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Italien
«Die Euro-Krise brodelt immer noch im Untergrund»

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Der Chef der Fünf-Sterne-Bewegung Luigi di Maio: Seine Partei zieht in die Regierung ein.Quelle: Marco Cantile/Getty

Jetzt wertet sich der Franken wieder auf. Droht wegen Italien eine neue Frankenstärke? Ökonom Aymo Brunetti erklärt die Lage.

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Von Marc Bürgi
am 18.05.2018

Italien steht vor einer politischen Zeitwende. Mit der Lega und der Fünf-Sterne-Bewegung übernehmen zwei populistische Parteien die Regierung. In der drittgrössten Volkswirtschaft der Währungsunion haben nun Euro-kritische Politiker das Sagen – Konflikte mit Brüssel sind programmiert. Die Machtverhältnisse in Rom wecken Ängste vor einer neuen Euro-Krise. Was heisst dies für den Euro-Franken-Kurs? Wirtschaftsexperte Aymo Brunetti liefert eine Einschätzung.

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Der Franken wertet sich wegen der Regierungsbildung in Italien auf. Droht eine Rückkehr der Frankenstärke?
Aymo Brunetti*: Die Frankenstärke hat sich nicht zuletzt deswegen abgeschwächt, weil es in der Euro-Zone in den letzten Jahren relativ ruhig geblieben ist. Das Ereignis in Italien zeigt, dass die Euro-Krise im Untergrund immer noch brodelt. Neue Unsicherheiten über die Stabilität im Euro-Raum schlagen sich sofort im Frankenkurs nieder.

Wird die Schweizer Industrie bei einer erneuten Frankenstärke unter Druck kommen?
Grundsätzlich ist die Schweizer Wirtschaft derzeit gut aufgestellt. Eine leichte Aufwertung des Frankens, wie wir sie jetzt sehen, kann die Schweizer Wirtschaft wegstecken. Schwierig wäre eine sprunghafte Aufwertung. Wenn wir das bis jetzt bekannte Programm der italienischen Regierung betrachten, droht aber vermutlich zurzeit kein plötzlicher Aufwertungsschock.

Welche Auswirkungen hat der Machtwechsel auf die Euro-Zone?
Die ersten Nachrichten, die über das Programm durchgesickert waren, hatten schlimmer getönt, als wie sich die Situation nach der heutigen Publikation des Vorschlages präsentiert. Aber das kann sich rasch wieder ändern. Es ist ein echtes Risiko vorhanden.

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Aymo Brunetti ist Professor für Volkswirtschaft an der Universität Bern und einer der bekanntesten Ökonomen in der Schweiz. Der gebürtige Basler stand der «Too-big-to-fail»-Expertengruppe vor, welche im Auftrag des Bundesrats neue Kapitalvorgaben für die Grossbanken entwickelte. Vor seiner akademischen Lehrtätigkeit machte Brunetti beim Bund Karriere, zuletzt als Chefökonom des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO).
Quelle: ZVG

Welches Risiko sehen Sie?
Die Lega und die Fünf-Sterne-Bewegung sind Euro-kritisch. Beide haben in der Vergangenheit eine Abstimmung über den Euro-Austritt Italiens gefordert. Nur schon die Ankündigung einer solchen Abstimmung wäre ein gewaltiger Schock für die Euro-Zone. Es könnte die Finanzmärkte in ähnliche Turbulenzen bringen wie während des Höhepunkts der Griechenland-Krise. Ein Austritt Italiens würde zu einer Bankenkrise allergrössten Ausmasses in Europa führen.

Von einem Euro-Austritt ist jetzt offenbar nicht mehr die Rede.
Laut neusten Informationen ist keine Euro-Abstimmung geplant. Im Programm sind aber Massnahmen enthalten, welche die Haushaltssituation in Italien wesentlich verschlechtern werden. Italien kann sich zusätzliche Ausgaben in der angekündigten Grössenordnung nicht leisten. Die Schulden Italiens dürften sich deutlich erhöhen. Nur schon die Aussicht auf eine Verschlechterung der Haushaltslage und die grundsätzlich Euro-kritische Haltung haben grosse Unsicherheiten geschaffen.

Falls die neue Regierung dennoch eine Euro-Abstimmung plant: Könnte die Schweizerische Nationalbank den Frankenkurs stabilisieren?
Wenn es eine massive Kapitalflucht in die Schweiz gäbe, würde sich die Schweizerische Nationalbank einem Aufwertungsschock mit grosser Wahrscheinlichkeit entgegensetzen.

