Der Saal im dritten Stock des «Zunfthauses zur Waag» platzte aus allen Nähten. Die Integrationsbeauftragte Julia Morais hatte Ende April zum Apéro im historischen Gebäude in der Zürcher Altstadt geladen. Zu Dutzenden pressten sich junge Deutsche auf die Bänke.

Unzählige Hochqualifizierte bekamen in solchen Veranstaltungen schon Unterricht in Sachen Swissness. Vor ihrem Einsatz für die Schweizer Wirtschaft lädt der Kanton die eingewanderten Arbeitskräfte regelmässig zum «Integrations-Apéro für Deutsche» ein.

Doch die Jobnomaden aus dem Norden sind in der Schweiz längst nicht überall so willkommen. Kurz vor dem Anlass im Zunfthaus hatte etwa die Zürcher SVP-Nationalrätin Natalie Rickli auf dem Regionalsender Tele Züri über die Masse der Deutschen in der Schweiz geklagt und eine Ventilklausel gefordert. Bis heute quellen Blogs und Leserbriefspalten mit Kommentaren über. Volle Trams, hohe Mieten und eine diffuse Angst um Heimat und Arbeitsplatz befördern darin eine latente Deutschenfeindlichkeit. In einer Umfrage des «Sonntagsblick» gaben inzwischen gar 36 Prozent der Befragten Rickli recht.

In der Wirtschaft kommt die jüngste Polemik um die angeblichen Gefahren der deutschen Welle freilich nicht gut an. Von Gewerblern bis zu Konzernchefs sind sich fast alle einig, dass die 276'000 Deutschen in der Schweiz vor allem ein volkswirtschaftlicher Segen sind. «Ohne die deutsche Zuwanderung hätte die Schweizer Wirtschaft die letzten Jahre nicht so unbeschadet überstanden», sagt Thomas Daum, Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbands. «Wenn der Mitarbeiter nicht zum Werkstück kommt, geht das Werkstück halt zum Mitarbeiter», bringt es Peter Spuhler, SVP-Nationalrat und Chef des Bahntechnikunternehmens Stadler Rail, auf den Punkt, «wir brauchen Zuwanderung.» Sonst werde man irgendwann gezwungen sein, Teile der Fertigung dorthin zu verlagern, wo die Spezialisten seien.

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«Die Zuwanderer aus Deutschland haben ähnlich hohe oder höhere Qualifikationen verglichen mit Schweizer Arbeitnehmern», stellt Boris Zürcher fest. Er ist seit Anfang Mai neuer Direktor und Chefökonom des Konjunkturforschungsinstituts BAK Basel Economics. «Es ist offensichtlich, dass die Deutschen ausgeprägt in Bereiche gehen, wo ein Mangel besteht », sagt Zürcher, «sie sind also komplementär zu den Schweizern und konkurrenzieren uns nicht.»

Die Deutschen passen genau in die Lücke

Die Zahlen bestätigen Zürchers Befund eindrücklich. Die Erwerbsquote, der Anteil der Arbeitenden an der Wohnbevölkerung, ist bei den Deutschen mit knapp 90 Prozent sogar höher als bei den arbeitsamen Eidgenossen. Von den Einwanderern aus dem Norden konnten im letzten Jahr 60 Prozent einen Hochschulabschluss oder eine höhere Berufsbildung vorweisen – bei den Schweizern nur ein Drittel. Eine Auswertung durch das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) zeigt, in welchen Berufen die verschiedenen Nationalitäten in den letzten Jahren gelandet sind. Die deutschen Zuwanderer sind bei den Ingenieuren, Technikern, Direktoren und leitenden Kadern, Informatikern, Ärzten, Pflegeberufen und den Lehrern an Hochschulen und höheren Fachschulen weit überproportional vertreten. In diesen Bereichen gibt es zu wenig Schweizer, um die offenen Stellen zu besetzen.

«Die Zuwanderung widerspiegelt die Engpassverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt», stellt der in Basel lehrende Arbeitsmarktforscher George Sheldon fest. Deshalb hat die Personenfreizügigkeit mit der EU nicht zum befürchteten Lohndruck geführt. «Die Löhne der Schweizer sind verschont geblieben», hält Sheldon fest. Und die Löhne der Hochqualifizierten sind zwischen 2002 und 2009 gestiegen.

Lesen Sie den ganzen Artikel in der Ausgabe der «Handelszeitung» vom Donnerstag 10. Mai 2012.