Keine zwei Jahre ist es her, da waren Fachleute sicher: Griechenlands Weg aus der Krise ist aussichtslos. «Wir werden auch in den nächsten Jahren einen Geldtransfer von Brüssel nach Griechenland beobachten», sagte der Schweizer Ökonom Thomas Straubhaar noch im Frühjahr 2012 gegenüber handelszeitung.ch. Er forderte seinerzeit sogar, Griechenland solle ein europäisches «Protektorat» werden – Athen also seine politische Souveränität abgeben.

Mit solchen Äusserungen stand der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts keineswegs allein. Fast unisono lautete der Tenor von deutschsprachigen Ökonomen bis noch vor wenigen Monaten: Griechenland bleibt auf absehbare Zeit ein Fass ohne Boden. Erst mit dem Euro-Austritt und einer Abwertung der neuen Währung schafft das Land die notwendige Anpassung, argumentierte etwa der Münchner Ökonom Hans-Werner Sinn.

Griechenland: Reformen und Haushaltskonsolidierung

Und jetzt das: Erstmals seit vier Jahren leiht sich Griechenland heute an den freien Märkten längerfristig Geld. Athen sammelte mit der Emission fünfjähriger Anleihen rund 3 Milliarden Euro ein, teilte das Finanzministerium mit. Laut Nachrichtenagentur Reuters lag die Nachfrage bei rund 20 Milliarden Euro – also acht Mal höher als das Angebot. Doch wie ist das möglich? Haben Fachleute wie Straubhaar und Sinn die Lage völlig falsch analysiert?

Fakt ist: Jahrelang fokussierten sich Medien in ihrer Berichterstattung über Griechenland vor allem auf negativen Meldungen. Von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen hat sich das südeuropäische Land aber massgeblich gewandelt. Laut Industrieländerclub OECD erzielte Athen in den vergangenen Jahren «beeindruckende» Erfolge bei der Konsolidierung der Staatsfinanzen, die strukturellen Reformen verliehen der Produktivität einen kräftigen Schub und machten das Land konkurrenzfähiger.

Wirtschaft wächst 2014 wieder

Zu sehen ist das etwa an den Lohnstückkosten, die in den vergangenen Jahren deutlich gegenüber jenen aller anderen Euro-Länder gesunken sind. «Griechenland hat an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen», sagt Martin Eichler, Chefökonom beim Forschungsinstitut Bak Basel. «Zudem wurde der verkrustete Staatssektor aufgebrochen.» Im vergangenen Jahr wurde ein historischer Handelsrekord erzielt: Die griechische Wirtschaft exportierte erstmals seit 1948 mehr Waren und Dienstleistungen als sie aus dem Ausland kaufte. Der primäre Haushaltssaldo – also ohne Berücksichtigung der Zinszahlungen – liegt laut EU-Kommission in diesem Jahr mit geschätzt 2,7 Prozent vom Bruttoinlandprodukt (BIP) weit im positiven Bereich.

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Inzwischen hat sich auch die konjunkturelle Lage markant verbessert. Die Industrie wächst seit Jahresbeginn wieder, zeigen wichtige Umfragen unter Einkäufern. Hoffnung macht vor allem die anstehende Feriensaison. Noch immer wird ein beträchtlicher Teil der Wertschöpfung durch den Tourismus erzielt: Dieser feierte bereits vor einem Jahr ein fulminantes Comeback und stützte auch die Gesamtwirtschaft. Mit 3,7 Prozent fiel der BIP-Einbruch im Gesamtjahr deshalb niedriger aus als zunächst von der Troika aus IWF, EU und EZB befürchtet.

Diese Fehleinschätzung der Geldgeber war übrigens ein weiteres Novum: Jahrelang hatten diese Experten die Rezession in Griechenland in ihren Prognosen regelmässig unterschätzt. Erstmals seit sechs Jahren wird für 2014 nun wieder mit einem leichten Anstieg des BIP gerechnet – auch dank der Tatsache, dass nun nicht mehr so heftig gespart wird wie in den Vorjahren. Die EU etwa veranschlagt ein Plus von 0,6 Prozent. 2015 könnte die Wirtschaftsleistung demnach dann sogar um fast drei Prozent zulegen.

Sommer 2012: Der wichtigste Krisenakteur tritt auf

Neben allen Erfolgen der Hellenen ist aber auch klar: Ohne tatkräftige Unterstützung von aussen wäre eine so schnelle Genesung wohl unmöglich gewesen. Vor allem ein Akteur veränderte die Spielregeln: Mario Draghi. Damit konnten denn auch Griechenlandskeptiker wie Straubhaar und Sinn nicht rechnen.

Der Chef der Europäischen Zentralbank machte im Sommer 2012 unmissverständlich klar, dass der Euro unumkehrbar sei. Und ein Austritt Griechenlands nicht zur Debatte stehe. Investoren rund um den Globus nahmen dem Italiener dieses Bekenntnis ab. Setzte die Herde der Investoren vor zwei Jahren also keinen Pfifferling mehr auf Griechenland, glaubt sie nun, ihr Geld künftig vollständig zurückzubekommen. Und hofft auf eine Rendite von jährlich fünf Prozent.

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Schuldentragfähigkeit Griechenlands unsicher

Ob es auch so kommt, ist allerdings fraglich. Die Tragfähigkeit der staatlichen Verbindlichkeiten ist keineswegs gesichert. Denn wegen der hohen Zinszahlungen steigt der Schuldenstand Griechenlands weiter. In diesem Jahr um rund 4 Prozentpunkte auf 170 Prozent vom BIP, wie Bak Basel erwartet.

Entsprechend ist die Wahrscheinlichkeit laut Chefökonom Eichler hoch, dass Griechenland nochmals eine Entlastung benötigen wird, «zum Beispiel durch eine Streckung der Kredite.» Womöglich nicht in diesem Jahr, auch nicht im kommenden – aber später. De facto würde dies jedoch einen weiteren Schuldenschnitt bedeuten – Investoren müssten auf Geld verzichten.

Daneben sieht Eichler weitere Stolpersteine, sollte Griechenland allmählich wieder auf die Beine kommen. «Dann könnte der Wille zur Fortführung der Reformen schwächer werden», sagt er. Denn obwohl es zuletzt nur noch wenig Demonstrationen gab, ist der Unmut in der Bevölkerung hoch. Hinter der politischen Stabilität steht trotz der klaren Regierungsverhältnisse in Athen noch immer ein Fragezeichen. Dies gilt umso mehr, als dass die Arbeitslosigkeit mit rund 28 Prozent noch immer historisch hoch ist – und in den kommenden Quartalen nur allmählich sinken dürfte.

Wer hat die Deutungshoheit?

Schon jetzt aber streiten Fachleute über die Deutungshoheit von Griechenlands Genesung. Wer hatte Recht? Jene, die unablässig Reformen von den Hellenen forderten – oder andere Beobachter, die für eine rigorose Intervention der EZB plädierten, um die aufgeschreckten Investoren zu beruhigen? Nach Ansicht von Bak-Chefökonom Eichler waren beide Massnahmen wichtig: «Die strukturellen Reformen Griechenlands waren – und sind – notwendig, um die Wirtschaft langfristig zu stabilisieren. Ohne die klare Haltung der EZB hätten Griechenland und die Euro-Zone aber nicht genug Zeit für die Reformen gehabt.»

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