Er wirkte ernsthaft besorgt. Bereits seit Jahren stelle man bei der UBS fest, dass es schwerer werde, ausreichend gute Arbeitskräfte zu rekrutieren, liess Lukas Gähwiler auf einer Medienveranstaltung in Zürich kürzlich wissen. Eindringlich schilderte der Geschäftsleiter der UBS Schweiz, wie sehr die eidgenössische Wirtschaft in den vergangenen Jahren von ihrem liberalen Arbeitsmarkt profitiert habe – und dies auch künftig tun würde. Wenn, ja wenn, der Schweizer Arbeitsmarkt weiterhin liberal bleibe.

Doch was bedeutet das eigentlich: ein liberaler Arbeitsmarkt? Und stimmt es wirklich: Ist ein nach gängigen Kriterien liberaler Arbeitsmarkt tatsächlich die Voraussetzung dafür, dass viele Menschen in Lohn und Brot kommen?

Der Reihe nach: Gemäss gängigen ökonomischen Kriterien ist ein Arbeitsmarkt dann besonders liberal, wenn Unternehmen leicht Personal einstellen und entlassen können. Gleichzeitig sollten sie Löhne frei setzen können – ein staatlich verordneter Mindestlohn, über den am 18. Mail abgestimmt wird, wäre demnach also Gift für den Schweizer Arbeitsmarkt.

Kanada ist liberaler, hat aber trotzdem mehr Arbeitslose

Tatsächlich zeigt ein internationaler Vergleich, dass der Schweizer Arbeitsmarkt besonders gut dasteht: Die vergleichbare Erwerbslosenquote der Internationalen Arbeitsorganisation (Ilo) liegt lediglich bei gut vier Prozent – ein auch im globalen Massstab herausragender Wert. Da können selbst boomende Volkswirtschaften wie Kanada, das wie die Schweiz kaum von der Finanzkrise betroffen war und seit 2008 ähnlich kräftig wuchs, nicht mithalten: Die Ilo-Erwerbslosenquote lag dort zuletzt bei 7,4 Prozent.

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Gleichzeitig ist der kanadische Arbeitsmarkt jedoch noch weit weniger reguliert als der eidgenössische – laut der Industrieländerorganisation OECD ist er sogar der zweitliberalste von allen 34 ihrer Mitgliedsstaaten. Der individuelle Kündigungsschutz ist in Kanada noch deutlich geringer als in der Schweiz. In den entsprechenden Indikator fliessen Faktoren wie Kündigungsfristen, Abfindungszahlungen, Entlassungskosten und Dauer der Probezeit ein. Auch Massenentlassungen sind für Unternehmen viel leichter – und doch ist die Arbeitslosigkeit in Kanada höher.

Deutschlands Jobmarkt boomt, der Jobmarkt aber ist rigide

Die Divergenz ist auch im Vergleich mit der US-Wirtschaft augenscheinlich. Dort ist der Jobmarkt mit Abstand am liberalsten: Die Arbeitslosigkeit lag zuletzt aber trotzdem noch immer bei knapp 7 Prozent – also ebenfalls weit über dem Schweizer Wert.

Und wie sieht es in Europa aus? Die beiden deutschsprachigen Nachbarn der Schweiz haben in den vergangenen Jahren wahre Jobwunder erlebt. In Deutschland liegt die Beschäftigung auf dem höchsten jemals gemessenen Stand, Österreichs international vergleichbare Arbeitslosenquote unterbot im vergangenen Frühjahr zeitweise sogar jene der Schweiz. Heute liegen die Quoten in beiden Ländern bei gut 5 Prozent. Gleichzeitig sind die Arbeitsmärkte in beiden Ländern jedoch weitaus rigider als der schweizerische (siehe Grafik). Selbst im OECD-Schnitt ist die Regulierung sehr hoch.

«Sogar der griechische Arbeitsmarkt ist inzwischen klar liberaler als der deutsche», sagt Daniel Hartmann, Ökonom beim Zuger Anleiheinvestor Bantleon. Auch de ehemaliger Chefökonom der Europäischen Zentralbank, Otmar Issing, konstatierte kürzlich, dass sich die bereits «hohen Rigiditäten am Arbeitsmarkt» in Deutschland erneut verstärkten. Er befürchtet, dass Deutschland dabei sei, «seine gegenwärtig starke Position zu untergraben und sich damit in die Richtung der Problemländer zu begeben.»

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Issing geht davon aus, dass die Liberalisierung des Arbeitsmarktes erst das deutsche Jobwunder ermöglichte. Dabei ist diese These umstritten und wird von immer mehr Fachleuten angezweifelt. So kommt eine neue Studie mehrerer deutscher Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass vor allem die gute Kooperation zwischen Arbeitgeberverbänden, Betriebsräten und Gewerkschaften dazu führte, dass Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit in den vergangenen Jahren kräftig steigerte. Die sogenannten Hartz-Reformen, die den Arbeitsmarkt liberalisierten, spielten demnach nur eine untergeordnete Rolle.

Griechenlands Mindestlohn seit 2009 um 24 Prozent gesunken

Im Gegensatz zu Issings Annahme tut sich in den sogenannten Problemländern inzwischen jedoch einiges: In Staaten wie Griechenland, Spanien und Portugal wird im Gegensatz zu Deutschland kräftig liberalisiert. Der Kündigungsschutz wird aufgebrochen, der Markt für Teilzeitbeschäftigung ausgebaut. Bantleon-Ökonom Hartmann bestätigt: «Auch der Mindestlohn sank laut OECD zwischen 2009 und 2013 um fast ein Viertel.»

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Und doch bessert sich die Lage am Arbeitsmarkt nicht – im Gegenteil: Seit 2009 stieg die Erwerbslosenquote wegen der heftigen Rezession von knapp 10 auf heute 27,5 Prozent. Neueinstellungen: Fehlanzeige.