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Italiens Präsident Sergio Mattarella: Ihm wird eine stabilisierende Rolle zugeschrieben.
Quelle: Keystone Images

Ist die SNB so handlungsfähig wie zu Zeiten der Griechenland-Krise? Sie hat immer noch riesige Euro-Bestände in der Bilanz.
Rein technisch kann sie in unbegrenztem Umfang Euro kaufen. Vereinfacht ausgedrückt: Sie stellt Franken her und kauft damit Euro. Natürlich wird es aber schwieriger, die Bilanz zu bewirtschaften, je grösser die Bestände werden. Es wird auch destabilisierender, die Bestände zu einem späteren Zeitpunkt wieder abzubauen. Die SNB würde ungern intervenieren, aber sie hat die Möglichkeit dazu – und die Finanzmärkte wissen das. Die SNB hat klargemacht, dass sie eine massive Überbewertung bekämpfen würde.

Die Schweizer Wirtschaft kann sich darauf verlassen, dass die SNB den Rettungsanker spielt.
Die SNB wird kaum mehr eine Untergrenze ankündigen. Sie ist aber bereit, zu intervenieren, wenn es eine massive Überbewertung gibt. Das ist aber natürlich keine Garantie für einen bestimmten Kurs.

Wäre eine Krise in Italien vergleichbar mit jener, wie wir sie in Griechenland gesehen haben?
Es ist eine andere Dimension. Wenn Italien ernsthaft in Schwierigkeiten geriete, würde die Währungsunion ins Wanken geraten. Wir müssen alle hoffen, dass dies nicht eintritt. Italien ist jedoch weit davon entfernt, griechische Verhältnisse zu haben.

Wieso ist die Euro-Zone so anfällig auf Krisen?
Weil die Euro-Zone letztlich eine Fehlkonstruktion ist. Bei ihr wurde als erstes gemacht, was in der wirtschaftlichen Integration am Schluss gemacht werden sollte: Eine gemeinsame Währung einzuführen. Die gemeinsame Währung nimmt den nationalen Regierungen jegliche geldpolitische Möglichkeiten. Sie können beispielsweise die Währung nicht mehr abwerten, wenn sie eine höhere Inflation haben. Logisch wäre, dass man einen substantiellen gemeinsamen Haushalt hätte, ähnlich wie in einem föderalistischen Bundesstaat wie der Schweiz. Davon sind wir meilenweit entfernt. Solange das Problem ungelöst ist, wird es im Euro-Raum immer wieder Stabilitätsprobleme geben.

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Thomas Jordan: Der Präsident der Schweizerischen Nationalbank wird die Situation in Italien aufmerksam beobachten.
Quelle: Keystone

Solange die Euro-Zone den Konstruktionsfehler nicht löst, droht immer eine Frankenstärke?
Das kann man so sagen. Natürlich hat die Euro-Zone mit der Bankenunion einen wichtigen Schritt gemacht. Das trug zur Stabilisierung bei. Aber die Tatsache bleibt, dass unterschiedliche Länder mit unterschiedlichen wirtschaftlichen Voraussetzungen die gleiche Währung haben.

Jetzt sollen Rumänien, Bulgarien und Kroatien den Euro einführen. Ist dieser Entscheid fahrlässig?
Es trägt sicher nicht zur Problemlösung bei, jetzt zusätzliche Länder aufzunehmen, die sich wirtschaftlich stark von den bisherigen Mitgliedsländern unterscheiden. Von einer Erweiterung der Euro-Zone würde ich aus ökonomischer Sicht momentan stark abraten.

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EZB-Chef Mario Draghi: Experten rechnen mit einer Zinserhöhung der Euro-Währungshüter im kommenden Jahr.
Quelle: Anadolu/Getty

Die meisten Experten rechnen mit einer Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank im nächsten Jahr. Könnte die politische Situation in Italien die Zinswende gefährden?
Der Zinsentscheid der EZB hängt in erster Linie von der allgemeinen Wirtschaftslage im Euro-Raum ab. Die Situation in Italien hat nicht direkt damit zu tun. Wenn die Euro-Wirtschaft weiterhin so boomt wie in den letzten Monaten, können wir hoffen, dass die EZB in vernünftiger Frist einen ersten Normalisierungsschritt macht.

Die Lage in Italien hat keinen Einfluss auf die Konjunktur im Euro-Raum?
Wenn es zu sehr starken Turbulenzen kommt, kann das Rückwirkungen auf die europäische Wirtschaftsaussichten haben. Aber im Moment sieht es nicht danach aus.