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Logistikindizes
Das Orakel für die Weltwirtschaft

Sojabohnen werden auf ein Frachtschiff geladen

Frachtraten und Mietpreise für Schiffe gelten als Stimmungsbild der Wirtschaft – wenn sie richtig interpretiert werden. Seit Jahresbeginn zeigen sie eine leichte Besserung an.

Von Frederic Spohr
am 10.06.2013

Wenn Journalisten einen Artikel über einen Wirtschaftsboom bebildern wollen, dann nehmen sie gerne einen gut besuchten Haften mit voll beladenen Containerschiffen. Doch Redaktoren sind nicht die einzigen, die sich die enge Verbindung der Logistikbranche mit der Konjunktur zunutze machen.  Investoren und Ökonomen verwenden Indizes von Mietpreisen für Schiffe oder Frachtraten als Stimmungsbarometer und versuchen mit ihnen in die Zukunft zu schauen.  In den vergangenen sechs Monaten sind viele Indizes leicht angestiegen gestiegen – und geben damit Grund für verhaltenden Optimismus.

Eher positiv stimmt beispielsweise der Baltic Dry Index (BDIY) der Baltic Exchange in London, einem Marktplatz für Reeder und Schiffsmakler. Der Index misst die Frachtraten für Rohstoffe wie Metalle, Getreide und Kohle – also hauptsächlich Produkte, die erst noch weiterverarbeitet werden müssen. Hohe Preise für den Transport deuten auf eine hohe Nachfrage nach Kapazitäten und damit auf einen Aufschwung hin, sinkende Preise lassen eher auf ein Abflauen der Wirtschaft schließen.

Seit Jahresbeginn stieg der Index von rund 700 auf derzeit über 800 Punkte, auch wenn die Tendenz in den vergangenen Wochen wieder rückläufig war. Wie sensibel der Index reagiert, zeigte die Finanzkrise im Jahr 2008. Nach dem Zusammenbruch der Märkte im Herbst 2008 sackte der BDIY im Vergleich zu seinem Höchstwertum rund 94 Prozent ab und sagte so die kommende Krise in der Realwirtschaft voraus.

Von seiner Hochphase bei knapp 12000 Punkten ist der Index immer noch weit entfernt. Allerdings muss man beachten, dass die Zahl der Frachter seitdem stark zugenommen hat, was die Transportpreise natürlich drückt. Experten warnen deswegen auch davor, die Indizes überzubewerten. Das derzeitige Überangebot an Schiffen verschlechtert Aussagekraft der Frachtpreis-Indizes im Vergleich zur Zeit vor der Finanzkrise.

Rückschlüsse auf die aktuelle Konjunktur gibt der Harpex-Index, der vom Schiffsmakler Harper Petersen & Co in Hamburg veröffentlicht wird. Er bildet die Leasingraten für Containerschiffe ab. Da in den Containern meistens bereits verarbeitete Waren transportiert werden, lässt der Index auf die aktuelle Stimmungslage in der Wirtschaft schliessen.  Auch der Harpex war in den vergangenen sechs Monaten auf dem Weg nach oben: Seit Jahresbeginn kletterte der Index von rund 350 auf etwa 400 Punkte. Damit liegt er knapp über dem Durchschnitt der vergangenen zwölf Monate von knapp 390 Zählern.

Manche Forscher machen sich sogar die Mühe, einen eigenen Index mit aktuellen Daten aus der Logistikbranche zu entwickeln. Jeden Monat erscheint beispielsweise der Container-Umschlagindex des Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsinstituts in Essen und des Instituts für Seewirtschaft in Bremen.

Der Index beschreibt die Auslastung der 72 grössten Seehäfen, die insgesamt 60 Prozent des Welthandels auf den Meeren abwickeln. Referenz ist das Jahr 2008 mit einem Wert von 100. Der Index hielt sich dieses Jahr auf recht hohen Niveau, doch bei der aktuellsten Erhebung für April gab es einen Einbruch von 116,7 auf 114,7 Zähler.  Noch gibt es aber keinen Grund für Panik, denn solche Dämpfer gab es auch schon in der Vergangenheit häufig – ohne dass es zu einer Trendwende kam: „Es bleibt abzuwarten, ob der jüngste Rückgang des Index tatsächlich eine rückläufige Grundtendenz des Welthandels anzeigt“, schreiben die Experten des Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsinstituts.

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