Die seismischen Verschiebungen in der Ökonomie haben erstmals das Nobelpreiskomitee erreicht. Nachdem die globale Finanzkrise schmerzhaft offenbarte, dass viele wirtschaftswissenschaftliche Theorien die Realität nicht erklären können, hat die eher konservative schwedische Reichsbank nun drei Ökonomen mit dem begehrten Preis ausgezeichnet, die teils abseits des «homo oeconomicus» unterwegs sind – allerdings auch gegensätzliche Positionen vertreten. Einer von ihnen tritt sogar für ein gänzlich neues Paradigma in der Wirtschaftswissenschaft ein.

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Der an der Yale Universität unterrichtende Robert Shiller ist wohl der in der Öffentlichkeit bekannteste der drei ausgezeichneten Ökonomen. Seit Jahren gilt er in der Szene und bei Buchmachern als einer der heissesten Anwärter auf den Preis, der seit 1969 in Gedenken an Alfred Nobel vergeben wird. Und das obwohl er sich dem gängigen Mainstream seit Jahren weitgehend verwehrt. Seine Arbeit baut auf den Errungenschaften der heute ebenfalls geehrten Kollegen Eugene Fama und Lars Peter Hansen auf – und kommen doch zu einem fast gegensätzlichen Ergebnis.

Für animalische Instinkte ist kaum Platz in der Ökonomie

Shiller hat ein viel beachtetes Buch über die schwere Finanzkrise 2008 geschrieben. Im 2009 veröffentlichten «Animal Spirits» schildert er gemeinsam mit George Akerlof (der den Nobelpreis bereits 2001 gewann), wie sehr Irrationalität das Verhalten von Wirtschaftsakteuren bestimmt, wie stark Emotionen und Herdenverhalten die Entscheidungen von Finanzinvestoren treiben. Vereinfacht zusammengefasst: In Krisenzeiten stecken sich niedergeschlagene Investoren mit ihrem Pessimismus gegenseitig an – und verschärfen damit die Krise. In Aufschwungphasen sorgt die allgemeine Euphorie für einen noch stärkeren Boom. Mit dieser Sicht der Dinge lassen sich denn auch lange Boom- und Bust-Zyklen an den Märkten viel besser erklären als es die althergebrachten Vorstellungen der Ökonomie vermögen.

Oft kritisierte Shiller in den vergangenen Jahren, dass Ökonomen zu wenig Interesse an Psychologie und Soziologie hätten, weil sie im Grunde nicht am Menschen interessiert seien. Stattdessen würden sie dem Ideal der Naturwissenschaften nacheifern – ein Fehler.

So wählten Shiller und Akerlof auch ihren Buchtitel ganz bewusst: Die Bezeichnung «animalische Instinkte» wurde erstmals vom britischen Ökonomen John Maynard Keynes in seinem Werk «Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes» im Jahr 1936 verwendet. Bis heute steht der Altmeister bei vielen Beobachtern jedoch in Verruf: Oft werden seine Forschungsergebnisse nur mit mechanischen Ausgabenerhöhungen des Staates in Krisenzeiten gleichgesetzt. Diese Vorstellung versucht Shiller seit Jahren zu korrigieren – und wurde nun auch dafür vom Nobelpreiskomitee geehrt.

Erkläransatz für lange Krisenzeiten

Denn im Gegensatz zu Shillers Weltsicht ist für Emotionen in der heute gängigen wirtschaftswissenschaftlichen Theorie kein Platz: Viele allgemein akzeptierte Grundüberlegungen basieren noch immer auf der Annahme, dass Märkte immer effizient arbeiteten, dass die dort gefundenen Preise –  wo sich Angebots- und Nachfragekurve sauber schneiden – immer optimal seien. Und dass Menschen immer rational handelten. Ein Trugschluss, wie Finanzkrise und Auswüchse am Bankensektor zeigten.

Heute kritisiert Shiller vor allem, dass die Finanzbranche die am besten ausgebildeten und fähigsten Menschen bindet – «und deren Aktivitäten dann in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht nutzlos oder gar schädlich sind.» Das schrieb Shiller kürzlich in einem Gastkommentar für handelszeitung.ch. In den Vereinigten Staaten gingen im Jahr 2012 insgesamt 7,4 Prozent aller Zahlungen an Arbeitnehmer an Mitarbeiter in der Finanz- und Versicherungsbranche, so Shiller.

Schon im Jahr 2000 – also auf dem Zenit der Euphorie um den Neuen Markt – erschien Shillers Buch «Irrationaler Überschwang», in dem er vor dem Platzen der Dotcom-Blase warnte. Und bereits Anfang der 2000er kritisierte er, dass die beobachteten Preise am US-Häusermarkt nicht der fundamentalen Entwicklung in der Wirtschaft entsprachen. 2007 platzte diese Blase bekanntermassen.

Aktienkurse sind kaum vorhersehbar

Seine Überzeugung, dass die Wirtschaftswissenschaften die Realität nicht scharf genug abbildeten, reifte lange: Bereits mehrere Jahrzehnte vorher war Shiller als jungem Wissenschaftler aufgefallen, dass Aktienkurse langfristig stärker schwankten als Dividenden. Das ist aber eigentlich kaum möglich – wenn Aktienkurse die erwarteten Gewinne darstellen sollen.

Der heute ebenfalls geehrte Ökonometriker Lars Peter Hansen entwickelte das statistische Werkzeug, um zu zeigen, dass die gängigen Modelle menschliche Entscheidungen oft unzureichend spiegeln. 

Fama hängt aber Effizienmarkthypothese an

Einige der Forschungsergebnisse Shillers basieren auf den Arbeiten von Eugene Fama, dem dritten Nobelpreisträger in diesem Jahr: Bereits Mitte der 1960er Jahre arbeitete er als Assistenzprofessor heraus, dass Aktienkurse kurzfristig kaum vorhersehbar seien. Shiller wies das später mit Blick auf längerfristige Entwicklungen nach.

Im Gegensatz zu Shiller hängt Fama jedoch bis heute der Effizienzmarkthypothese an – wirtschaftspolitisch ist er unterm Strich also doch weit von Shiller entfernt. Gut möglich, dass sich das normalerweise eher konservative Komitee in Stockholm mit dem Bekenntnis zu Fama in der ökonomischen Zunft ein wenig absichern und so aus der Schusslinie nehmen wollte.

Gleichzeitig zeigt die Entscheidung jedoch auch: Die ökonomische Zunft ist im Umbruch, noch immer gegensätzlich und gerade erst dabei, die Finanzkrise aufzuarbeiten.