Der Preisverfall am Ölmarkt wird immer stärker. Während ein Fass (159 Liter) der Ölsorte Brent im vergangenen Sommer noch rund 114 Dollar kostete, ist sein Preis in der Zwischenzeit auf rund 40 Dollar gefallen. Die Ursache für das spottbilige schwarze Gold ist das Überangebot am Markt. Und diese Ölschwemme wird aktuell immer grösser.

Denn die Organisation Erdöl exportierender Länder, kurz Opec, kümmert sich nur wenig um die selbstgesetzten Fördergrenzen von 30 Millionen Fass pro Tag und will diese schon gar nicht weiter einschränken. Zu gross ist die Angst, dann Marktanteile zu verlieren. Da nehmen die Staaten lieber die billigen Preise in Kauf und hofften auf eine dadurch wachsende Nachfrage.

Iran will mehr Öl pumpen

Auch andere Produzenten wie Russland oder die USA tragen zur Ölschwemme bei. Der Iran hat ebenfalls angekündigt, wieder mehr Öl aus dem Boden zu pumpen, sobald die Wirtschaftssanktionen auslaufen. Das dürfte den Preisverfall noch weiter verstärken. Die US-Investmentbank Goldman Sachs hält in den kommenden Jahren gar einen Ölpreis von 20 Dollar für denkbar.

Doch billiges Öl hat nicht nur Vorteile, zum Beispiel durch günstigere Benzin- oder Heizölpreise, sondern auch eine ganze Menge Nachteile: Für die Ölkonzerne, für verschiedene Volkswirtschaften weltweit und für die Umwelt.

Ölkonzerne in Bedrängnis

Die grossen Öl-Firmen wie Exxon, Chevron, Eni, BP und Shell leiden besonders unter dem Preisverfall, immerhin verdienen sie ihr Geld mit der Förderung, der Verarbeitung und dem Vertrieb von Erdöl.

Höhe Ölpreise sind für sie daher gut, niedrige schlecht. In ihren letzten Quartalsbilanzen mussten die Ölkonzerne deutliche Gewinnrückgänge ausweisen, bei Shell fiel sogar ein Milliardenverlust an.

Schiefergas-Industrie in Schieflage

Die Fracking-Industrie, vor allem in den USA, wird ebenfalls besonders hart vom Preisverfall am Ölmarkt getroffen — und das ist auch die volle Absicht der Opec. Denn beide liefern sich einen erbitterten Kampf um Marktanteile.  Die Opec will mit dem Überangebot bewusst auch der Konkurrenz aus den USA schaden und setzt darauf, dass dieser zuerst der Atem ausgeht.

Beim Fracking wird mittels eines komplizierten und teils umstrittenen Verfahrens Schieferöl aus tiefen Gesteinsschichten gefördert. Das ist aufwendig, nicht ganz billig und lohnt sich laut Experten erst ab einem Ölpreis von 70 bis 80 Dollar. Da dieser davon aktuell weit entfernt ist, wird die Schieferölförderung in den USA immer unattraktiver.

Alternative Ölfördermethoden

Ähnliches wie für Fracking gilt auch für andere alternativen Methoden der Ölgewinnung. In Kanada wird beispielsweise Öl aus Teersand gewonnen. Die Fördermthode gilt als sehr umweltbelastend. Der niedrige Ölpreis dürfte nun das schaffen, was Umweltschützer vergeblich versucht haben, nämlich diese Projekte deutlich zu bremsen.

Da die alternativen Fördermethoden deutlich teurer sind als die konventionellen, sind Firmen oder Regierungen kaum mehr bereit, grosse Summenzu investieren. Auch wenn dadurch, wie in Kanada, zahlreiche Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen.

