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Dauerkrise
Das Endspiel um die Weltwirtschaft

Die anhaltende, weltwirtschaftliche Stagnation muss ein Ende haben, fordern Ökonomen. Doch wie soll der grosse Befreiungsschlag aussehen?

Von Simon Schmid
am 15.03.2016

«New Normal» hätte das Motto zur weltwirtschaftlichen Entwicklung nach der Finanzkrise lauten sollen. Die Phrase wurde 2009 geprägt vom damaligen Chefökonomen des Anleiheninvestors Pimco, Mohammed El-Erian. Die neue Normalität sollte historisch niedrige Zinsen, tiefe Inflationsraten und ein moderates Wachstumstempo bedeuten.

New Normal. Die Idee forderte zwar Investoren und Zentralbanker heraus, schien aber sonst ganz okay. Immerhin war man 2008 um Haaresbreite einer Depression entronnen. Es schien mit der Weltwirtschaft zwar langsam, aber irgendwie doch aufwärts zu gehen.

Nun ist die Stimmung gekippt. Rückschläge wie zuletzt im Januar häufen sich. Die Börsen werden immer nervöser, der Unmut unter den Bürgern nimmt zu. Dringliche Appelle werden vom IWF an Gremien wie die G20 gerichtet. Und auch El-Erian nimmt Abstand von seinem Konzept. Die neue Realität traf zwar ein, ist aber nicht okay.

Die Welt steckt im Teufelskreis

Warum nicht? Unter den Ökonomen herrscht für einmal Einigkeit, zumindest in groben Zügen. Drei Dinge werden im aktuellen Umfeld als kritisch erachtet. Erstens: Seit der Krise fällt alle Last auf die Zentralbanken. Notenbanker wie Mario Draghi sehen sich mit Quantita­tive Easing und Negativzinsen zu immer extremeren Massnahmen gezwungen, um der Wirtschaft ein letztes Wachstumsquäntchen abzuringen.

Zweitens: Im System wurden zu viele Schulden aufgetürmt – erst vom Privatsektor über Hypotheken und Spekula­tionskredite, später durch die Staaten wegen wegbrechender Steuereinnahmen und teurer Konjunkturprogramme. Inzwischen sind alle Seiten mit Schulden gesättigt. Sparen, Amortisieren und Abzahlen ist angesagt.

Drittens: Über die Jahrzehnte wuchs die Ungleichheit. Leute mit einfacher Bildung sind hinter Hochqualifizierte und Vermögende zurückgefallen. In den USA sind die Löhne stagniert, in Europa ist die Arbeitslosigkeit gestiegen. Wenig genützt hat ihnen das billige Geld der Notenbanken, das primär die Vermögenspreise nach oben getrieben hat.

In den letzten Jahren wurden die Wachstumsprognosen von Institu­tio­nen wie dem IWF immer wieder verfehlt. Regelmässig tauchen neue Problemherde auf – mal bereitet Brasilien Sorgen, mal der Ölpreis, mal China, mal der Finanzmarkt.

Aus der Zukunft geborgte Nachfrage

All dem zugrunde liegt der prekäre Modus, in dem die Weltwirtschaft heute operiert. Statt eines finanziell solide abgestützten Wachstums, das auch von breiten Bevölkerungskreisen getragen wird, herrscht «Bubblenomics»: Scheinwachstum wird mit billigem Geld erkauft; dies wiederum alimentiert eine ­Finanzblase, die sich unaufhaltbar ihren Weg um den Erdball bahnt und in den Ländern und ihren Volkswirtschaften abwechslungsweise Chaos sät.

Die globale Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen sei schwach, konstatieren Organisationen wie der IWF – deshalb werde nicht investiert. Für die Schwäche werden verschiedene Gründe angeführt, darunter kaputte Bilanzen, rigide Strukturen, tiefe Löhne.

