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Währung
Der weltweite Kampf um das bessere Geld

Ungeliebtes Geld: Das Vertrauen in Währungen hat seit Ausbruch der Finanzkrise stark gelitten. (Bild: Keystone)

Experten warnen vor immer schlimmeren Wirtschaftskrisen. Grund sei ein Erbfehler im Finanzsystem. Sie kämpfen für neue Währungskonzepte – doch gegen mächtige Gegner.

Von Daniel Eckert («Die Welt»)
am 13.01.2014

Im Jahr 2014, so scheint es, ist die Finanzkrise nur noch eine verblassende Erinnerung. Allenthalben macht sich das Gefühl von Normalität breit. Sichtbarstes Zeichen dafür ist die sukzessive Rückkehr der europäischen «Krisenstaaten» Irland, Portugal und womöglich sogar Griechenland an den Kapitalmarkt.

In den USA fährt die Notenbank ihre Notstandsmassnahmen zurück, und die Aktienmärkte boomen wie seit den Neunzigerjahren nicht. Längst haben sie höhere Niveaus erreicht als vor dem spektakulären Zusammenbruch von Lehman Brothers im September 2008.

Doch während an der Oberfläche alles wieder gut zu sein scheint, brodelt es darunter weiter. Einige wachsame Zeitgenossen erinnern sich sehr wohl daran, dass die globale Wirtschaft vor fünf Jahren nur um Haaresbreite der Katastrophe entging.

Zwei unversöhnliche Kriegsparteien

Rebellische Wissenschaftler, Politiker und auch Menschen aus der Finanzbranche begehren auf. Sie identifizieren nicht so sehr das Fehlverhalten Einzelner wie Lehman-Chef Richard Fuld als Auslöser der Krise. Vielmehr weist unser Geldsystem ihrer Meinung nach einen verhängnisvollen Konstruktionsfehler auf. Sie werben für neue Konzepte wie Freigeld, Vollgeld oder Marktgeld.

Gegen die Rebellen positionieren sich die Vertreter der grossen Banken und der Politik. Die Etablieren bestreiten nicht, dass das jetzige System verbesserungsfähig ist. Radikale neue Konzepte seien jedoch nicht die Lösung. So attraktiv sich die Reformvorschläge in der Theorie anhörten, sie würden am Ende deutlich mehr Schaden als Nutzen bringen. Es ist ein erbitterter Krieg der Konzepte, ein Kampf um das bessere Geld.

Keine Lehren aus Lehmann

«Die Ursachen der Erschütterungen von damals sind nicht behoben, unser Schicksal werden immer schwerere Krisen sein», prophezeit der Ökonom und Buchautor Detlev Schlichter. Er wundert sich darüber, wie wenig echte Konsequenzen aus dem Beinahe-Armageddon von damals gezogen worden sind. Schließlich wurden 2009 beim Absturz der Weltwirtschaft in die grosse Rezession Billionenwerte vernichtet.

Noch heute ist jeder neunte Europäer arbeitslos, und dass die Leitzinsen in fast allen grossen Industrieländern weiter bei null oder nahe null liegen – eine historische Ausnahme sondergleichen –, kündet kaum von Genesung oder Normalität. Zudem sind die Schulden der Staaten seit dem Lehman-Kollaps kräftig gestiegen. Allein dieses Jahr müssen die führenden Industrienationen Anleihen und Geldmarktpapiere im Volumen von 7,4 Billionen Dollar refinanzieren.

Inklusive Zinsen belaufen sich die neu aufzunehmenden Verbindlichkeiten sogar auf 8,1 Billionen Dollar. Nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Bloomberg liegen die Haushaltsdefizite der Staaten im Durchschnitt rund doppelt so hoch wie vor der Finanzkrise, und das bei alternder Bevölkerung.

Ein Jahr Arbeit für Schulden und Zinsen

Bei vielen Nationen übersteigen die Schulden mittlerweile die jährliche Wirtschaftsleistung, was bedeutet, dass die Bürger ein ganzes Jahr lang nur arbeiten müssten, um für öffentliche Verbindlichkeiten und Zinsen aufzukommen. Zu diesen Ländern jenseits der 100-Prozent-Marke gehören Japan und Italien, aber auch die weltgrösste Wirtschaftsmacht USA.

Euro-Staaten wie Griechenland, Italien oder Portugal kämpfen einen nahezu aussichtslosen Kampf gegen den Zinseszins. Zu den staatlichen Schulden gesellen sich die Schulden der Unternehmen und der privaten Haushalte. Es bedarf keiner grossen Fantasie, um sich auszumalen, dass ein unerwarteter Zinsanstieg das System an die Grenze seiner Belastbarkeit drücken könnte. Oder darüber hinaus.

