Das erste Mal haben Sie die Exportrisiken in der Zeit nach dem Franken-Schock evaluiert. Wie hat sich die Perspektive der Unternehmen seither verändert?
Ludovic Subran*: Wir hatten im vergangenen Jahr vorausgesagt, dass es hart für Schweizer Unternehmen würde, und das wurde es. Die Schweizer Exporte haben 2015 fast 5,5 Milliarden Franken an Umsatz eingebüsst. Das hat die Firmen geprägt und mündet nahezu in einer Überreaktion.

Inwiefern?
96 Prozent der Firmen haben in unserer Umfrage angegeben, vom Währungsrisiko betroffen zu sein. Nahezu alle Unternehmen leiden unter Wechselkursverlusten, haben Einnahmen eingebüsst oder Aufträge aufgrund des starken Franken verloren. Durch diese Erfahrung sind die Firmen nahezu fixiert auf das Währungsrisiko.

Aber hat die Belastung durch Wechselkursverluste nicht ihren Höhepunkt erreicht?
Das ist die gute Nachricht: Die Situation hat sich trotz Euro-Schwäche nicht so katastrophal entwickelt wie befürchtet. Der Dollar zum Beispiel hat gegenüber dem Franken gering abgewertet. Gut, das britische Pfund steht unter Druck und hier entsteht eine Attraktion hin zum Franken. Aber die Konzentration auf Währungsrisiken von Seiten der Unternehmen ist zu stark. Für 2016 erwarten wir 2,5 Milliarden zusätzliche Gewinne bei den Exporten, es zeichnet sich also eine Stabilisierung ab. Andere Risiken sind aktuell grösser.

Welche?
Die Zahl der Insolvenzen ist 2015 erstmals seit der Finanzkrise wieder gestiegen. Zum einen in der Schweiz, aber auch in wichtigen Exportmärkten. Wir gehen in China für 2016 von einer Zunahme von 20 Prozent aus, für Brasilien erwarten wir 22 Prozent mehr, für Russland ein Plus von 7 Prozent. Und auch in Grossbritannien rechnen wir mit 1 Prozent mehr Firmenpleiten. In vielen Ländern steigt das Kreditausfallrisiko akut an.

Wen treffen die Entwicklungen?
Es gibt immer Unternehmen, die es nicht schaffen, mit dem Markt Schritt zu halten. Schweizer Firmen müssen darum unter dem Vorzeichen zunehmender Insolvenzen ihre Geschäftspartner mit besonderer Vorsicht auswählen. Konsumgüter, etwa Luxusprodukte, werden von dieser Entwicklung weniger betroffen sein als Pharmabranche und Industrie. Hier wird die Hitze ziemlich gross.

Die Unternehmen sorgen sich laut Ihrer Umfrage nicht nur angesichts von konjunkturellen Risiken, sondern zunehmend auch um politische Unsicherheiten.
Auch hier steht die Industrie stark im Fokus, ebenso die chemische Branche. Die Unternehmen sorgen sich etwa um die Lage in China und inwieweit die Regierung angesichts anhaltender Wachstumsschwäche durchgreifen wird. Auch Lateinamerika beobachten die Schweizer Firmen, allen voran Brasilien und seine Regierungskrise.

Vor allem exportorientierte Firmen haben 2015 über 10'000 Stellen abgebaut. Womit müssen wir  für 2016 rechnen?
Wir sehen, dass der Jobabbau zum Stillstand kommt. Die Unternehmen sind nicht an dem Punkt, an dem sie neu einstellen würden. Aber sie haben aufgehört, darüber nachzudenken, Mitarbeiter zu entlassen. Schweizer Firmen haben noch eine Menge Cash auf der hohen Kante, das sie in Jobs investieren könnten – allerdings warten sie auf ein günstiges Marktumfeld.

Was tun sie, bis sich der Jobaufbau lohnt?
Exportunternehmen müssen ohnehin beweglich bleiben, um sich Auslandsmärkten anzupassen. Darum ist Innovation für sie wichtig. Wir haben herausgefunden, dass die meisten Unternehmen darauf setzen, erfinderischer zu werden. Schweizer Firmen gewöhnen sich aber erst langsam an den Gedanken, auf diese Weise ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern.

Liegt darin nicht ein Widerspruch? Erhöhte Kreativität bei gleichem Personalbestand?
Die Unternehmen versuchen, auf ihre eigenen Ressourcen zurückzugreifen, um Ideen zu entwickeln. Das hat vor allem langfristig Sinn. Im Moment blicken die Unternehmen sorgenvoll in die Zukunft, ich persönlich bin da viel optimistischer. Wichtig ist, dass die Firmen eine Langfristperspektive entwickeln.

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*Ludovic Subran ist Chefökonom beim global tätigen Kreditversicherer Euler Hermes. Das Unternehmen mit Sitz in Paris ist in mehr als 50 Ländern tätig und beschäftigt über 6000 Mitarbeiter. Zuvor arbeitete Subran für Frankreichs Finanzministerium, die UN und die Weltbank.