Sie treffen sich in Houston – und sie haben ein Problem. Es gibt offenbar noch immer zu viel Öl auf dieser Welt. Und die Herrscher über das schwarze Gold müssen einen Schlachtplan entwickeln, damit ihr Reichtum und ihre Macht auch die nächsten Dekaden überdauern.

In der texanischen Wüste findet derzeit die IHS Cera Week statt, das wichtigste Branchentreffen der Ölindustrie. Einmal im Jahr kommen hier die Konzernchefs der Ölgiganten, die Energieminister der mächtigsten Petrostaaten sowie Banken und Investoren zusammen.

Prallgefüllte Agenda

Es gibt viel zu besprechen – so viel wie lange nicht. Das Opec-Kartell hat sich vor Monaten mühsam auf eine Fördermengendrosselung geeinigt. Amerika ist wegen Trump und des inzwischen wieder höheren Ölpreises zurück im Förderwahn. 2018 soll der alte Rekord aus den 70er-Jahren übertroffen werden. Die restliche westliche Welt wiederum propagiert die globale Energiewende und die baldige Abkehr von fossilen Energieträgern.

Genau diese «grüne» Haltung hat jetzt einen der mächtigsten Spieler in Rage gebracht. Der saudische Energieminister Khalid al-Falih warnte in Houston mit drastischen Worten vor einem weltweiten Energiecrash. Das Gerede von der nachlassenden Nachfrage nach fossilen Energieträgern und das Beschwören der «grünen Revolution» werde der Menschheit schaden.

«Gefährden die Energiesicherheit»

«Die Industriestaaten reden den Ölsektor schlecht. Indem sie das tun, zerstören sie nichts anderes als die Energiesicherheit unseres Planeten», polterte al-Falih. So werde sich beispielsweise Asiens Energienachfrage bis 2050 verdoppeln. Dieses Wachstum sei niemals mit Wind, Sonne oder anderen erneuerbaren Energiequellen zu decken.

Im Mittelpunktes des aktuelles Streites steht die ewige Frage, wann die Nachfrage nach dem Schmierstoff der Welt ihren Höhepunkt überschreitet. Derzeit werden zwischen 96 und 98 Millionen Fass pro Tag gefördert.

Umstrittene Theorie

Wann genau dieses Nachfragehoch erreicht wird, im Jargon Peak Demand genannt, ist unter Experten umstritten. Das hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Wie schnell klappt der Umstieg auf Elektromobilität – und klappt er überhaupt? Oder: Wird es globale Strafsteuern auf den CO2-Ausstoss geben?

Ist der «Peak Demand» ein Mythos?

Al-Falih nennt den Peak Demand sogar einen Mythos. Dieser müsse dringend aus der Welt geschafft werden, denn ansonsten würden Billionen von Dollar, die eigentlich für die zukünftigen Investitionen notwendig sind, gestoppt.

Die grossen Kapitalgeber würden bewusst davon abgehalten, neue Öl- und Gasvorkommen zu erschliessen. Die Saudis sprechen dabei von künstlich geschürten Ängsten. Den Investoren werde das Gefühl gegeben, sie stecken ihr Geld möglicherweise in Förderprojekte, die wegen des Klimaschutzes nicht mehr genutzt werden und sich deshalb nicht rentieren – Stranded Assets heissen diese Investitionsruinen.

Eine durchschaubare Anklage

Die saudische Anklage mutet erstens durchschaubar an. Denn das Herrscherhaus sitzt auf den zweitgrössten Ölreserven der Welt und hat natürlich ein vitales Interesse daran, dieses Öl auch in den kommenden Dekaden noch aus dem Boden holen zu dürfen und verkaufen zu können.

Zweitens scheint sie aus der Zeit gefallen. Nach wie vor wird mehr gefördert als verbraucht. So sind etwa die amerikanischen Lagerbestände auf einen Rekord gestiegen. Da nützt selbst der Drosselungspakt der Opec nichts, wenn dieser durch die USA ausgehebelt wird. Al-Falih musste eingestehen, dass er sich mit seiner Prognose verschätzt hat, die Opec-Kürzung werde die Ölschwemme austrocknen.

Es schwingt auch Frust mit

Experten sehen in der Saudi-Anklage auch gehörigen Frust mitschwingen. Schliesslich geht das Gros der Produktionskürzung auf das Konto der Scheichs. Sie haben die tägliche Fördermenge von knapp elf Millionen Fass auf unter zehn Millionen reduziert.

Andere Nationen haben lediglich einen symbolischen Beitrag erbracht. Russland produziert heute lediglich 300’000 Fass weniger als zu Spitzenzeiten. Der Iran hat die Fördermenge sogar ausgeweitet. Für die Saudis bedeutet das nichts anderes, als dass sie Marktanteile und damit Einnahmen eingebüsst haben. Denn die Preise stagnierten in den vergangenen Wochen.

Rückendeckung von der IEA

Allerdings stehen die Saudis mit ihrer Idee des Mythos der bald abflauenden Nachfrage nicht allein da. Die Internationale Energieagentur (IEA) hatte in Houston erst am Montag mehr Investitionen angemahnt. Denn die westlichen Strategen rechnen mit einem weiter steigenden Ölbedarf. So werde beispielsweise die Nachfrage aus Indien die aus China bald überholen. Das schnelle Ende der fossilen Energieträger durch eine «grüne Revolution» sehen sie nicht.

Dieser Text erschien zuerst bei unserem Schwesterblatt «Die Welt» unter dem Namen «Saudi-Arabien warnt vor dem weltweiten Energiecrash».

Anzeige