Ein Symptom dafür, dass nicht alles eitel Sonnenschein ist im modernen Geldwesen, bildet der jüngste Höhenflug des Bitcoins, einer Währung, die unabhängig von Banken und Zentralbanken im Internet geschaffen wird. Seit Anfang 2013 hat sich der Kurs des Netz-Geldes dank explodierender Nachfrage von zehn auf zuletzt rund 600 Euro erhöht.

Höhenflug der Bitcouns als Symptom

Die digitalen Münzen sind so konzipiert, dass sie wie Bargeld genutzt werden können. Zugleich müssen sich die User des Internet-Geldes nicht sorgen, dass es jemals einer Hyperinflation zum Opfer fällt. Bitcoins ähneln der alten Gold- oder Silber-Währung des 19. Jahrhunderts: Waren es bei den Edelmetallen die begrenzten natürlichen Lagerstätten, die eine überbordende Geldproduktion unterbanden, so ist es beim Bitcoin ein raffinierter Algorithmus, der die Herstellung neuer Einheiten streng limitiert.

Im Gründungsmanifest formulierte der Schöpfer der digitalen Münzen, Papiergeld basiere auf dem Vertrauen auf die Zentralbanken, doch die Geschichte sei voll von Verrat an diesem Vertrauen. Mit Bitcoins könnten sich Bürger ein eigenes Geld schaffen, das nicht von Kreditinstituten oder zentralen Stellen abhängig sei.

Während die Internet-Währung gleichsam aus dem Off eine Alternative zum aktuellen Währungssystem geworden ist, wollen manche Forscher unser Geld ganz planmässig auf eine neue Grundlage stellen. Um künftige Katastrophen zu verhindern, davon sind die Neudenker überzeugt, muss diese Umgestaltung weit über das hinausgehen, was seit Lehman an regulatorischen und gesetzlichen Veränderungen erreicht wurde.

«Die Megablase wird platzen»

Einer dieser Geldreformer ist Joseph Huber. Für den Soziologieprofessor von der Universität Halle führt das jetzige System geradewegs in den Niedergang. Der Wirtschaftsdenker spricht von einer «Megablase», die irgendwann platzen müsse. Der Geburtsfehler unserer Währung besteht seiner Meinung nach darin, dass wir es Tag für Tag, ohne es normalerweise zu merken, mit verschiedenen Formen von Geld zu tun haben: Bargeld und Giralgeld.

Die meisten Menschen gehen stillschweigend davon aus, die Scheine und Münzen in ihrem Portemonnaie und das Geld auf ihrem Konto seien im Wesentlichen dasselbe. Würden sie versuchen, alle ihre Guthaben vom Sparbuch, Tagesgeld- oder Girokonto abzuheben, wären sie jedoch schnell eines Besseren belehrt: In ganz Europa gibt es nämlich nicht genügend Euro-Scheine und -Münzen, um sich das Geld auszahlen zu lassen, das allein die deutschen Banken verwalten.

Auf den Konten der Euro-Zone lagern insgesamt 9891 Milliarden Euro. Die Europäische Zentralbank (EZB) spricht von der «grossen» Geldmenge M3. Banknoten gibt es dagegen nicht mal für ein Zehntel dieses Betrags – es sind kaum mehr als 900 Milliarden –, und das Münzgeld fällt wegen der kleinen Stückelung gar nicht erst ins Gewicht. Allein die Deutschen haben jedoch 1,9 Billionen, also mehr als doppelt so viel «auf der Bank».

Die Geschäftsbanken schöpfen die meisten Euros

Möglich wird diese Diskrepanz, weil Geld einem weitverbreiteten Vorurteil zum Trotz nicht allein von der Zentralbank geschaffen wird, sondern auch und vor allem von den Geschäftsbanken. Das geschieht täglich, zum Beispiel immer dann, wenn ein Kunde einen Konsumentenkredit oder ein Baudarlehen in Anspruch nimmt.

In dem Moment, da die Bank die Darlehenssumme aufs Konto bucht, ist neues Geld geschaffen! Gleiches passiert, wenn die Bank einen Kredit an ein Unternehmen vergibt. «Fiat money» heissen derartige Währungen im englischsprachigen Raum, nach dem Imperativ «fiat!» (es werde!), der auf die Schöpfung aus dem Nichts anspielt. Auf Deutsch ist meist von Papiergeld die Rede, auch wenn die Euro-Banknoten aus Baumwolle sind und für das elektronische Geld auf dem Konto nicht einmal eine Druckerpresse vonnöten ist.

