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Herausforderung
Der Brexit wird zum grossen Test für die SNB

SNB-Direktorium: Das Team um Thomas Jordan ist durch den Brexit gefordert. Keystone

Die Schweizer Wirtschaft kann ein Brexit nicht kalt lassen: Verlassen die Briten die EU, könnte der Franken noch härter werden. Ob die Schweizer Währungshüter dagegenhalten können, ist fraglich.

Veröffentlicht am 13.05.2016

Devisenhändlern steht ein unruhiger Sommer bevor: Sollten sich die Briten am 23. Juni für einen EU-Austritt entscheiden, werden Anleger Experten zufolge Milliarden von der Insel abziehen und in den «sicheren Hafen» Schweiz fliehen. Dies würde zu einem neuerlichen Höhenflug des Franken führen, Schweizer Waren im Ausland noch teurer machen und damit der exportorientierten Wirtschaft des Landes schaden.

Die Schweizerische Notenbank (SNB) wird daher sicher alle Hebel in Bewegung setzen, um eine weitere Aufwertung zu verhindern. Interventionen am Devisenmarkt seien ebenso möglich wie eine neuerliche Zinssenkung, prognostizieren Analysten. Ob es den Währungshütern damit gelingt, die Brexit-Schockwellen von der Schweiz fernzuhalten und den Franken zu schwächen, ist allerdings umstritten.

Franken könnte Pfund überrunden

Sollten sich die Briten für einen EU-Austritt aussprechen, würden das britische Pfund und auch der Euro unter Druck geraten, sagt HSBC-Chefdevisenstratege David Bloom. «Das würde den Franken ins Spiel bringen.» Denn die vergleichsweise stabile und neutrale Schweiz gilt bei Investoren, die ihr Geld gerne in Europa halten, als beliebtes Anlageland.

Die Experten des Analysehauses Roubini erwarten, dass der Euro bei einem Brexit sogar unter die Parität zum Franken sinkt – sofern die SNB nicht unmittelbar gegensteuert. Das gab es zuletzt, als die Notenbank vor gut einem Jahr völlig überraschend ihren Euro-Mindestkurs von 1,20 Franken aufgehoben und damit Marktturbulenzen ausgelöst hatte. Derzeit kostet ein Euro 1,1040 Franken.

Horrorszenario

Für die Schweizer Wirtschaft wäre das ein Horrorszenario. Bereits im vergangenen Jahr bauten zahlreiche Firmen Arbeitsplätze ab oder verlagerten ihre Produktion ins Ausland, um mit den günstigeren Herstellungskosten der Konkurrenz mithalten zu können.

Dazu will es die SNB nach Einschätzung von Marktbeobachtern nicht kommen lassen. Ihre nächste reguläre vierteljährliche Sitzung ist für den 16. Juni geplant – eine Woche vor dem britischen Referendum. UBS-Chefökonom Daniel Kalt erwartet von den Währungshütern zunächst weitere Devisenkäufe, um den Franken zu schwächen. «Die erste Verteidigungslinie werden Interventionen sein.» Dabei könne die SNB ähnlich tief in die Tasche greifen wie im Januar 2015, als sie wöchentlich 15 bis 20 Milliarden Franken in Euro-Käufe investiert habe.

SNB ist schon aktiv

Offenbar ist die SNB sogar schon aktiv geworden, wie die Entwicklung der Einlagen der Geschäftsbanken bei der Notenbank nahelegt. Sie waren in den vergangenen Wochen kontinuierlich gestiegen. Um den Franken gegenüber dem Euro zu schwächen, kauft die Zentralbank den Geschäftsbanken Euros ab.

Zusätzliche Devisenkäufe würden die aktuell knapp 650 Milliarden Franken umfassende Bilanz der SNB allerdings weiter aufblähen. Die HSBC-Experten gehen daher davon aus, dass die Auswirkungen eines Brexit auf den Franken so massiv wären, dass dies den Appetit der SNB für weitere Interventionen übersteigt.

Unerwünschte Nebenwirkungen

Alternativ könnten die Währungshüter die ohnehin rekordtiefen Zinsen von minus 0,75 Prozent weiter senken. Doch das würde Pensionskassen und Versicherungen sowie Banken in der Schweiz noch stärker unter Druck setzen. Zudem haben Finanzinstitute angekündigt, die Negativzinsen auch an Privatkunden weiterzugeben, sollte die SNB sie verschärfen.

«Das ist ein schwieriges Unterfangen für die SNB. Sie kämpft gegen Entwicklungen in Europa, die sie nicht steuern kann», sagte der Chef des Zürcher Währungsexperten ACT Currency Partner, Felix Adam. HSBC-Experte Bloom denkt, dass die Schweizer Währungshüter daher ein so weitreichendes und nicht von ihnen selbst kontrollierbares Ereignis wie einen Brexit akzeptieren müssten. Die SNB wollte sich dazu nicht äussern.

(reuters/mbü)

 

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