Die Geldpolitik produziere «Siechtum», urteilten Sie jüngst. Legen wir uns wegen der Nullzinsen auf die faule Haut?
Hans-Werner Sinn*: Die Null- und Negativzinspolitik schafft imaginäre Wertzuwächse, die in Wahrheit Luftnummern sind. Wir gerieten in eine gefährliche Spirale. Die Zinsen mussten sukzessive immer weiter gesenkt werden, um die Vermögenswerte künstlich hochzuhalten und Bilanzen zu retten. Echte -Geschäftsmodelle hingegen bekommen keine Chance. Im Gegenteil: Die Plätze bleiben besetzt, Zombiebanken und ihre Zombiekunden werden am Leben gehalten.

Das Problem wird also verschleppt?
Die Notenbanken haben die Anpassung nach der Finanzkrise auf halber Strecke gestoppt. Man hätte Kursrückgänge akzeptieren müssen – und im Zweifel auch vor Bankenpleiten nicht zurückschrecken dürfen.

Wir haben gesehen, was nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers passierte: An den Finanzmärkten und in der Wirtschaft brach Panik aus. Sollte nun etwa die Deutsche Bank in die Pleite rutschen, wäre es wohl ähnlich. Das Risiko ist zu gross.
Es ist legitim, so zu argumentieren. Und die Angst der Zentralbanken ist auch berechtigt. Aber die Kehrseite ist nun eben das dauerhafte, selbst produzierte Siechtum. So wird es kein Wachstum geben. Als die Lehman-Krise im Jahr 2009 überwunden war und die Weltwirtschaft schon wieder boomte, hätte eine Bereinigung auf das gesunde Mass stattfinden müssen.

Dieses gesunde Mass zu bestimmen, ist aber schwer.
Richtig. Aber heute greift die EZB mit dem Aufkauf von Staatspapieren und Unternehmensanleihen erstmals in der Geschichte der Geldpolitik in die Entwicklung der Assetpreise und die regionale Verteilung des Investitionskapitals ein. Das ist eine staatliche Lenkung, die nicht zu einer Marktwirtschaft passt.

Das macht die Schweiz besser als Deutschland:

 

Die Sorge vor Übertreibungen wächst vor allem mit Blick auf den Häusermarkt. Wie gross ist die Gefahr einer Blase, die einmal platzt?
Was wir am Immobilienmarkt sehen, ist abnormal und geht weit über das gesunde Mass hinaus. Die Bundesbank betont seit zwei Jahren, dass sich eine Blase aufbaut – und sie hat recht. Wir haben in den deutschen Grossstädten in den vergangenen Jahren Preissteigerungen von 50 Prozent erlebt. Auch in der Schweiz sind die Preise massiv gestiegen. Die Gefahr ist gross, dass Anleger die Preisanstiege der vergangenen Jahre einfach in die Zukunft hochrechnen und noch mehr kaufen. Das kann böse enden. Wenn die Blase platzt, kann es sehr schnell bergab gehen.

Die Schweizerische Nationalbank könnte die Zinsen noch weiter in den negativen Bereich drücken. Wie viel Spielraum ist nach unten überhaupt denkbar?
Das hängt von der Höhe der Kosten der Bargeldhaltung ab. Die EZB schafft nun den 500-Euro-Schein ab, um die Tresorkosten zu erhöhen.

Offiziell heisst es, Kriminelle würden die grossen Scheine verwenden, und nun erschwere man ihnen die Geschäfte.
Ich bitte Sie. Unterscheiden Sie zwischen den wahren Beweggründen und dem, was sich die Kommunikationsabteilung der EZB als Erklärung ausdenkt. Der nächsthöhere Schein in der Euro-Zone ist der 200er – mit der Abschaffung der 500er-Note steigen die Tresorkosten also um das Zweieinhalbfache. Entsprechend tiefer können die Zinsen unter null sinken. Und wenn man das Bargeld ganz abgeschafft hat, können die Notenbanken die Zinsen beliebig negativ setzen.

Ein Horrorszenario?
Das Spektrum der Motivation der EZB für Negativzinsen ist breit. Es beginnt bei der Erreichung des Preisziels, also knapp 2 Prozent Inflation, und hört bei der Begünstigung von Schuldnern in Südeuropa auf. Denn die südeuropäischen Länder sind alle total überschuldet. Das ist dann natürlich kein seriöses Argument mehr.

Das müssen die USA nach der Präsidentenwahl wirtschaftspolitisch besser machen:

 

Die 1000-Franken-Note ist der wert-mässig höchste Schein der Welt. Steigt die Nachfrage nach der Ameise, wenn die 500-Euro-Note verschwindet?
Ja, die Nachfrage nach der 1000-Franken-Note wird steigen. Für die Schweiz ist das ein gutes Geschäft, weil sie Geldscheine verzinslich verleiht. Aus diesem Grund gab es früher auch die 1000-DM-Banknoten. Sie zirkulierten nicht, sondern hatten nur die Funktion der Wertaufbewahrung. Menschen in der Türkei und Osteuropa haben sie gehortet, weil sie der eigenen Währung oder den Banken misstrauten. Auch heute laufen in Osteuropa viele Bankkonten auf Schweizer Franken.