Gedeckt sein müssen die Kredite dabei praktisch gar nicht. Anders, als man annehmen könnte, ist es nicht so, dass die Guthaben des einen die Kredite des anderen werden. Die Banken müssen lediglich eine minimale Mindestreserve im niedrigen Prozentbereich vorhalten.

Durch die Buchung der Geschäftsbank kommt Geld in den Wirtschaftskreislauf, das vorher schlicht und einfach nicht da war. Ökonomen wie Huber nennen diese von Banken kreierten Euros auch Buchgeld oder «Giralgeld» (nach dem italienischen Wort für «Kreislauf»). Mit dem Dollar, dem britischen Pfund oder dem japanischen Yen verhält es sich ebenso. Auch diese Währungen sind «fiat money», per Knopfdruck erzeugtes Geld.

Der Fluch des Giralgeldes

Das Problem mit Giralgeld ist, dass es ebenso leicht vernichtet werden kann, wie es geschaffen wird. Es ist gewissermaßen ein rühriges Nichts, das mangels Deckung immer krisenanfällig sein wird. Haben die Banken besonders viele Kredite vergeben, kann das gesamte Finanzsystem wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen – wie die Finanzkrise vor fünf Jahren auf schmerzliche Weise demonstrierte.

Damals rettete unter anderem ein Bluff das System: Die Bundesbürger vertrauten dem Versprechen von Merkel und Steinbrück, die deutschen Bankguthaben seien sicher. Hätten die Kunden die Schalter gestürmt, hätten sie jedoch sehr bald gemerkt, dass nicht einmal die Regierung auf die Schnelle genug Bargeld für alle zur Verfügung stellen kann.

Mit «Vollgeld» könnte ein Bankensturm nicht passieren. Diesem Konzept zufolge darf nur noch ein zentrales Institut Buchgeld schaffen, wie es heute bereits bei Banknoten der Fall ist. Die Kreditinstitute, also auch die Sparkassen und Volksbanken, verwalten dieses Vollgeld lediglich, ähnlich, wie sie es heute mit den Wertpapieren in einem Depot machen.

Ein zusätzlicher Vorteil wäre, dass die öffentliche Hand die Gewinne einfahren würde, die bisher die Geschäftsbanken bei der Geldschöpfung erzielen. Diese sogenannte Seigniorage – Huber beziffert sie auf 25 Milliarden Euro – könnte dann dem Gemeinwohl zugutekommen.

«Monetative» statt Finanzkonzerne

Weil die Ausgabe von Geld eine enorme Macht mit sich bringt, schlägt Huber eine eigene staatliche Gewalt vor, die dafür unabhängig von der Regierung die Verantwortung übernimmt: In Anlehnung an die Bezeichnungen Exekutive, Judikative und Legislative nennt er diese Macht «Monetative». Diese Geld schöpfende Gewalt würde mithilfe «wissenschaftlicher Parameter» die optimale Geldmenge ermitteln, um die Gefahr von Spekulationsphasen und Überhitzungen zu minimieren.

Der gleichnamige Verein versucht die Idee in die Öffentlichkeit zu tragen.

Eine noch radikalere Variante hatte bereits im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts der ökonomische Querdenker namens Silvio Gesell entwickelt. Der 1862 geborene und 1930 gestorbene Sozialtheoretiker sah die Lösung aller Probleme in der Einführung von «Freigeld». Das sollte nur von einer Behörde ausgegeben werden und im Laufe der Zeit automatisch, aber berechenbar an Wert verlieren.

Silvio Gesell wollte Zins abschaffen

Mit diesem programmierten Kaufkraftschwund wollte Gesell dafür sorgen, dass niemand seine Überschüsse als Sparvermögen hortet, auch nicht in wirtschaftlich unsicheren Zeiten. Schwere Rezessionen sollten damit unmöglich werden. Die Zinswirtschaft wollte der Sozialreformer bei der Gelegenheit gleich mit abschaffen, da sie nach einer Überzeugung zu immer grösserer gesellschaftlicher Ungleichheit führt.

Allerdings konnte die Idee des Freigeldes niemals breite gesellschaftliche Akzeptanz gewinnen. Heute stehen die Anhänger von Vollgeld vor einem ähnlichen Problem. Dem allgemeinen Unbehagen über unser Finanzwesen zum Trotz scheint eine Reform des Geldwesens für das Gros der Wähler keine Priorität zu haben.

Keine der großen Parteien nahm sie in ihr Wahlprogramm auf. Politiker begnügten sich mit Korrekturen am Regelwerk des Bankwesens oder verbissen sich in der Idee, dass eine Finanztransaktionssteuer die Spekulationslust der Geldhäuser drosseln könnte.

