Wir wissen wenig über die Zukunft. Das gilt nicht nur, aber auch für die Ökonomie. Wenig wissen heisst nicht, dass wir nichts wissen. Umso schmerzhafter ist es zu sehen, wie sogenannte Ökonomen das wenige, das wir wissen, ignorieren oder, noch schlimmer, ins Gegenteil verkehren. Leider passiert aber genau das immer wieder. Zuletzt geschehen am vergangenen Wochenende. Auf die weitere Entwicklung des Euro angesprochen, wird ein Bankökonom von einem renommierten Journalisten mit der Aussage zitiert: «Ich gehe davon aus, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) noch stärker an der Kursuntergrenze festhalten wird, jetzt wo in Europa die Desinflation droht.» In dem Augenblick, wo Europa tiefere Inflationsraten drohen, soll die Gefahr wachsen, dass der Franken stärker wird?

Die gute alte Kaufkraftparität gehört zu den einzigen bewährten Theorien

Zu dem wenigen, das wir wissen und den Ökonomiestudenten bereits in der Grundstufe vermitteln, gehört die einzige wirklich empirisch bewährte Theorie über die Wechselkursentwicklung: Die gute alte Kaufkraftparität. Danach bestimmt die unterschiedliche Entwicklung der Preisniveaus der betrachteten Währungsräume in der mittleren bis längeren Frist den Verlauf der Wechselkurse. Vereinfacht gesagt ist jeweils die Währung die stärkere, die die tiefere Inflationsrate aufweist. Der Wechselkurs gleicht damit Lohn- und Produktionskostenveränderungen aus und stellt mittelfristig eine Situation her, in der keines der beteiligten Länder einen Wechselkursvorteil im internationalen Wettbewerb hat.

Nun droht nach Meinung unseres Experten Europa also die «Desinflation». Das ist ein etwas komplizierter Ausdruck für die Erwartung tieferer Inflationsraten. Gemeint ist wohl die Sorge, dass die Inflationsraten unter die Nulllinie rutschen könnten. Aktuell liegt die Inflationsrate in der Euro-Zone bei 0,7 und in der Schweiz bei 0,0 Prozent. Wenn die Inflation in der Euro-Zone also droht, tiefer zu sinken, dann müsste doch der Euro stärker werden und nicht der Franken! Für die SNB wäre das sogar der Idealfall: Preisstabilität in der Schweiz und eine Aufwertung des Euro. Eine Kursuntergrenze braucht es dann nicht mehr. Vielleicht macht die SNB sogar noch einen Milliardengewinn auf den Devisenreserven.

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Oder meint unser Devisenexperte etwa, dass in Befürchtung zu tiefer Inflationsraten die Europäische Zentralbank (EZB) etwa eine expansivere Geldpolitik einschlagen könnte, die dann die Erwartung höherer Inflationsraten nähren würde? Nach dieser Logik müsste man wohl die Geldpolitik der beiden Zentralbanken miteinander vergleichen. Was den Expansionsgrad der Geldpolitik angeht, ist die Sache aber ebenfalls eindeutig: Seit Beginn der Finanzkrise hat die SNB die Geldmenge, die sie der Wirtschaft zur Verfügung stellt, etwas mehr als vervierfacht. Die EZB dagegen hat es selbst in der schwierigsten Phase der sogenannten Euro-Krise nur auf eine Verzweieinhalbfachung gebracht. Im Gegensatz zur SNB entzieht sie dem Markt seit gut zwei Jahren schon wieder reichlich Liquidität. Auch dieses Argument würde für einen stärkeren Euro sprechen.

Verstehen wir uns recht: Der Wechselkurs des Euro gegenüber dem Dollar oder Franken kann in nächster Zeit durchaus fallen. Aber eben auch steigen. Darüber können wir Ökonomen leider nichts sagen. Auch das versuchen wir unseren Studenten zu erklären: Kurzfristige Wechselkursprognosen kann man zwar abgeben. Die Wahrscheinlichkeit aber, dass man auch nur die Richtung der nächsten Kursbewegung richtig erahnt, ist ziemlich genau 50 Prozent. Einzig in Phasen der extremen Überbewertung einer Währung ändert sich dies zugunsten des Prognostikers.

Viele waren überrascht über die anhaltende Stärke des Euro

Traut man den von unseren armen Devisenexperten berechneten Kaufkraftparitäten, liegt aber keine extreme Fehlbewertung zwischen Euro, Franken und Dollar vor. Diese Beobachtung stellt übrigens sogar ein weiteres Festhalten der Nationalbank an der Wechselkursuntergrenze in Frage. Von einem die Konjunktur bedrohenden starken Franken kann keine Rede mehr sein. Auch scheint der Anlass für die dramatische Aufwertung des Frankens im Spätsommer 2010 heute nicht mehr gegeben. Die Lage in der Euro-Zone stellt sich bei Weitem nicht mehr so dramatisch dar wie damals.

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So sind die Defizite in den Staatshaushalten deutlich gesunken, die Verschuldungsquote beginnt sich zu stabilisieren und die Euro-Zone wächst aktuell wieder mit 0,9 Prozent Jahresrate. Tatsächlich honorieren das die Finanzmärkte: Der Euro legt seit gut zwei Jahren gegenüber dem Dollar deutlich zu, die Risikozuschläge der Staatsanleihen Italiens und Spaniens sind wieder auf nachvollziehbaren Niveaus angekommen, Anlagen in der Peripherie der Euro-Zone sind die Starperformer des Kapitalmarktes gewesen. Braucht es da noch eine solch ungewöhnliche Notmassnahme wie die Untergrenze im Wechselkurs zum Euro? Oder muss die SNB gar mehr an dieser Untergrenze festhalten als auch schon? Die Antwort sei dem Leser überlassen. Nur noch so viel: Zwei Tage bevor das Ausgangszitat veröffentlicht wurde, schreibt der Chef des besagten Ökonomen in der eigenen Publikation: «Viele – auch wir – waren über die anhaltende Stärke des Euro überrascht.» Wen wunderts?

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