Letzten Dezember haben Sie verkündet, 2011 werde ein gutes Jahr für risikoreiche Investments wie Aktien. Buchstabieren Sie nach den jüngsten Kursverlusten zurück?

Richard Urwin: Eigentlich war diese Voraussage für die erste Jahreshälfte richtig. Viele dieser Anlagen haben recht vernünftige Renditen gebracht.

Aber inzwischen sieht die Situation doch deutlich anders aus.

In den letzten zwei Monaten hat sich die Lage verändert, stimmt. Dies einerseits, weil es den europäischen Politikern nicht gelungen ist, der Schuldenkrise beizukommen. Hinzu kamen einige sehr schwache Wirtschaftsdaten aus den USA, aber teilweise auch aus den Schwellenländern. Das hat zu einem deutlichen Wertverlust bei zahlreichen Anlagen geführt. Die Risiken haben zugenommen.

Marktbeobachter warnen schon vor Rezession und Börsenbaisse. Zu Recht?

Einer weltweiten Rezession, wie wir sie 2008 und 2009 hatten, gebe ich eine Wahrscheinlichkeit von weniger als 50 Prozent.

Das heisst konkret?

Das heisst, dass die reale Gefahr einer Rezession besteht. Ansonsten halten wir aber an unserem Szenario fest – nur eine mittelmässige Entwicklung in den ­Industriestaaten, während in grösseren Schwellenländern das Wachstum höher ausfallen könnte.

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Also doch kein Bärenmarkt?

Die Definition eines Bärenmarkts sind Einbussen um 20 Prozent. So viel haben zahlreiche Anlagen in den letzten Wochen verloren. Die meisten Aktienmärkte sehen heute deshalb günstig aus. Das spricht gegen weitere scharfe Korrekturen. Meiner Meinung nach werden­Anleger nach den breiten Verkäufen der letzten Wochen wieder zu Aktien zurückkehren.

Demnach wäre jetzt der ideale Zeitpunkt für eine Schnäppchenjagd?

Nein, kurzfristig überwiegen in den meisten Anlageklassen die Risiken.

Kein einfaches Umfeld für den grössten Vermögensverwalter der Welt, oder?

Es gibt viele verschiedene Kunden und Investmentansätze bei Black Rock, und die Firma hat sich in schwierigen Phasen bisher gut geschlagen.

Sie sind zuversichtlich, erneut eine gute Performance zu liefern?

Black Rock hat beispielsweise viel Effort in die Positionierung der Portefeuilles im Falle einer Rating-Herabstufung der USA investiert und die Liquidität von Anleiheninvestments erhöht. Das heisst aber nicht, dass diese gegenüber der zunehmenden Volatilität immun gewesen wären.

Sie haben die Herabstufung der USA durch Standard & Poor’s erwartet?

Diese Möglichkeit zeichnete sich bereits vor mehreren Wochen ab. Wir erwarten von unseren Analysten immer, dass sie den Rating-Agenturen einen Schritt voraus sind und nicht reaktiv handeln. Übrigens: Unter den jüngsten Entwicklungen ist das Downgrade der USA ­sicher nicht die schwerwiegendste.

Wie bitte?

Es ist zwar ein historischer Moment. Jedoch hat nur Standard & Poor’s Amerika herabgestuft, die anderen Rating-Agenturen hielten sich zurück. Die neue Einstufung von AA+ ist zudem immer noch sehr gut, die Auswirkungen auf der Zinsseite sind begrenzt.

Jetzt reden Sie die Lage schön.

Wir wären besorgt, wenn es zu einer grossen Verkaufswelle bei US-Staatsanleihen gekommen wäre. Das war aber nicht der Fall. Überhaupt haben Staatsfonds und Notenbanken kaum eine andere Wahl, als US-Staatsanleihen zu kaufen, wenn sie hohe Qualität, einen weiten Markt und gute Liquidität wollen.

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Bill Gross, der Chef des grössten Anleiheninvestors Pimco, hat seine US-Staatsanleihen schon vor Monaten verkauft. Was tut Black Rock?

Wir sind der Ansicht, dass gerade Profi-Inverstoren weiterhin sehr an US-Treasuries interessiert sein werden.

Was geschähe, wenn eine weitere Agentur die USA herabstufen würde?

Im Moment sehen wir nur einzelne solche Schritte und keinen Erdrutsch. Deshalb dürfte auch die Reaktion der Märkte nicht so harsch ausfallen. Immerhin dürfte der jetzige Downgrade als ­Signal ausreichen, damit Amerika endlich seine Ausgaben kürzt.

Doch die Flut des billigen Geldes rollt weiter. Die US-Notenbank Fed lässt die Zinsen bis 2013 auf Tiefstniveau, um das Wachstum anzukurbeln. Was für Gefahren birgt das?

Die Entscheidung der Fed ist ernüchternd, denn sie besagt, dass die amerikanische Wirtschaft aus strukturellen Gründen noch für zwei Jahre so schwach wachsen wird, dass die Zinsen auf diesem Niveau gehalten werden müssen. Im Prinzip handelt es sich um eine quantitative Lockerung durch die Hintertür.

