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Der geldpolitische Albtraum der Schweiz

Überschwappende Aktivitäten: Sambaschule mit Schweizer Sujet am Karneval von Rio.

Die eidgenössischen Zehnjahreszinsen stehen auf einem neuen Minusrekord. Warum? Die Erklärung beginnt bei der Finanzkrise – und reicht einmal um den ganzen Erdball.

Von Simon Schmid
am 22.10.2015

Es ist Oktober – und die Zinsen stehen dort, wo sie bereits im Januar standen, eine Woche nach Aufhebung der Euro-Untergrenze: tief im negativen Bereich.

Im Verlauf des gestrigen Donnerstagnachmittags wurde sogar ein neuer Minusrekord erreicht. -0,33 Prozent lautete der Zinssatz auf zehnjährige Anleihen der Eidgenossenschaft, meldete die Financial Times. Anleger bezahlen für Schweizer Staatsobligationen derzeit also einen hohen Preis: Pro Jahr legen sie umgerechnet Zinsen von 0,33 Prozent drauf.

Der unmittelbare Anlass dieses Tauchers ist offensichtlich. Die Europäische Zentralbank hat eine weitere Lockerung ihrer Geldpolitik im Dezember in Aussicht gestellt. Das Führungsgremium um Mario Draghi scheint bereit, das im Frühling gestartet Anleihenkaufprogramm auszuweiten – also monatlich grössere Summen auszugeben oder den Zeitraum der Käufe zu verlängern. Selbst über eine weitere Senkung der ohnehin schon negativen Einlagesätze (-0,2 Prozent) dachte Draghi laut nach.

Schwellenländer machen schlapp

Damit geht der Spuk auch für die Schweiz weiter. Die Schweizerische Nationalbank wird länger warten müssen, bis sie ihre eigenen, rekordtiefen Leitzinsen anheben kann. Diese sind seit Januar negativ, und zwar bei -0,75 Prozent. Auch der Schweizer Franken wird zum Euro nicht wesentlich abwerten können, so lange die EZB mit ihrem Quantitative-Easing-Programm auf die Tube drückt.

Warum muss die EZB so expansiv sein? Warum kommt die Eurozone wirtschaftlich noch immer nicht aus den Startlöchern? Eine prägende Tendenz der letzten Monate ist, dass Europa weniger Unterstützung vom Rest der Welt erhält. Mario Draghi wies in seiner Pressekonferenz darauf hin:

Overall, we expect the economic recovery to continue, albeit dampened, in particular, by weaker than expected foreign demand. (Zitat aus dem Einführungsstatement der Pressekonferenz)

Nachdem sich die Binnenwirtschaft der Eurozone gerade zu erholen beginnt, fehlt nun also die Nachfrage aus den USA und den Schwellenländern. Das ist fatal für den Währungsblock, dessen zentrale Strategie seit der Eurokrise auf dem Export beruht: Andere Länder sollen in Europa für Nachfrage sorgen, während sich die Staaten der Währungsunion gesundsparen.

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Überbelastete Krisenmotoren

Mit den USA und Europa haben die zwei wichtigsten Wirtschaftsräume dieses Jahr somit dieselbe Erfahrung gemacht: Die Weltwirtschaft erwies sich als zu schwach, als dass die Notenbanken ihren Kurs hätten halten können. Bereits im September hatte die amerikanische Federal Reserve ihre vorgesehene Zinserhöhung verschoben (einige Gründe dafür haben wir hier diskutiert). Nun zeichnet sich auch bei der EZB eine lockerere Gangart ab.

Das ist ärgerlich. Doch die beiden Industrieländerblöcke müssen sich selbst an der Nase nehmen. Zu einseitig verliessen sich die USA und Europa nach der Finanzkrise darauf, dass die Schwellenländer den weltwirtschaftlichen Karren aus der Rezession ziehen würden. Allen voran die Federal Reserve, später auch die EZB, fuhren eine ultraexpansive Geldpolitik – und brachten damit die Schwellenländer in die Bredouille.

Der überschwappende Zyklus

Denn die Schwellenländer sahen sich nach der Krise mit einer Kapitalflut konfrontiert – was einen Anstieg der Wechselkurse auslöste, falschen Reichtum vorgaukelte und die Schulden in die Höhe trieb. Schwellenländerstaaten wie Brasilien gaben Geld aus, ohne wirtschaftliche Reformen voranzutreiben. Das rächt sich nun, seit der Dollar wieder stärker geworden ist und die Rohstoffpreise im Keller sind.

Von Brasilien bis nach China und in die Türkei hat sich das Wirtschaftswachstum über die letzten Jahre deutlich verlangsamt, wie die obige Grafik zeigt. Das ist bedeutsam, weil heute bereits die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung von den Schwellenländern stammt. Sie sind auch für 40 Prozent des Welthandels verantwortlich. Die «Emerging Economies» sind somit alles andere als eine zu vernachlässigende Grösse.

Deutlich kleiner als im realen Waren- und Dienstleistungsverkehr ist der Stellenwert der Schwellenländer jedoch auf dem Finanzmarkt. Das System wird vom US-Dollar dominiert, in zweiter Linie wird der Euro verwendet. Wegen dieses Ungleichgewichts mussten die Schwellenländer seit der Krise eine regelrechte Achterbahnfahrt in ihren Finanzmärkten in Kauf nehmen.

Lang währender Albtraum

Auch die Schweiz ist in dieser Hinsicht ein bisschen ein Schwellenland. Seit der Aufgabe der Euro-Untergrenze ist sie der Geldpolitik der grossen Währungsräume fast schutzlos ausgeliefert. Binnenwirtschaft und Politik müssen selbst sehen, wie sie mit dem internationalen Geldtsunami klarkommen, der den Wechselkurs der Schweiz nach unten und die Immobilienpreise nach oben treibt. Solche «Spillover»-Effekte der US- und Euro-Geldpolitik sind der Nachkrisen-Albtraum der Schweiz. Er ist noch nicht vorbei.

Simon Schmid
Chefökonom bei der Handelszeitung. Früher beim Tages-Anzeiger. Wirtschafts- und sozialwissenschaftlich inspirierter Schreiber.
Twitter: @schmid_simon

 

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