Volksinitiative für Vollgeld in der Schweiz

Immerhin kann Huber auf volle Säle blicken, wenn er über sein Thema referiert. Auch in der Schweiz sind die Anhänger eines Vollgeld-Systems aktiv. Dort bereitet der Verein Monetäre Modernisierung (MoMo) sogar eine Volksinitiative vor. Sollte sein Vorstoss zur Einführung von Vollgeld an einem der wichtigsten Bankenstandorte des Planeten Erfolg haben, würde das zweifelsohne die Weltfinanz erschüttern. Allerdings werden die Chancen der Initiative bisher als gering eingeschätzt.

Im finanzlastigen Großbritannien ist es, mit ähnlicher Agenda, die Kampagne für «Positive Money», die von sich reden macht.

Doch das Programm der Vollgeld-Anhänger ist nicht ohne Tücken. «Letztlich würde damit nur die Entwicklung der vergangenen hundert Jahre fortgeschrieben, die eine immer grössere Sozialisierung des Geldwesens brachte», kritisiert Ökonom Schlichter. Doch woher wolle der Staat wissen, wie viel Geld die Wirtschaft wirklich braucht? Für ihn riecht das allzu sehr nach Interventionismus.

Zusammen mit anderen Vertretern der Österreichischen Schule der Nationalökonomie (der Name leitet sich von der Herkunft ihrer Gründer ab) schlägt Schlichter stattdessen die Rückkehr zu echtem Marktgeld vor. «Ob Gold, Silber, Bitcoins oder etwas anderes – warum lassen wir nicht verschiedene Währungen miteinander konkurrieren?», fragt er. In einem freien Markt werde sich am Ende das beste Zahlungsmittel durchsetzen.

«Banken müssen pleitegehen dürfen»

Das Entscheidende aus Sicht der Österreicher ist die Abkehr vom «fiat money», also von jenem Geld, das sich nach Gusto vermehren lässt. Stattdessen sollte das Finanzsystem auf einer Form von «Hartgeld» basieren, dessen Menge begrenzt ist. Ist diese Voraussetzung erfüllt, könnten auch Banken nicht mehr beliebig viele Kredite vergeben und nicht immer gewagtere Wetten eingehen.

Wichtig sei, dass auch Geldhäuser wieder pleitegehen dürften. Müssten Banker die Folgen von Fehlspekulationen selbst tragen, werde ihnen die Lust aufs Zocken von selbst vergehen. Schlichter rekurriert dabei auf die Schriften der liberalen Denker Friedrich August von Hayek und Ludwig von Mises.

Kritiker an diesem Konzept merken an, dass «unelastisches» Hartgeld es schwierig mache, auf Rezessionen angemessen zu reagieren, da die Wirtschaft nicht ad hoc mit Liquidität geflutet werden könne. Es drohten Arbeitslosigkeit und Stagnation.

Systemrelevanz als Drohpotenzial

Dem hält der Ökonom entgegen, dass gerade das jetzige Geldsystem viele Jobs vernichtet habe, wie in Spanien oder Griechenland zu besichtigen sei.

Schlichter selbst macht sich keine Illusionen und weiß, dass die Chancen auf eine baldige Umsetzung seines Marktgeld-Programms gering sind. Die Grossbanken, die gut an der ungehinderten Geldvermehrung verdienen, wegen ihrer vermeintlichen Systemrelevanz zugleich aber auf staatliche Hilfe in der Not hoffen können, verfügen über mächtige Lobbygruppen.

Zugleich hat der Staat selbst großes Interesse daran, das System am Laufen zu erhalten. Er weisst, dass er sich jederzeit der Geldhäuser bedienen kann, um Ausgaben über Schulden zu finanzieren – seien es Sozialprogramme, Rettungspakete oder Kriegseinsätze.

Veränderung erst nach dem grossen Knall?

Der einzige Politiker, der die Problematik des ungedeckten Papiergeldes einmal im Bundestag thematisierte, der FDP-Mann Frank Schäffler, ist seit der letzten Wahl nicht mehr im Parlament vertreten. Sogar in der eigenen Partei wirkte der Euro-Rebell, der beharrlich gegen die sogenannten Rettungspakete stimmte, zuletzt zunehmend isoliert.

So rechnet denn auch Schlichter damit, dass es einer neuen, noch grösseren Krise bedarf, um die Zweifel am Geldsystem in echtes Handeln münden zu lassen. Geldtheorie, so scheint es, macht fatalistisch.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Schwester-Publikation «Die Welt».

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