Wenn die US-Notenbank (Fed) die Leitzinsen erhöht, sind Länder auf der ganzen Welt betroffen - manche positiv, andere negativ. Mitte September könnte es erstmals nach neun Jahren so weit sein. Die Fed lässt sich aber nur bedingt in die Karten schauen.

Das glasklare Wasser in den Forellenteichen rund um Jackson Hole half nicht: Wer den Zeitpunkt der Zinswende vorhersagen will, fischt weiter im Trüben.

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Yellen war abwesend

Beim traditionellen Treffen der Notenbanker aus aller Welt in den malerischen Rocky Mountains hielten sich vergangenes Wochenende alle bedeckt. Zu ungewiss sind die Zeiten, zu turbulent geht es an den Märkten zu, zu wichtig ist die Entscheidung für Banken, Unternehmen, Staatshaushalte in aller Welt.

Mit der Chefin der Federal Reserve, Janet Yellen, und dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, waren die beiden wichtigsten Zentralbanker vorsichtshalber gar nicht erst angereist. Yellens Stellvertreter Stanley Fisher winkte ab: «Zu früh für Entscheidungen.» Die Nervosität steigt an den Märkten, wo manche Führungskraft noch nie eine US-Zinserhöhung aktiv miterlebt hat.

Krise vorbei

Am 16. oder 17. September könnte es soweit sein. Erstmals seit Juni 2006, erstmals seit dem Einbruch der US-Märkte nach der schweren Immobilienkrise im Jahr 2008, könnte die Fed bei der Sitzung ihres Offenmarktausschusses ihre Politik der Niedrigstzinsen aufgeben und einen moderaten Schritt nach oben machen.

Als Signal an die Märkte wäre das eine Zeitenwende, sagt UBS-Chefökonom Andreas Höfert der Deutschen Presse-Agentur. «Das wäre das Zeichen, dass die Krise vorbei ist.»

Schritt Richtung Normalität

Von einer Anhebung um 0,25 Prozentpunkte ist die Rede. Ein erster kleiner Schritt in Richtung Normalität nach sieben wirtschaftlich mageren Jahren und einer ungebremsten Geldschwemme von der Zentralbank.

Die US-Wirtschaft wächst, laut Prognose des Internationalen Währungsfonds (IWF) um bis zu drei Prozent im nächsten Jahr, es werden Stellen geschaffen, viele Indikatoren stehen auf grün.

Trügt der Schein?

Doch trügt der Schein? Nicht alle Experten brechen mit Blick auf die grösste Volkswirtschaft der Welt in lauten Jubel aus. Die Analysten der Investmentbank Morgan Stanley etwa haben ihre Wachstumsprognose für 2016 um 0,8 Punkte auf 1,8 Prozent zurückgenommen.

In einem Worst-Case-Szenario sehen die Auguren um Chefökonomin Ellen Zentner sogar eine kleine Rezession für die USA aufziehen. Und auch Höfert erkennt Unregelmässigkeiten. So habe der US-Dollar zuletzt in der China-Krise nicht mehr von den fallenden Aktienkursen profitiert.

Schwache Teuerung

Ein Problem ist die Inflation. Unter anderem wegen des von einer Ölschwemme gedrückten niedrigen Ölpreises von 49 US-Dollar pro Fass (159 Liter) liegt sie derzeit bei 0,3 Prozent. Rechnet man die häufig Schwankungen unterworfenen Preise für Energie und Lebensmittel heraus, kommt man noch immer nur auf 1,2 Prozent.

Ziel der Fed ist eine Inflation von zwei Prozent, um ein gesundes und nachhaltiges Wachstum der Wirtschaft zu gewährleisten.

Gefahren

Zieht die Notenbank die Zinsschraube zu früh an, könnte sie die von den Turbulenzen an den Märkten und der perspektivisch schwächer werdenden Nachfrage aus Schwellenländern wie China ohnehin irritierte US-Wirtschaft empfindlich abwürgen.

Wartet sie zu lange und pumpt weiter billiges Geld in eine ohnehin galoppierende Wirtschaft, könnte die dümpelnde Inflation plötzlich sprunghaft steigen.

Aufschwung am Arbeitsmarkt

Die Finanzszene schaut mit Argusaugen deshalb auf den 4. September, wenn in den USA die Arbeitsmarktdaten für August bekanntgegeben werden. Fallen sie ausgesprochen gut aus, könnte dies ein Indiz mehr sein, dass die Fed das tut, was viele Fachleute vor der China-Krise erwartet haben - und die Zinsen erstmals leicht erhöhen.

Der Arbeitsmarkt hatte sich zuletzt stark erholt, bei einer Quote von 5,3 Prozent wurden in den vergangenen zwölf Monaten fast drei Millionen Jobs geschaffen. Die Fed geht davon aus, dass steigende Löhne bald auch die Inflation treiben könnten.

Allerdings sind die August-Zahlen interpretationsfähig, enthalten sie doch viele Wiederaufnahmen von vorübergehend niedergelegten Arbeitsverhältnissen, etwa bei Lehrern.

Angst vor Zinserhöhung

So könnten rein US-interne Geschehnisse eine Zinsentscheidung beeinflussen, die die Welt bewegt. Denn in vielen Staaten herrscht pure Angst vor einer Zinserhöhung in den USA. Schwellenländer wie Brasilien und China haben enorme Staatsschulden in US-Dollar. Die ohnehin derzeit bärenstarke US-Währung würde durch eine Zinsanhebung weiter gestärkt, die Last der Schuldner dadurch automatisch höher.

Besonders betroffen wären die «Fragile Five», die «Zerbrechlichen Fünf«, zu denen Ökonomen neben Indonesien, Indien, Brasilien und Südafrika auch die Türkei zählen. Staaten wie Mexiko oder Kolumbien sind ebenfalls anfällig für Fed-Beschlüsse.

Druck auf den Franken

Investoren, die dort ihr Geld geparkt haben, könnten es in Erwartung höherer Anlagezinsen abziehen und wieder in die USA verschieben. Ein ähnlicher Effekt wird für die Schweiz erwartet, was Aufwertungsdruck vom Franken nehmen könnte.

Der Internationale Währungsfonds fordert schon vorsichtshalber «Sicherheitsgurte» für die Schwellenländer. Exportstaaten wie Deutschland könnten sich wegen des dann weiter andauernden Drucks auf den Euro - zumindest kurzfristig - freuen.

Die Zinsentscheidung der Fed nimmt darauf wohl kaum Rücksicht. «Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem», sagte schon 1971 der damalige US-Finanzminister John Connally.

(sda/mbü/ama)