Die Kritik des amerikanischen Finanzministeriums fiel offen und scharf aus: Während der gesamten Krise in der Euro-Zone habe der hohe Handelsüberschuss der deutschen Wirtschaft nicht abgenommen, urteilten die US-Schatzmeister in einem Bericht an den amerikanischen Kongress im vergangenen Herbst. «Und 2012 war der deutsche Leistungsbilanzüberschuss grösser als jener von China.» Industrieländerorganisation OECD und EU-Kommission pflichteten bei. Von der EU hat Deutschland sogar ein Verfahren am Hals. Der Hauptkritikpunkt: Die deutsche Wirtschaft solle mehr importieren und so die konjunkturelle Krise in Europa beenden helfen.

Die heute veröffentlichten Daten belegen indes das Gegenteil. Die deutsche Wirtschaft wuchs in den drei Monaten von Januar bis März um 0,8 Prozent zum Vorquartal und damit doppelt so stark wie Ende 2013. Sowohl die privaten Haushalte als auch der Staat gaben mehr Geld aus, teilte das Statistikamt Destatis mit. Der Bau boomt demnach dank des milden Winters. Und die Unternehmen investierten sogar «deutlich mehr».

Das war lange anders: Bis Anfang 2013 sanken die Ausrüstungsinvestitionen in Deutschland anderthalb Jahre. Nachdem die Euro-Krise nun allmählich abflaut, könnten deutsche Unternehmen in den kommenden Monaten wieder mehr Vertrauen in die Nachhaltigkeit der Erholung fassen. Das spielt der deutschen Bundesregierung in ihrer Argumentation in die Karten, die schon lange die Wichtigkeit der Binnenkonjunktur für die Wirtschaft betont. Die Zahlen wollten diese Rethorik jedoch lange nicht spiegeln.

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«Was für ein Schlag ins Gesicht»

Wie stark das Investitions- und Konsumplus nach vielen durchwachsenen Quartalen zu Jahresbeginn konkret ausfiel, veröffentlicht Destatis erst in einigen Wochen. Bereits heute scheint indes klar: Die deutsche Wirtschaft wächst vor allem dank der starken Binnenkonjunktur. Die Exporte hingegen sanken zum Jahresstart vermutlich.

«Was für ein Schlag ins Gesicht jener Leute, die noch immer glauben, dass die deutsche Wirtschaft zu 100 Prozent aus Exporten und null Prozent aus Importen besteht», urteilte Andreas Rees, Chefökonom für Deutschland bei der italienischen Unicredit, nach Veröffentlichung der heutigen Zahlen.

Seiner Schätzung zufolge kamen 60 Prozent der gestiegenen deutschen Importe in den ersten beiden Monaten des Jahres aus der Euro-Zone. Das hat Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaftsregion: Für den Währungsraum rechnet er mit einem Wachstumsplus von 0,4 Prozent zu Jahresbeginn. Mindestens die Hälfte des Wachstums in der Euro-Zone geht dann auf die deutsche Binnennachfrage zurück, sagte Rees.

Fachleute dürften ihre Prognose erhöhen

Er geht davon aus, dass die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr um 2,5 Prozent wächst. Damit gehört er noch immer zu den Optimisten. Weil der Jahresstart so positiv ausfiel, ist allerdings davon auszugehen, dass immer mehr Fachleute ihre Wachstumsprognose für Deutschland nach oben korrigieren. Im April rechneten Fachleute im Schnitt mit einem Anstieg des BIP in diesem Jahr um 1,9 Prozent. Dieser Wert dürfte in den kommenden Wochen auf über zwei Prozent steigen. 

Der Aufschwung in Deutschland ist auch für die Schweizer Wirtschaft von Belang. Der Nachbar im Norden ist mit Abstand der wichtigste Handelspartner für die hiesigen Unternehmen. Rund ein Fünftel aller Schweizer Ausfuhren gehen nach Deutschland. 2013 wurden Waren und Dienstleistungen im Wert von rund 40 Milliarden Franken in die grösste Volkswirtschaft Europas verkauft.

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