«Die Zinssenkung der SNB war ein strategischer Fehler», schreibt Analyst Ulrich Leuchtmann in einem Beitrag der bankeigenen Publikation «FX Alpha». Was von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) als kluger Schritt zur Verteidigung des Mindestkurses gedacht war, könnte gar den gegenteiligen Effekt haben.

Rückblende: Mitte Dezember hatte sich der Eurokurs wieder bedrohlich der Grenze von 1,20 Franken genähert. Die SNB musste erstmals seit langem wieder auf dem Devisenmarkt eingreifen, um den Mindestkurs zu verteidigen. Quasi als Befreiungsschlag führte die Nationalbank daraufhin am 18. Dezember überraschend Negativzinsen ein. Guthaben auf den SNB-Girokonten würden künftig mit einem Zins in Höhe von minus 0,25 Prozent belastet, teilte die SNB damals mit.

Der Euro, der zuvor lange nahe an der Wechselkursgrenze klebte, sprang danach kurzfristig auf 1,2080 Franken. Doch die Massnahme erwies sich als Strohfeuer. Am 6. Januar stand der Euro wieder unter 1,2010 Franken, trotz mutmasslich weiteren Interventionen der SNB auf dem Devisenmarkt seit dem 18. Dezember.

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SNB muss weiter intervenieren

«Die Zinssenkung hatte nicht den gewünschten Effekt», folgert der Analyst der Commerzbank. Und das sei noch nicht das Schlimmste. Auf mittlere Sicht könnte die Einführung des Minus-Zins sogar noch schlimmere Folgen haben – und die SNB zu mehr Eingriffen auf dem Devisenmarkt zwingen.

Der Grund für die augenscheinlich widersprüchliche Situation ist für Ulrich Leuchtmann von der Commerzbank klar: Je glaubwürdiger eine Notenbank ihre Interventionsdrohungen anbringen könne, desto grösser sei die Chance, dass am Schluss gar keine Intervention nötig werde. Mit der drastischen Massnahme des Negativzins habe die SNB aber gezeigt, dass sie nur widerwillig interveniert.

Glaubwürdigkeit unterminiert

Damit könnten Spekulanten und andere Marktteilnehmer versucht sein, den Willen der Bank auszutesten, glaubt der Analyst. Der Schritt der SNB sende das falsche Signal, so Leuchtmann. Er zeige, dass die SNB ihr Interventionsvolumen minimieren wolle und beschädige damit die Glaubwürdigkeit der «Verteidigung des Mindestkurses um jeden Preis», den Thomas Jordan bekanntlich immer wieder beschwört.

Obwohl es bisher laut Commerzbank erst einen gross angelegten spekulativen Angriff auf den Mindestkurs gegeben hat, könnten bald weitere folgen. Geopolitische Risiken, etwa um Russland, oder der nun wieder angedrohte «Grexit» – also der Ausstieg Griechenlands aus der Eurozone – könnten Anleger in Fluchtwährungen treiben. Und dazu würde auch der Schweizer Franken gehören – umso mehr, als eben aus erwähnten Gründen nicht mehr alle Marktteilnehmer an den Verteidigungswillen der SNB glauben.

Aufgabe des Mindestkurses bleibt unwahrscheinlich

Dass die SNB ihre Verteidigung des Mindestkurses aufgibt, glaubt Ulrich Leuchtmann indes nicht. Einerseits würde damit der Kampf gegen die Deflation massiv gefährdet. Und andererseits würde eine Aufwertung des Schweizer Frankens zu massiven Verlusten auf den Devisenreserven der Nationalbank führen. Die Verteidigung des Mindestkurses sei deshalb alternativlos für die SNB, schreibt der Analyst.

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Umso schädlicher ist deshalb aus Sicht der Commerzbank die Einführung des Negativzinses gewesen. Weil die SNB offensichtlich gewankt habe, seien nun Wetten gegen die Mindestkurspolitik schlagartig viel attraktiver geworden.