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Das US-Wirtschaftssystem lässt die Menschen im Stich

Nobelpreisträger Stiglitz: «95 Prozent gehen an das reichste 1 Prozent.»   Handelszeitung

Die amerikanische Wirtschaft schafft zwar wieder mehr Jobs, schreibt Nobelpreisträger Joe Stiglitz. Doch von der Erholung profitiert nur der reichste Teil der Gesellschaft. Die meisten gehen leer aus.

Von Joseph E. Stiglitz
am 29.01.2014

Die Ökonomie wird im englischen Sprachraum häufig als dismal science (trostlose Wissenschaft) bezeichnet, und während des letzten halben Jahrzehnts hat sie sich diesen Ruf in den hochentwickelten Volkswirtschaften ehrlich verdient. Leider dürfte sich daran im kommenden Jahr kaum etwas ändern. Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf in Frankreich, Griechenland, Grossbritannien, Italien, Spanien und den USA ist heute niedriger als vor Beginn der Grossen Rezession.

In den USA immerhin besteht Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Korrigierte Daten deuten darauf hin, dass das reale BIP im dritten Quartal 2013 mit einem jährlichen Tempo von 4,1 Prozent wuchs, während die Arbeitslosenquote im November endlich 7 Prozent erreichte – das ist der niedrigste Stand in fünf Jahren. Ein halbes Jahrzehnt geringer Bautätigkeit hat das Übermass an Bauten während der Immobilienblase grösstenteils ausgeglichen.

Haushaltseinschnitte in diesem Jahr kleiner

Die Erschliessung enormer Schieferöl- und -gasreserven hat Amerika seinem schon lange verfolgten Ziel energiewirtschaftlicher Unabhängigkeit näher gebracht und die Gaspreise auf Rekordtiefststände fallen lassen, was zu einem ersten Hoffnungsschimmer in Bezug auf eine Erholung in der produzierenden Industrie beigetragen hat. Und auf den boomenden Hightech-Sektor der USA ist inzwischen die ganze Welt neidisch.

Vor allem aber ist im politischen Prozess wieder ein Fünkchen Vernunft eingekehrt. Die automatischen Haushaltseinschnitte – die das Wachstum 2013 um bis zu 1,75 Prozentpunkte vom ansonsten Möglichen verringerten – bestehen fort, aber in deutlich milderer Form. Zudem haben sich die Kostensteigerungen bei der Krankenversorgung – ein Haupttreiber langfristiger Haushaltsdefizite – abgeschwächt. Laut dem Congressional Budget Office sollen die Ausgaben für Medicare und Medicaid (die staatlichen Programme zur Krankenversorgung von Alten und Armen) 2020 um rund 15 Prozent unter dem 2010 vorhergesagten Niveau liegen.

2014: Mehr Jobs in den USA

Es ist möglich – und sogar wahrscheinlich – dass das Wachstum in den USA 2014 hoch genug ausfallen wird, um mehr Arbeitsplätze zu schaffen, als für Neueinsteiger in den Arbeitsmarkt gebraucht werden. Zumindest die riesige Anzahl jener, die eine Vollzeitbeschäftigung suchen und bisher nicht finden konnten (rund 22 Millionen), dürfte fallen.

Doch wir sollten nicht zu euphorisch werden. Ein überproportionaler Anteil der derzeit entstehenden Arbeitsplätze liegt im Niedriglohnsektor – so viele, dass die Medianeinkommen (die mittleren Einkommen) weiter zurückgehen. Die Erholung geht an den meisten Amerikanern vorbei; 95 Prozent der Gewinne gehen an die reichsten 1 Prozent der Bevölkerung.

Selbst vor Rezessionsbeginn funktionierte der Kapitalismus amerikanischen Stils für einen Grossteil der Bevölkerung nicht. Die Rezession hat seine scharfen Kanten lediglich deutlicher sichtbar werden lassen. Das Medianeinkommen liegt (inflationsbereinigt) noch immer unter dem Stand des Jahres 1989, vor fast einem Vierteljahrhundert; und das Medianeinkommen von Männern ist heute niedriger als vor 40 Jahren.