An Konjunkturpolitik im gängigen Sinn ist jedoch nicht zu denken. Staaten stecken bereits in der Klemme, weil sie über die Jahre viel Geld für die breite Masse ausgegeben und wenig Steuern von Reichen eingetrieben haben. Auch Notenbanken machen schlapp, weil ihr altgedienter Trick nicht mehr klappt: Kreditgetriebene Nachfrage lässt sich, so formuliert es der einstige Gouverneur der Bank of England, Mervyn King, eben nicht ewig «aus der Zukunft borgen».

Wenig geht vorwärts – viele bleiben arbeitslos. Und die Gesellschaften altern. Was tun? So einig sich Ökonomen bei der Feststellung sind, dass es auf diese Art nicht mehr weitergehen kann, so unterschiedlich muten doch die Rezepte an, die einen Ausweg versprechen.

Fortführung des Status quo

Da ist zum Beispiel der Ansatz, den IWF und OECD propagieren. Sie empfehlen den Industrieländern ganz einfach, alle Register zu ziehen: Mehr Wettbewerb zuzulassen (Reformen), die Zinsen nicht anzuheben (Geldpolitik) und auch mehr Impulse über Infrastruktur­investitionen zu geben (Fiskalpolitik). Das Programm ist umfassend und dürfte – wenn es telquel durchgezogen würde – tatsächlich Schwung bringen. Und trotzdem wird es der Situation im entscheidenden Punkt nicht gerecht: Es ­adressiert nicht fundamentale Probleme wie die Verschuldung, die für die Dauerkrise verantwortlich sind. Politik nach dieser Façon vermag nicht mehr, als den Status quo aufzubessern.

Radikaler sind zwei andere Ideen. Sie markieren die eigentlichen Extrempole des Denkbaren. Auf der einen Seite steht die Politik des Prinzips «Hände weg». Sie läuft in ihrer reinsten Form darauf hinaus, ganz auf Konjunkturpolitik zu verzichten: Notenbanken sollten keine marktverzerrenden Stimuli einsetzen, Staaten sollten sich darauf beschränken, ihr Budget ausgeglichen zu halten. Die Idee dabei ist, dass erst ein grosser Knall geschieht – eine Rezession. Später soll die Weltwirtschaft neu starten, und zwar in einem produktiveren Gleichgewicht. Dabei gilt: Je weniger Regeln und Rigiditäten den Prozess behindern, desto reibungsloser läuft die Anpassung.

Die Vision einer solchen Rückkehr zum kapitalistischen Urzustand ist eine hoffnungsvolle und zugleich eine pessimistische. Sie glaubt nicht, dass die bestehende Wirtschaft besonders viel leisten kann. Präziser: Sie geht nicht davon aus, dass die realen Ressourcen wie Fabriken und Arbeitskräfte in ihrer momentanen Kombination überhaupt «unterausgelastet» sind, so wie es viele Ökonomen derzeit einschätzen.

Mehr und mehr dieser Ökonomen setzen sich inzwischen für sogenanntes «Helikoptergeld» ein – dem anderen Extrempol. Dies, weil sie glauben, dass in den Menschen und Maschinen noch viel Potenzial stecke. Potenzial, das sich abrufen liesse, wenn die Politik nur genug aggressiv vorginge. Konkret: Mit Gratisgeld, das die Notenbanken dem Staat oder den Haushalten aushändigen würden, damit diese aktiver werden und die Wirtschaft antreiben.

Der notwendige Kompromiss

Helikoptergeld ist ein Tabubruch, speziell in den Augen der Hände-weg-Doktrin. Doch am  Ende streben beide Ideen nach einem ähnlichen Ziel: Man will reinen Tisch machen. Altschulden sollen ihre Bedeutung verlieren – hier über Bankrotte, dort durch Wachstum und eine höhere Inflationsrate.

Klingt verrückt? Ist es auch. Doch der Verrücktheit zugrunde liegt eine triviale Erkenntnis: Man kann nicht den «Fünfer» und das «Weggli» haben. Zwischen den Zielen, die Schulden zu reduzieren, das Zinsgefüge zu normalisieren und eine kontinuierliche Beschäftigung vieler Menschen zu sichern, wird es einen Kompromiss geben müssen. Kreatives Denken ist gefragt. Denn: Nichts zu tun, ist die schlechteste aller Optionen.

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