Vorsichtig. Abwartend. Abwägend. So hat sich Janet Yellen verhalten, seit sie im Februar 2014 den Vorsitz der Federal Reserve übernommen hat. Ja nichts überstürzen, lautete die Devise. Ja nichts kaputt machen. Ja keinen Fehler begehen.

Diese Haltung bleibt in Washington bestimmend. Denn die Weltwirtschaft ist auch sieben Jahre nach der Finanzkrise noch immer nicht voll in die Gänge gekommen. Die Situation ist zwar nicht mehr prekär. Doch sie bleibt diffizil. Mehrdeutig. Rätselhaft flau.

«Grosses Potenzial an Arbeitskräften bleibt ungenutzt»

Sinnbild dafür ist der US-Arbeitsmarkt. Auf den ersten Blick eine Erfolgsgeschichte: Die Arbeitslosigkeit ist seit der Spitze im Jahr 2009 von über 10 Prozent auf heute gut 5 Prozent gesunken. Monat für Monat werden Stellen geschaffen, zuletzt 173'000 im August.

Doch das Bild wird ambivalenter, je tiefer man in die Zahlen eintaucht. Vielerorts liegen die Löhne noch immer unter Vorkrisenniveau. Bei der Beschäftigung bleibt viel Luft. Über 10 Prozent der US-Erwerbsbevölkerung sind arbeitslos, fühlen sich unterbeschäftigt oder haben die Suche aus Frust ganz eingestellt. Die Erwerbsquote ist so tief wie letztmals in den 1980er-Jahren.

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«Derzeit herrscht kaum Lohndruck», sagt Ökonom Björn Eberhardt von der Credit Suisse. «Ein recht grosses Potenzial an Arbeitskräften bleibt ungenutzt.»

Handeln und abwarten

Damit nicht genug der Widersprüche. Zwar wächst die Wirtschaft, zwar schreitet die Technik voran. Trotzdem bleibt das Produktivitätswachstum flau. Die Konsumentenpreise sinken - trotz steigenden Börsen. Eine knifflige Aufgabe für Notenbanker wie Janet Yellen. Weder sie noch ihre Kollegen in Europa und Japan haben in ihrer Amtszeit jemals eine Zinserhöhung beschlossen. Der letzte Wendepunkt liegt bereits über zehn Jahre zurück (siehe Grafik).

Gleichzeitig liefert auch die Wissenschaft wenig nützliche Anhaltspunkte. Die makroökonomische Anleitung, wie postindustrielle Volkswirtschaften aus einer Depression zu führen sind, wurde mangels Erfahrungen noch nicht geschrieben.

«Trial and error» nennt der Ökonom Janwillem Acket von Julius Bär deshalb die Strategie, auf welche die Notenbanker nun zurückgeworfen sind: Versuch und Irrtum (siehe Interview).

Klein-klein-Spiel für mehrere Jahre

Ihm zufolge zeichnet sich eine sanfte Zinswende ab - ein eigentliches Zinswendchen. Von null aus setzt man den Leitzins um einen viertel Prozentpunkt hoch, danach wartet man ab. Man erhöht weiter, analysiert erneut die Folgen. Mehrere Jahre könnte sich das Klein-klein-Spiel so fortsetzen.

Das Vorgehen stünde im Kontrast zu den 1980er-, 1990er- und frühen 2000er-Jahren. In jener Ära, die heute als «grosse Moderation» bezeichnet wird, schienen Wirtschaftsgang und Zinszyklus einigermassen absehbar. Ökonomen hatten auch eine klare Vorstellung davon, wie Geldpolitik funktionieren sollte: Zinsen runter bei abkühlender Konjunktur; Zinsen hoch, wenn die Konjunktur zu überhitzen droht.

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Gestiegene Unschärfen 

Im Grundsatz gilt der Ansatz noch heute. Doch die Unschärfen sind gestiegen. Einerseits hat die Ökonomenwelt realisiert, dass die Wirtschaft viel komplizierter ist, als es die gängigen Modelle suggerierten. Heute bezieht man die Risiken des Finanzsektors mit in die Rechnungen ein, hinterfragt die quartalsweisen BIP-Werte stärker als früher.

Anderseits hat sich die Realwirtschaft selbst verändert. Die Wachstumsraten der Industrieländer sind kontinuierlich gesunken. Werte zwischen 1 und 2 Prozent, die im 20. Jahrhundert fast schon als Rezession galten, werden heute als normal betrachtet. Makroökonomische Parameter wie die Inflation, die Anlagerenditen oder das Zinsniveau bewegen sich heute nahe null.

Zahlreiche Bremsfaktoren

Die grosse Frage ist, ob diese Situation ein Ausnahmezustand oder die neue Normalität ist. Eine ehrliche Antwort aus Sicht der Notenbanker lautet: Man weiss es schlicht noch nicht. Zu fliiessend ist die Grenze zwischen zyklischem Tief und strukturellem Abwärtstrend. Gegensätze prägen die Gegenwart. Die Betriebswelt wird immer produktiver: Daten fliegen in Sekundenbruchteilen um den Globus, Roboter bauen Autos von A bis Z zusammen. Ersatzteile werden per 3D-Drucker gefertigt, wenn man sie gerade braucht.

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Trotzdem sprechen Ökonomen wie Larry Summers vom 21. Jahrhundert bereits als Epoche der «säkularen Stagnation». Mächtige Bremsfaktoren sind ins Blickfeld gerückt. Gesellschaftliche Ungleichheiten gehören dazu, ebenso die Demografie. Die Bevölkerung wächst langsamer, wird älter. Das drosselt den Wirtschaftsgang. Westliche Volkswirtschaften sind zunehmend gesättigt, lautet die Generalthese.

Als vielleicht grösste Bürde gilt der hohe Schuldenstand, den westliche Industrieländer aufweisen. Staaten, aber auch Privatleute und Unternehmen können und wollen nach der Krise kaum mehr Kredite aufnehmen. Glaubt man Leuten wie dem Harvard-Ökonomen Kenneth Rogoff, so könnte diese Tendenz noch Jahrzehnte auf dem Wirtschaftswachstum lasten. Entsprechend würden auch die Inflations- und Zinsraten über lange Zeit niedrig bleiben.

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«Angesichts der hohen Schulden können es sich die entwickelten Länder gar nicht leisten, die Realzinsen stark ansteigen zu lassen», sagt Andreas Höfert, Chefökonom bei der UBS.

Behutsame Notenbanker

Die USA und ihre Notenbank sind während der Finanzkrise vergleichsweise aggressiv vorgegangen. Deshalb können die USA als erster Wirtschaftsraum die Leitzinsen anheben. Am gestrigen Donnerstag hielt Fed-Chefing Janet Yellen zwar noch an der Nullzinspolitik fest. Das könnte sich im Oktober oder Dezember aber ändern.

Europa hinkt dabei zwei bis drei Jahre nach. Strukturell sind die Probleme hier grösser: Die Arbeitslosigkeit steht bei knapp 11 Prozent und geht nur langsam zurück. Die Europäische Zentralbank wird mit der Straffung darum länger zuwarten. Das trifft auch die Schweizerische Nationalbank. Deren Präsident Thomas Jordan wird sich in der Tendenz wie seine internationalen Kollegen verhalten. Vorsichtig. Abwartend. Abwägend.
 

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