Wie wichtig sind Schweizer Konsumenten für das Gebiet Hochrhein-Bodensee?
Bertram Paganini*: Schweizer Kunden stehen für 30 bis 40 Prozent des gesamten Detailhandelsumsatzes in unserer Region. Oder anders gesagt: Wir gehen davon aus, dass von unserem Detailhandelsumsatz von 4,47 Milliarden Euro rund 1,6 Milliarden Euro von den Schweizern stammen. 200 Millionen davon werden alleine schon in Konstanz ausgegeben. Die Schweizer sind so wichtig, dass inzwischen von einer echten Abhängigkeit gesprochen werden muss.

In welcher Hinsicht?
Wenn Händler Ausbaupläne hegen, hoffe ich immer, dass sie nicht in «Schweiz-Euphorie» verfallen und ihre Flächen zu gross dimensionieren. Ginge es nach dem deutschen Mittel, würde unsere Region eine Detailhandelsfläche von etwa einer Million Quadratmetern aufweisen. Tatsächlich aber sind es wohl 1,3 Millionen Quadratmeter Verkaufsfläche. In diesem Überhang ist die Schweiz quasi eingepreist. Ohne Schweizer Konsumenten gäbe es in unserem Gebiet niemals eine solche Ballung von Drogeriemärkten, wie wir sie aktuell sehen. Sollte sich das Schweizer Wachstum sehr stark abkühlen, besteht die Gefahr, dass es zu viele Flächen auf dem Markt hat, was zu einem ruinösen Preiskampf führen könnte.

Sehen Sie Anzeichen für eine Abkühlung?
Tatsächlich berichten mir aktuell Händler von Lörrach bis Konstanz, dass die Schweizer Umsätze zurückgehen. Harte Zahlenreihen liegen zwar noch nicht vor, aber es wird mir von Umsatz-Rückgängen im Rahmen von 10 bis 15 Prozent berichtet. Aktuell scheint mir klar: Die Daten von 2015 sind nicht mehr zu erreichen, der Höhepunkt bezüglich der Schweizer Einkaufsvolumina bei uns ist erreicht.

Weshalb kam es zu dieser Sättigung?
Zum ersten haben sich die Rahmenbedingungen – namentlich im Bereich Parkplätze – in Konstanz nicht verbessert. Es wird immer mühsamer, einen Parkplatz zu finden. Schweizer Automobilisten wissen das mittlerweile und reisen weniger stark aus grossen Distanzen an. Zum zweiten machen sich nun langsam die teils massiven Preisabschläge in der Schweiz bemerkbar. Discounter wie Aldi und Lidl spielen eine grössere Rolle, Migros und Coop haben stark in Preise investiert.

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Das betrifft aber vor allem Lebensmittel.
Das sehe ich auch so. Wobei man wissen muss: Früher sah die Rangliste der Schweizer Nachfrage im süddeutschen Detailhandel so aus:  Lebensmittel, Drogerieartikel, Bekleidung. Gemäss unserer Beobachtungen hat sich das verändert. Nun stehen aufgrund des immer noch sehr hohen Preisgefälles Drogerieartikel an erster Stelle. Bei der Bekleidung kommt hinzu, dass viele Schweizer vermehrt Paketdienste für Online-Bestellungen an der Grenze nutzen – das ist ein sehr stark wachsender Markt.

Wie sehen Sie die nahe Zukunft?
Wenn wir einen Radius von 20 Kilometern um Konstanz herum und in den Schweizer Raum hinein ziehen, so sehen wir: Im Schweizer Grenzgebiet wurde und wird Konstanz quasi als Nahversorgungsstandort wahrgenommen und genutzt. Das dürfte so bleiben. Was über den Radius hinausreicht, ist für uns gefährdet.

Die Schweizer Invasion bringt viele Vorteile für Konstanz und Umgebung. Was sind die Nachteile?
Mir kommen zunächst einmal Vorteile in den Sinn. Ohne die Schweizer Konsumenten würden Einheimische hier nicht eine solche Vielfalt im örtlichen Detailhandel vorfinden. Die enorm grosse Auswahl ist teils den Schweizern zu verdanken. Auf der Minus-Seite kann es sein, dass Konstanz samstags sehr voll ist.

Beliebte Kultur-Angebote wie etwa das Kino Scala müssen einem weiteren Drogeriemarkt weichen.
Das schreibe ich weniger den Schweizern, als den Marktgesetzen zu. Man kann es einem Immobilienbesitzer nicht verübeln, wenn er die Möglichkeiten auslotet, die ihm der Markt bietet. Auch wenn viele hier die Schliessung bedauern.

Wünscht man sich in Ihrer Region einen möglichst harten Franken? Ein Euro-Kurs von einem Franken oder weniger – wäre das optimal?
Nein. Eine möglichst stabile Situation ist das beste.

Was würde geschehen, wenn die Betragsgrenze für die Rückerstattung der Mehrwertsteuer auf einen Mindestwert erhöht oder die Zollfrei-Grenze von bisher 300 Franken pro Einkauf gesenkt würde?
Das würde sich sofort in tieferen Umsätzen auswirken. 

 

*Bertram Paganini ist Handelsexperte und Leiter des Geschäftsfeldes Unternehmensförderung und Existenzgründung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Hochrhein-Bodensee in Konstanz.