbilanzen –, so wären die Anleihenkäufe ein weitaus mächtigeres Instrument. Doch QE wirkt auch so. Und dies nicht zum Nachteil der Schweiz: Je schneller die Euro-Wirtschaft ihre Schwächen überwindet, desto besser ist das auch für uns.

Simon Schmid
Chefökonom bei der Handelszeitung. Früher beim Tages-Anzeiger. Wirtschafts- und sozialwissenschaftlich inspirierter Schreiber.
Twitter: @schmid_simon

 

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