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Die heimlichen Gewinner am Schweizer Arbeitsmarkt

Bildung ist Macht: Angestellter in einem Pharmalabor.

Über die letzten zehn Jahre hat eine Gruppe von Erwerbstätigen speziell profitiert. Das zeigt eine Auswertung von Arbeitsmarktzahlen. Die Daten beschreiben einen beachtlichen Wandel.

Von Simon Schmid
am 08.12.2015

Auf dem Schweizer Arbeitsmarkt läuft es ganz passabel. Trotz Frankenschock harrt die Arbeitslosigkeit bei niedrigen 3,4 Prozent. In der Realität sind zwar etwas mehr Personen ohne Job, als diese Zahl suggeriert. Doch wie zuletzt auch in diesem Blog gezeigt wurde, steht die Schweiz mit ihrer hohen Erwerbsquote insgesamt gut da.

Der hiesige Stellenmarkt ist erstaunlich stabil. Dies zeigt auch der Rückblick bis 2004. Selbst während der Finanzkrise stieg die Arbeitslosigkeit bloss um 1,5 Prozent an – um kurz darauf sogleich wieder zu fallen. Die Gesamtschau offenbart: Selbst in den schwierigen Momenten war hierzulande nicht mehr als jeder fünfundzwanzigste Erwerbstätige ohne Arbeit.

Die Arbeitslosenkurve lässt ein Generalfazit zu – über den Durchschnitt aller Erwerbstätigen. Würde die Arbeitsgesellschaft aus einer Gruppe von identischen Individuen bestehen, so könnte man auch sagen: Für die Durchschnittsperson lag die Chance, arbeitslos zu sein, in den letzten zehn Jahren nie über 1:25.

Weil die Gesellschaft aber nicht gleichförmig ist, lohnt sich ein Blick hinter die Statistik. Zum Beispiel anhand der Daten, die das Bundesamt für Statistik vierteljährlich im Rahmen der Beschäftigungsstatistik erhebt – einer Umfrage basierend auf einer Stichprobe von 62 000 Betrieben des zweiten und dritten Wirtschaftssekors. Diese Daten zeigen, dass hinter den Kulissen eine ungleiche Entwicklung stattgefunden hat.

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Wie leicht die Firmen ihre Stellen besetzen können

Und zwar bei der Verfügbarkeit bestimmter Gruppen auf dem Arbeitsmarkt. Das BFS fragt die Betriebe regelmässig, wie erfolgreich sie bei der Besetzung offener Stellen waren. Mögliche Antworten der Unternehmen sind: 1. die Kandidatensuche fiel ihnen leicht, 2. die Kandidatensuche fiel ihnen schwer, 3. für eine bestimmte Stelle wurde keine Kandidaten gefunden, 4. das Unternehmen war zum Fragezeitpunkt gar nicht auf der Suche.

Die folgende Grafik zeigt die ersten drei Antwortoptionen über die Zeit – und zwar bei einem bestimmten Ausschnitt aus dem Arbeitsmarkt: den Stellen für Personen ohne obligatorischen Schulabschluss. Der Trend ist hier total geradlinig: Durchs Band gaben rund 20 Prozent der Firmen an, leicht Bewerber für einfache Jobs zu finden. Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung hatte im gesamten Zeitraum kaum jemand.

Nur minimal anders sieht es bei den Stellen aus, die sich für Personen mit Lehrabschluss eignen. Hier geben zurzeit rund 10 Prozent der Firmen an, dass die Kandidatensuche schwierig sei. Deutlich mehr Stellen lassen sich jedoch auch in diesem Bereich leicht besetzen. Aus der Grafik wird sogar einen leichter Aufwärtstrend sichtbar: Seit 2010 sind Arbeitskräfte mit einem Lehrabschluss aus Sicht der Firmen weniger knapp geworden.

