Fachleute waren bereits überzeugt: Die Schweiz kann die Deflation in diesem Jahr hinter sich lassen. Nach zwei Rückgängen in Folge sollten die Konsumentenpreise in diesem Jahr erstmals wieder leicht steigen. Doch weit gefehlt: Schritt für Schritt senkte die SNB in den vergangenen sechs Monaten ihre Vorhersage, so dass heute nur noch eine Null für die Teuerung in diesem Jahr steht. Der Kampf gegen die Deflation ist also nicht beendet.

Damit verzögert sich der Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik. Die erste Zinserhöhung rückt in weitere Ferne. Und der Ausstieg aus dem unorthodoxen Euro-Mindestkurs ebenfalls. Weil dies aber den heiss laufenden Immobilienmarkt zusätzlich befeuert, verschärft sich das Dilemma der Währungshüter. Die SNB habe die Wahl zwischen Pest und Cholera, beschrieben die Fachleute der Commerzbank kürzlich die Handlungsalternativen.

Damit ist die Schweiz kein Einzelfall: Andere Notenbanken überarbeiten ihre Strategien in diesen Tagen ebenfalls – wenn auch aus höchst unterschiedlichen Gründen. Allen grossen Währungsräumen rund um den Globus ist heute aber gemein: Inflation stellt derzeit kaum mehr eine Bedrohung dar. Die Herausforderungen sind andere.

USA: Die Fed wirft Forward Guidance über den Haufen

Einen spektakulären geldpolitischen Kurswechsel vollzog am gestrigen Mittwoch die US-Notenbank Fed. Sie warf unter Leitung der neuen Vorsitzenden Janet Yellen kurzerhand ihre sogenannte «Forward Guidance» über den Haufen. Mit einer klaren Formulierung sollten Marktteilnehmer an die Hand genommen werden: Fällt die Arbeitslosigkeit unter die Quote von 6,5 Prozent, erhöht die Fed den Leitzins, lautete im Dezember 2012 die vermeintlich klare Ansage.

Seitdem ist die Arbeitslosigkeit indes deutlich schneller gesunken als seinerzeit angenommen und lag zuletzt nur noch bei 6,7 Prozent. Das liegt jedoch auch daran, dass sich viele Arbeitslose resigniert vom Jobmarkt abwenden und so aus der Statistik fallen. So rosig wie die nackte Zahl es suggeriert, läuft der Arbeitsmarkt also nicht. Hinzu kommt: Die Konsumentenpreise steigen mit 1,6 Prozent nur leicht.

Anzeige

Entsprechend kündigte die Fed gestern an, ihre Geldpolitik künftig nicht mehr nur an der Arbeitslosenquote ausrichten zu wollen. Mehrere Informationen wie Preisdruck und die Inflationserwartungen würden künftig ebenfalls berücksichtigt. Fachleute rechnen mit einer ersten Leitzinserhöhung Mitte 2015.

England: Britische Zentralbank will Doppelmandat

Einen weitaus fundamentaleren Kurswechsel plant derweil der britische Notenbankchef. Der Kanadier Mark Carney ist bekannt für ungewöhnliche Vorstösse: Am gestrigen Mittwoch bezeichnete er den vermeintlich engen Blick der Notenbanken auf die Inflation in den vergangenen Jahren als «fatal fehlerhaft». Das orthodoxe Instrument der direkten Inflationssteuerung habe zu einer «gefährlichen Ablenkung» in der vergangenen Dekade geführt.

In seiner Rede offenbarte Carney laut der britischen Zeitung «The Independant» gestern erstmals einige Details seines «strategischen Plans» für die Bank of England. In den kommenden drei Jahren sollen Preis- und Finanzstabilität demnach gleichrangige Ziele der Notenbank werden. Das wäre ein geldpolitisches Novum. In den vergangenen beiden Jahrzehnten lautete das Credo unter den globalen Notenbanken: Geldpolitik ist ausschliesslich langfristige Inflationssteuerung. Und sonst nichts.

Euro-Zone: EZB organisiert Stresstest für Banken

Für grosse Strategiewechsel hat Mario Draghi keine Zeit. Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) blickt in diesen Wochen mit Argusaugen auf die bedrohlich nachlassende Inflation im Euro-Raum. Zuletzt lag die Teuerung nur noch bei 0,7 Prozent – und damit so niedrig wie zuletzt 2009. Allerdings, so beteuerte Draghi nun, sei eine flächendeckende Deflation keine Gefahr. Ein Grund sind die schwachen Energiepreise, die bald wieder zulegen könnten.

Vielmehr bereitet dem Italiener das europäische Finanzsystem Sorgen: Ab November übernimmt die EZB die Aufsicht über etwa 130 der grössten Banken in der Euro-Zone. Zuvor sollen diese mithilfe eines Stresstests auf Herz und Nieren geprüft werden. Bis zum Sommer müssen die Geldhäuser Zahlen zu Wertpapieren und Krediten liefern – dann wird ein Börsencrash simuliert.

Halten alle Banken diesem Test stand? Wenn ja, ist das ein weiteres Indiz für die Erholung der Euro-Zone. Fällt die eine oder andere grosse Bank hingegen durch, könnte die Krise wieder aufflammen.

Japan: Konsumbelebung auf tönernen Füssen

Genau ein Jahr ist Haruhiko Kuroda heute im Amt. Der Präsident der japanischen Zentralbank hat eine durchwachsene Bilanz vorzuweisen. Mit einem breit angelegten Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen konnte die Konjunktur stabilisiert werden. Erstmals stiegen die Konsumentenpreise kürzlich wieder – nach Jahren der Deflation. Auch der darbende Häusermarkt kommt in Schwung.

Doch die Belebung steht auf tönernen Füssen. Ab April wird die Mehrwertssteuer von 5 auf 8 Prozent angehoben. Automobilverkäufer befürchten bereits heftige Absatzeinbussen – wie beim letzten Steueranstieg im Jahr 1997: Die Verkäufe brachen seinerzeit zweistellig ein. Prognosen halten eine Rezession für wahrscheinlich. Dann könnte auch Kuroda an seine Grenzen stossen.