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Das billige Geld heizt die Teuerung an – damit nimmt die Schuldenlast ab. Inflationieren die USA ihre Schulden?

Das wäre der Fall, wenn die amerikanische Wirtschaft über einen grösseren Zeitraum stark wachsen würde. Wir rechnen aber eher mit wenig Wachstum und beschränkter Teuerung. Die jüngsten Ereignisse rufen bei mir eher Besorgnis über deflationäre Tendenzen hervor.

Sie rechnen mit einer Deflation?

Das wird wohl bald als die grösste Gefahr wahrgenommen werden. Ich bin ziemlich sicher, dass die Teuerung mehrere Jahre tiefer bleibt, als es der Fed lieb ist.

Aber der Dollar wird gegenüber dem Franken trotzdem abgewertet?

Was jetzt geschieht, dürfte den Dollar weiter belasten. Ausschlaggebend ist die Risiko-Aversion der Anleger: In ­einem solchen Umfeld steigen die Kurse von Staatsanleihen, Gold, Franken und Yen. Solange die Marktstimmung anhält, dürfte der Franken noch stärker werden.

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Schon 2010 haben Sie gesagt, Black Rock sei gegenüber europäischen Staats­anleihen kritisch eingestellt. Die jüngsten Entwicklungen haben Sie wohl in dieser Haltung bestärkt?

In Europa gibt es mittlerweile zwei Klassen von Staatsanleihen: Jene der Kernländer wie Deutschland, deren Renditen heute sehr tief liegen. Dann gibt es die Papiere von Peripheriestaaten wie Griechenland, deren Rendite zwar besser ist, aber wo sich die grundlegende Frage stellt, ob die Risiken zu hoch sind. Beide Klassen erscheinen mir unattraktiv.

Um eine Ausbreitung der Krise zu verhindern, kauft die Europäische Zentralbank (EZB) erstmals Anleihen von Mitgliedstaaten. Welche Folgen hat dieser Tabubruch?

Die EZB kauft italienische und spanische Staatsanleihen, weil es sonst niemand tut und derzeit keine anderen Stützmechanismen bereitstehen ...

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... eine Verzweiflungstat also?

Neu darf ja auch der europäische Rettungsfonds EFSF Staatsanleihen am Sekundärmarkt kaufen, was er sicher tun wird. Das hilft zwar. Aber das Vehikel ist leider nicht gross genug, um mit höherem Druck auf Spanien und Italien fertig zu werden.

Droht die Gemeinschaftswährung zu scheitern?

Nein. Die Politiker haben noch Mittel zur Hand, um die Lage ins Lot zu bringen. Eine Vergrösserung des EFSF, die Ausgabe von Eurobonds oder ein euro­päischer Währungsfonds könnten eine ­Erleichterung bringen. Das Problem ist natürlich, dass viele dieser Mittel äusserst umstritten sind.

In der Schweiz wird derweil diskutiert, ob der Franken an den Euro anzubinden sei. Was taugt die Idee?

Wenn die derzeitige Frankenstärke als vorübergehend angeschaut wird, wäre es sicher nicht das beste Vorgehen. Denn eine Anbindung an den Euro hätte sehr langfristige Folgen. Negativzinsen oder weitere Interventionen der Schweizerischen Nationalbank halte ich für die tauglicheren Mittel.

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Das wären schlechte Nachrichten für Sparer. Wo bieten sich am Anlagemarkt noch Chancen?

In Zeiten wie diesen fallen alle ri­sikobehafteten Werte – deshalb dürften Anleger mit konservativen Anlagen auf kurze Frist besser bedient sein. Wenn man aber die günstige Bewertung von Aktien betrachtet, könnten nur schon etwas bessere Konjunkturdaten und griffigere politische Massnahmen eine Rally auslösen.

Die Frage ist nur, wann. Riskieren Sie eine Voraussage für 2012?

Das nächste. Jahr wird wohl kaum grosses Wirtschaftswachstum bringen. Aber angesichts der Dynamik in den Schwellenländern und der Tatsache, dass auch die Firmen in Industrieländern noch ansprechende Profite erwirtschaften, halte ich es für die falsche Strategie, sich für die nächsten 18 Monate in Cash, Gold und Staatsanleihen zu flüchten.

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Der Mensch

Richard Urwin ist Investmentchef der Abteilung für Treuhandmandate von Black Rock. In dieser Funktion ist er verantwortlich für Pensionsgelder in der Höhe von rund 40 Milliarden Dollar. Bevor er 2006 zum Finanzriesen stiess, arbeitete Urwin lange für die englische Notenbank.

Das Unternehmen Black Rock ist mit Kundengeldern in der Höhe von 3660 Milliarden Dollar der grösste Vermögensverwalter weltweit. In der Schweiz verwaltet Black Rock ­gemäss Swiss Fund Data Fondsvermögen von gut 7 Milliarden Franken.