Elektroautos verlieren an Attraktivität

Der Transport-Sektor ist für einen grossen Teil des weltweiten Ölkonsums verantwortlich; vermutlich spüren wir den tiefen Ölpreis im Alltag am meisten an der Tankstelle. Da die Preise dort in den letzten Jahren immer mehr gestiegen sind, ging der Trend zuletzt zu kleineren Autos mit einem geringeren Verbrauch oder gleich zum Car-Sharing. Das könnte sich jetzt ändern. In den USA geht der Trend längst wieder zur Dreckschleuder und auch in Europa steigt die Nachfrage nach Pick-Up-Trucks.

Tatsächlich schaffen sich die meisten Leute nicht gleich ein grösseres Fahrzeug an. Aber sie fahren höchstwahrscheinlich wieder mehr mit dem Auto, dass sowieso schon in der Garage steht. Leiden dürfte allerdings die Nachfrage nach Hybrid- und Elektrofahrzeugen. Denn diese sind verhälnismässig teuer. Geld, dass man bei einem niedrigen Ölpreis nicht so schnell wieder herausgefahren hat.

Sogar Saudi-Arabien leidet

Saudi-Arabien ist der weltgrösste Ölförderer. Doch auch das Wüsten-Königreich kann die Kampfpreise nicht ewig durchhalten. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert dem Land für dieses Jahr ein Budgetdefizit von 120 Milliarden Dollar – das entspricht etwa einem Fünftel des Bruttoinlandprodukts. König Salman musste bereits Grossprojekte absagen oder verschieben und hat erstmals seit 2007 Staatsanleihen mit einer Laufzeit von mehr als 12 Monaten begeben.

Laut IWF brauchen die Saudis einen Ölpreis von rund 80 Dollar pro Fass, um den Staatshaushalt ohne Fremdfinanzierung auszugleichen. Der Grund, warum die Scheichs den Preiskampf trotzdem anfachen, ist einfach: In den 1980ern hatte Saudi-Arabien die Ölproduktion als Reaktion auf einen stark gefallenen Ölpreis heruntergefahren — also genau das getan, was man heute nicht tun will. Denn die Folge war damals ein massiver Verlust an Marktanteilen, den man erst nach mehreren Jahren wieder aufholen konnte.

Preis nähert sich der Schmerzgrenze

Nicht nur Saudi-Arabien leidet – auch andere Förderstaaten stürzt das Billigöl in die Krise. Viele ölexportierende Länder vor allem in Afrika und Lateinamerika sind auf Ölpreise von 100 Dollar pro Fass angewiesen, da sie nur so ihre Staatsausgaben finanzieren können. Der niedrige Ölpreis bringt sie daher sie daher an den Rand der Pleite.

In besonders grossen Schwierigkeiten sind Russland und Venezuela. Laut der Agentur Bloomberg liegt die Schmerzgrenze für die russische Wirtschaft ungefährt bei einem Ölpreis von 30 Dollar. Das ist momentan noch nicht der Fall, doch der Preis könnte durchaus so tief sinken.

Venezuela vor der Pleite

Venezuela steht dagegen schon jetzt kurz vor der Pleite. Das lateinamerikanische Land ist im höchsten Mass vom schwarzen Gold abhängig: Öl ist für 95 Prozent der Exporte und zwei Drittel der Einnahmen im Staatshaushalt verantwortlich. Damit der Haushalt ausgeglichen ist, braucht Venezuela einen Ölpreis von 117 Dollar pro Fass, aktuell liegt er aber bei gut einem Drittel dieses Wertes.

Die Wirtschaftsmisere bringt auch die Regierung von Präsident Nicolás Maduro ins Strudeln – in den Parlamentswahlen vom Sonntag konnte die konservative Opposition stark zulegen. Laut Experten liegt die Wahrscheinlichkeit für eine Pleite Venezuelas in den nächsten fünf Jahren bei 90 Prozent.

Eine ausführliche Version des Artikels erschien bei Business Insider Deutschland unter dem Titel: «Spottbilliges Öl: Wer sich darüber freut und wen es in die Pleite treibt».

 

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