Das Schweizer Kleingewerbe steuert auf eine schweren Krise zu. Fast alle Geschäfte mussten wegen des Corona-Virus schliessen. Doch wenn der Coiffeur keine Haare schneidet, kann er auch keine Miete zahlen.

Viele Betriebe geraten in Zahlungsschwierigkeiten, andere werden gar aufgeben müssen. Das trifft auch die Eigentümer dieser Geschäftslokale: Ihre Immobilie verliert an Wert.

Das ist zwar nur die Einschätzung in der aktuellen Situation - und die Lage ändert sich während einer Pandemie fast stündlich. Vielleicht wird die Wirtschaft und vor allem das Gewerbe gar nicht so stark leiden.

Aber zumindest die Börse rechnet damit.

Die Börse bildet die Erwartung ab

Das zeigt sich am Kurs einiger Immobilienfonds. Es sind Gesellschaften, die viele Geschäftsliegenschaften besitzen: Gewerberäumlichkeiten, Gastronomieflächen, Industriebauten oder Hotelbetriebe.

Manche dieser Fonds sind heute an der Börse weniger wert als in ihren Büchern. Sie werden zu einem sogenannten Disagio gehandelt statt einem Agio.

Anzeige

Das bedeutet, dass die Immobilien dieser Gesellschaften aus Sicht der Börse zu hoch bewertet sind – und dass die Anleger von einer Korrektur ausgehen.

Sonst winkt Investoren ein garantierter Gewinn: Sie können sich ihre Anteile für teils deutlich mehr Geld auszahlen lassen, als sie dafür an der Börse ausgeben.

Hier ist etwas Börsenkunde nötig, denn Immobilienfonds besitzen eine Eigenheit: Investoren können sich ihre Anteile auch auszahlen lassen, zum sogenannten Nettoinventarwert der Liegenschaften, die im Fonds enthalten sind (nach mindestens zwölf Monaten, auf Ende Jahr).

Eine saftige Rendite

Bei welchen der an der Schweizer Börse gehandelten Fonds steht aktuell (Stand Donnerstagnachmittag) ein Minus vor dem Agio? Es sind mehrere, beispielsweise dem SF Commercial Properties Fund. Er umfasst 19 Immobilien, grösstenteils für die Industrie und Logistik oder als Lager genutzte Objekte. Am Donnerstagnachmittag war der Fonds an der Börse je Aktie 85.2 Franken wert – der Rückgabepreis beträgt jedoch 101 Franken.
 
Eine attraktive Rendite – auf dem Papier – bietet derzeit auch der  Credit Suisse Real Estate Fund Hospitality. Darin enthalten sind zur Hälfte Hotels, Kinos, Restaurants, die sich schwergewichtig im Tessin befinden. Der Kurs stand am Donnerstagnachmittag bei 85.05 Franken. Der Rückgabepreis beträgt 87.40 Franken.

Donato Scognamiglio

IAZI-Leiter Donato Sognamiglio: Er rechnet mit Wertverlusten bei Geschäftsliegenschaften.

Quelle: ZVG
Anzeige

Ein schwarzes Halbjahr für viele Branchen

Nicht nur Immobilienfonds sind an der Börse unter Druck - seit drei Wochen geben Aktienkurse generell stark nach. Am Mittwoch sank der Swiss Market Index erneut um über 1,8 Prozent. Das SMI-Minus seit dem 24. Februar, als die Börsen ins Rutschen kamen, beträgt 25 Prozent.

Für Branchenexperte Donato Scognamiglio spiegelt der Kursverlust von Immobilienfonds aber nicht nur die allgemeine Börsenlage. «Wenn Immobilienfonds an der Börse weniger wert sind als ihr innerer Wert, zeigt dies, dass die Investoren die Liegenschaftswerte tiefer einschätzen», sagt Scognamiglio.

Er rechnet mit einer spürbaren Reduktion der Mieteinnahmen in den nächsten sechs Monaten bei Immobilien aus den stark betroffenen Bereichen wie Hotel und Gastronomie, Tourismus sowie Detailhandel. 

Anzeige

«Wir sind in einer Schocksituation»

«Wir sind in einer Schocksituation. Es jedoch zu hoffen, dass in der zweiten Jahreshälfte, nach Corona, die Umsätze umso stärker wieder ansteigen werden, so dass sich die Wertverluste in Grenzen halten», sagt der Leiter des Zürcher Immobiliendienstleisters IAZI.