Die beiden Knicks in den Kurven fallen übrigens in die Jahre 2007 bis 2009. Damals erlebte die Schweizer Wirtschaft im Vorfeld der Krise erst einen Boom – was sich in einer steigenden Personalknappheit niederschlug (orange Kurve). Als die Weltwirtschaft dann in die Rezession abglitt, ging dies auch am Arbeitsmarkt nicht spurlos vorbei. Die Personalknappheit verringerte sich, um sich wieder auf dem alten Trend einzupendeln.

Ähnlich verlief die Entwicklung bei den Stellen für Arbeitskräfte mit einem höheren Berufsabschluss. Zwei entscheidende Unterschiede lassen sich allerdings ausmachen. Erstens weist die «Knappheitskurve» in diesem Segment seit 2004 eine deutliche Steigung auf. So, dass sich zweitens inzwischen mehr Fälle finden, in denen eine Stelle schwer zu besetzen ist, als Fälle, in denen ein Kandidat leicht gefunden wird.

Die Personengruppe «höherer Berufsabschluss» haben wir hier zusätzlich aufgeschlüsselt – nach dem zweiten Wirtschaftssektor (der Industrie) und dem dritten Sektor (den Dienstleistungen). Hier zunächst die Grafik für den dritten Wirtschaftssektor...

... und hier jene für den zweiten Wirtschaftssektor:

Die Grafik zeigt: Fast ein Viertel der Industriebetriebe findet aktuell nicht oder nur schwerlich geeignete Fachkräfte. Das bedeutet umgekehrt, dass Erwerbstätige mit höherem Berufsabschluss zu den Gewinnern der Entwicklung gehörten: Wer das Anforderungsprofil für eine bestimmte Stelle erfüllt, hat über die letzten zehn Jahre an Verhandlungsmacht gegenüber Arbeitgebern gewonnen.

Ähnliches gilt auch für die letzte Personengruppe: jene der Akademiker. Aus Sicht der Unternehmen wurde es im Lauf der Zeit immer schwieriger, diese Personen zu rekrutieren – wobei dieser Trend mehrheitlich vor dem Jahr 2011 einsetzte. Seither sind die Stellenzahlen für Hochschulabgänger, die sich verhältnismässig leicht bzw. schwer besetzen lassen, mehr der weniger stabil.

Die Auswertung der BFS-Zahlen legt nahe: Auf dem Arbeitsmarkt gibt es Niedrigqualifizierte in Hülle und Fülle – und zwar seit eh und je. Andererseits hat die Knappheit an Arbeitskräften zugenommen, je höher man die Bildungsleiter hochsteigt. Dieser Zusammenhang gilt bis zur Stufe der höheren Berufsbildung, erst beim Hochschulabschluss zeigt sich keine weitere Knappheitszunahme mehr.

Für das Phänomen bieten sich zwei Erklärungen an. Einerseits dürften die generellen Bildungsanforderungen in der Wirtschaft zugenommen haben: Unternehmen suchen seit zehn Jahren vermehrt nach höher qualifizierten Arbeitskräften. Doch die Firmen werden dabei je länger, je weniger fündig – weil sich die Anzahl solcher Arbeitskräfte nicht beliebig steigern lässt. Andererseits erhöht sich der Spezialisierungsgrad: Firmen verlangen nach immer spezifischeren Fähigkeitskombinationen. Sie sind weniger bereit, Kompromisse bei der Rekrutierung einzugehen. Entsprechend schwieriger gestaltet sich die Suche nach geeigneten Arbeitskräften.

Welche Erklärung überwiegt, bleibt auch nach dieser Analyse ein Stückweit offen. Auf dem Schweizer Arbeitsmarkt läuft es jedenfalls nicht für alle Arbeitskräfte gleich rund – die Diskrepanz zwischen qualifizierten und unqualifizierten Profilen nimmt zu.

Simon Schmid
Chefökonom bei der Handelszeitung. Früher beim Tages-Anzeiger. Wirtschafts- und sozialwissenschaftlich inspirierter Schreiber.
Twitter: @schmid_simon

 

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