Aber Langzeitarbeitslosigkeit ist das grosse Problem

Amerikas neues Problem ist die Langzeitarbeitslosigkeit, die fast 40 Prozent derjenigen, die keine Arbeit haben, betrifft. Sie wird noch verschärft durch eines der schlechtesten Systeme zur Arbeitslosenversicherung unter den hochentwickelten Ländern, dessen Leistungen normalerweise nach 26 Wochen auslaufen. In Phasen des Abschwungs verlängert der US-Kongress diese Leistungen, weil er anerkennt, dass die Betroffenen nicht deshalb arbeitslos sind, weil sie sich nicht um Arbeit bemühen, sondern weil es keine Arbeitsplätze gibt.

Aber jetzt weigern sich die Republikaner im Kongress, das Arbeitslosensystem dieser Realität anzupassen; Als der Kongress in die Urlaubspause ging, gab er den Langzeitarbeitslosen das Äquivalent einer Kündigung: Seit Jahresbeginn 2014 sind die rund 1,3 Millionen Amerikaner, deren Arbeitslosenunterstützung Ende Dezember ausgelaufen ist, auf sich allein gestellt. Frohes Neues Jahr.

Wirtschaft tut sich schwer, Arbeitskräfte umzuschulen

Zugleich ist einer der Hauptgründe dafür, dass die US-Arbeitslosenquote derzeit so niedrig ist, dass so viele Leute aus dem Arbeitsmarkt ausgestiegen sind. Die Erwerbsbeteiligung ist auf einem Stand angekommen, wie man ihn seit mehr als drei Jahrzehnten nicht mehr erlebt hat. Es gibt Stimmen, die behaupten, dies spiegele primär die demografische Entwicklung wider: Ein zunehmender Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter sei über 50, und die Erwerbsbeteiligung sei in dieser Altersgruppe schon immer niedriger gewesen als bei den Jüngeren.

Aber damit wird das Problem nur anders umschrieben: Die US-Wirtschaft war nie gut darin, Arbeitskräfte umzuschulen. Amerikanische Arbeitnehmer werden wie Einwegartikel behandelt, die man wegwirft, wenn sie mit den Änderungen von Technologien und Markt nicht länger Schritt halten können. Der Unterschied heute ist, dass diese Arbeitnehmer nicht länger nur einen kleinen Bruchteil der Bevölkerung ausmachen.

US-Wirtschaftssystem lässt die Menschen im Stich

Nichts davon ist unvermeidlich. Es ist ein Ergebnis einer schlechten Wirtschaftspolitik und einer noch schlechteren Sozialpolitik, die die wertvollste Ressource des Landes – die Talente seiner Bevölkerung – verschwendet und den Betroffenen und ihren Familien enormes Leid zufügt. Diese Menschen wollen arbeiten, aber das US-Wirtschaftssystem lässt sie im Stich.

Angesichts der in 2014 in Europa fortdauernden Probleme und einer Konjunkturerholung in den USA, von der nur die ganz oben profitieren, bin ich trostlos. Auf beiden Seiten des Atlantiks erfüllen die Marktwirtschaften die Bedürfnisse der Mehrheit der Menschen nicht. Wie lange kann das so weitergehen?

Joseph E. Stiglitz ist Nobelpreisträger für Ökonomie und Professor an der Columbia University. Zuletzt ist als Buch von ihm erschienen: Der Preis der Ungleichheit: Wie die Spaltung der Gesellschaft unsere Zukunft bedroht.

Der hier erschienene Kommentar wurde gegenüber seiner Originalfassung gekürzt.

Copyright: Project Syndicate, 2014.
www.project-syndicate.org

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