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Wertet der Franken auf, wenn der 500-Euro-Schein verschwindet?
Das wird einen Effekt auf den Wech-selkurs haben, wenn die Schweizer -Notenbank die zusätzliche Nachfrage nach den grossen Frankenscheinen nicht durch ein Mehrangebot be-frie--digt. Der Wechselkurs bringt die Nachfrage nach Bargeld in verschiedenen Währungen ins Gleichgewicht. Und wenn das Bargeld der einen Währung attraktiver wird, wird sie aufgewertet, wenn nicht mehr davon angeboten wird.

Wie bewerten Sie die Politik der SNB?
Sie interveniert, wenn sie es denn tut, ja nur heimlich. Die Schweiz ist schon -länger der grösste Eigentümer von deutschen Staatspapieren. Das ist eine komfortable Situation im Vergleich mit der Bundesbank. Die Bundesbank hat Target-Forderungen im Euro-System von -in--
zwischen 716 Milliarden Euro und kann diese Forderungen nie fällig stellen. Die Nationalbank hat mit den Bundes-an-leihen stattdessen ein marktfähiges Asset, welches Zinsen bringt, ein Fälligkeitsdatum hat und veräussert werden kann.

Sie glauben nicht, dass Deutschland seine Target-Kredite wiedersehen wird?
Die Notenbanken im Süden Europas sind alle konkursgefährdet, wenn die entsprechenden Länder aus dem
Euro austreten. Ich zweifle daran, ob Deutschland die Bundesbank-Kredite wiedersehen wird.

Die Meinungen von Ökonomen bei wichtigen wirtschaftspolitischen Themen gehen immer wieder weit auseinander – für die Politik ist es schwer, den Überblick zu behalten. Mischen zu viele sogenannte Experten mit?
Als Ökonom muss man sich intensiv mit einem Thema beschäftigt haben, bevor man darüber öffentlich spricht und sich positioniert. Viele melden sich zu Themen, zu denen sie nicht geforscht haben. Die ordnungspolitische, allokative Theorie der Neoklassik wird immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Es wird viel theorielose Ökonometrie betrieben, und auf der Basis wird dann geurteilt. Das geht regel-mässig schief.

Gilt das auch für die Lehre – zu viel Statistik und zu wenig Makro?
Die Mode liegt heute bei der Ökono-metrie und auf der Verhaltensforschung. Beides sind nützliche Forschungsge-biete, doch für die Wirtschaftspolitik und Lehre reicht es nicht. Makroökonomie und Wohlfahrtstheorie – also die -alten Kerngebiete der Volkswirtschaftslehre – sollte man nicht vernachlässigen. Ich verstehe, dass man die Forschung erneuern will. Aber die Lehre muss eine Auswahl der wichtigsten -Erkenntnisse der vergangenen 200 Jahre beinhalten. Im Physikstudium können Sie nicht auf die Gesetze der Mechanik verzichten, bloss weil sie im 19. Jahrhundert erfunden wurden.

Robert Shiller hat mit seiner Forschung zur Verhaltensökonomik den Nobelpreis bekommen. Sie halten seine Forschung für ein Modethema?
Ich habe über die Lehre gesprochen. Robert Shiller ist ein klassisch ausgebildeter Ökonom, der sich zu neuen Ufern vorgewagt hat und dafür zu Recht geehrt wurde. Wichtig ist aber anzuerkennen: Wir haben Moden in unserem Fach. Für die Forschung sind solche Wellen wichtig. Das sollte sich aber nicht in der Lehre niederschlagen. Mich freut, dass nun auch Oliver Hart und Bengt Holmström den Nobelpreis bekommen. Beide haben bahnbrechende Forschungen im Bereich der mikroökonomischen Allokationstheorie vorgelegt, nämlich zur Theorie der Firma und zur Theorie der Arbeitskontrakte. Hier wird das geniale Neue mit einer hohen Kunstfertigkeit verbunden.

Deshalb kann die EU die Personenfreizügigkeit, wie sie heute ausgestaltet ist, gemäss Sinn nicht aufrecht erhalten:

 

*Hans-Werner Sinn spricht als Eröffnungs-Keynote Speaker am 31. internationalen Europa Forum Luzern über die Perspektiven des Arbeitsmarktes, die Bedeutung der Personenfreizügigkeit und die neue Zuwanderung. Das Gipfeltreffen von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik über die Zukunft der Schweiz in Europa findet am 14. November 2016 im KKL statt.