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Konjunktur

Der deutsche Motor stottert, die Schweiz gerät aus dem Takt

Produktionsband bei Mercedes: Glutz beliefert vor allem deutsche Premium-Hersteller

Dauerkrise in der Eurozone, Fiskalklippe in den USA, Stellenabbau weltweit: Eine «Tour d'Horizon» durch die aktuellen Bedrohungen und Herausforderungen.

Von Armin Müller
am 16.11.2012

Autokrise

Die europäischen Autohersteller leiden unter einer schweren Absatzkrise. Die Zulassungen von Neuwagen sind in der EU im September den zwölften Monat in Folge geschrumpft. Der Rückgang gegenüber dem Vorjahr beträgt nach neun Monaten 7,6 Prozent. Besonders stark betroffen sind die Marken Opel, Peugeot und Citroën, die kaum ausserhalb Europas verkaufen. Die Krise schlägt voll auf die starke Schweizer Autozulieferindustrie durch.

Deutsche Schwächezeichen

Der europäischen Konjunkturlokomotive geht der Schnauf aus. Der Absturz in der Autoherstellung zieht die gesamte industrielle Produktion im wichtigsten Exportmarkt der Schweiz nach unten. Der Einkaufsmanager- Index der deutschen Industrie, ein zuverlässiger Indikator für die Konjunktur, deutete im Oktober zum achten Mal in Folge auf eine Schrumpfung hin. Die Ökonomen des Anleihespezialisten Bantleon in Zug erwarten für das vierte Quartal mit knapp –3 Prozent «den schärfsten Einbruch» der Industrieproduktion seit über drei Jahren. Das deutsche Buttoinlandprodukt (BIP) werde in der Folge im vierten Quartal mit –0,3 bis –0,4 Prozent schrumpfen. Für 2013 rechnen die Ökonomen der Credit Suisse mit einem BIP-Wachstum von 1,2 Prozent.

Dauerkrise in der Euro-Zone

Düster sehen die Aussichten für die gesamte Euro-Zone aus. Die Wirtschaft schrumpft im laufenden Jahr, für 2013 rechnen die Prognostiker mit kaum mehr als einem Nullwachstum. Spanien steckt in der Depression, Frankreich stagniert. Griechenland konnte sich zwar mit den internationalen Geldgebern einigen und erhält nun zwei Jahre mehr Zeit zur Umsetzung der geforderten R eformen. Doch ein Ende der Krise ist nicht in Sicht.

USA vor der «Fiskalklippe»

Einigen sich Demokraten und Republikaner bis zum Jahreswechsel nicht auf Massnahmen zum Defizitabbau, treten automatisch Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen in Kraft. Das würde die USA in eine Rezession stürzen. Die Angst vor dieser «Fiskalklippe» beeinträchtigt die wirtschaftlichen Aussichten in den USA.

Zweifel an China

In den Schwellenländern schwächt sich das Wachstum ebenfalls ab. Die neuesten Daten aus China deuten auf eine Stabilisierung hin. Aber der Führungswechsel an der Spitze des Staates bringt zusätzliche Unsicherheit. «Wir haben überall Baustellen», umschreibt Nannette Hechler-Fayd’herbe, Ökonomin der Credit Suisse, die globale Situation.

Schweizer Export kriselt

Die steife Brise aus Asien kühlt nun auch die heissgelaufene Uhrenbranche etwas ab (siehe Sonderbeilage Uhren+Schmuck, Seite 3). Die Uhrenexporte gingen im September erstmals zurück. Hauptverantwortlich waren die starken Rückgänge in Hongkong (–19,9 Prozent) und China (–27,5 Prozent). Für die Uhrenindustrie bedeutet das allerdings nur einen kleinen Dämpfer in einem bisher höchst erfolgreichen Jahr. Die weltweite Abkühlung trifft dagegen die Maschinen-, Elektro- und M etallindustrie hart. In den ersten neun Monaten sanken die Bestellungseingänge der Swissmem- Firmen um 7,8 Prozent. Bisher drückte die Frankenstärke auf die Margen, aber die starke Nachfrage kompensierte die Einbussen einigermassen. Das fällt nun weg. «Jetzt zeigen sich die Bremsspuren der globalen Konjunkturabkühlung», sagt Daniel Kalt, Chefökonom Schweiz der UBS.

Klumpenrisiko Deutschland

20 Prozent der Schweizer Exporte gehen ins nördliche Nachbarland. «Deutschland ist für die Schweizer Exportindustrie der Transmissionsriemen in die weite Welt», sagt Daniel Kalt. Das Exportvolumen in die südeuropäischen Länder sei schon seit etwa zwölf Monaten deutlich rückläufig. «Jetzt beginnt das Wachstum in Deutschland zu bröckeln, das macht schon Sorgen», sagt Kalt. Die Konjunkturumfrage der KOF/ETH widerspiegelt die verschlechterte Stimmung bei den Schweizer Unternehmen. Der über alle Branchen erhobene Geschäftslageindikator sank in der jüngsten Befragung auf den niedrigsten Stand seit zweieinhalb Jahren.

Binnenwirtschaft boomt

Die Schweizer Wirtschaft fährt derzeit mit zwei Geschwindigkeiten. Während die Exporteure der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie sowie der Tourismus und das Gastgewerbe praktisch stillstehen, laufen Bauwirtschaft, Pharma, Versicherungen und Konsum weiterhin auf hohen Touren. Die Treiber der Binnenwirtschaft – starke Zuwanderung, historisch tiefe Zinsen und expansive Geldpolitik – halten die Konjunktur am Laufen. Gespalten ist der Finanzsektor. Gemäss KOF-Konjunkturumfrage läuft das Geschäft mit den inländischen Kunden sehr gut, jenes mit Ausländern dagegen schlecht. Die Spannbreite der Prognosen für 2013 reicht von 0,8 bis 1,5 Prozent.

Beschäftigung

UBS, Lonza, Elmex, Tornos, Credit Suisse – die Meldungen über umfangreiche Restrukturierungen mit massivem Stellenabbau häuften sich in den letzten Wochen. Insgesamt nahm die Beschäftigung allerdings bisher weiter zu. George Sheldon, Arbeitsmarktexperte an der Universität Basel, berechnet einen zuverlässigen Frühindikator für die Arbeitslosigkeit. Dieser zeigt seit einiger Zeit leicht nach oben. Sheldon erwartet deshalb für die nächsten Monate «eine leicht steigende Arbeitslosigkeit auf etwa 3,2 Prozent». Im Vergleich zu früheren Konjunktureinbrüchen bleibe der Anstieg jedoch  «einigermassen moderat».

 

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