Es gibt Worte, die müssten verboten werden. «Volatilität» ist so eines. Finanzexperten meinen damit ein Mass für die Schwankungsbreite von Anlagerenditen. Normale Menschen verstehen darunter so etwas wie Flatterhaftigkeit oder Flüchtigkeit. Tatsächlich könnte man meinen, die Finanzmärkte wären flatterhaft in ihren Einschätzungen der Weltentwicklung. Zumindest war das früher der Fall. Ich erinnere mich an das Jahr 1997, in dem Finanzmarktgerüchten zufolge der damalige russische Präsident Boris Jelzin dreimal gestorben sein sollte. Natürlich war das jeweils begleitet von einem stärkeren Franken sowie dem dazugehörenden Taucher der Aktienmärkte. Gute alte Zeit!

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Der SMI kennt scheinbar nur noch eine Richtung

Etwas weniger sentimental und in Zahlen ausgedrückt: Die Volatilität des Wechselkurses zur Deutschen Mark betrug damals 6 Prozent, der Dollar schwankte mit 12 Prozent und der SMI flatterte mit einer Volatilität von 20 Prozent. Zurückübersetzt aus der Welt der Finanzmarktstatistik bedeutete das, dass man erwarten durfte, dass der Wechselkurs zur Deutschen Mark im Jahresverlauf mit zwei Dritteln Wahrscheinlichkeit in einem Bereich von plus/minus 6 Prozent liegen würde. Nach heutigen Wechselkursen ergäbe das einen Korridor von 1,14 bis 1,28 gegenüber dem Euro.

All das ist Geschichte. Nicht nur gibt es die Mark nicht mehr. Auch die Volatilitäten scheinen sich verflüchtigt zu haben. Heute schwankt der Euro zum Franken nur noch mit einer Volatilität von 2 Prozent, was natürlich dem durch die Nationalbank quasi fixierten Wechselkurs geschuldet ist. Aber auch der Dollar will nicht mehr so richtig flattern. Dort beträgt die Schwankungsbreite gerade einmal 6 Prozent. Und der SMI kennt scheinbar eh nur noch eine Richtung, bei Volatilitäten, die auch nur noch halb so gross sind wie früher.

Prekäre Lage der Banken hat ihre spekulative Aktivität reduziert

Woher kommt das? Der grosse Rückgang in den Volatilitäten scheint irgendetwas mit der Finanzkrise zu tun zu haben. Seit den grösseren Erschütterungen von damals benehmen sich die Märkte viel weniger flatterhaft. Über die wahren Gründe dafür lässt sich im Moment nur spekulieren.

Ein Grund für die Abnahme der Volatilität, der von Finanzmarktökonomen häufig angeführt wird, soll die enorme Geldschwemme sein, mit der die Zentralbanken weltweit versucht haben, die Finanzkrise in den Griff zu bekommen. Richtig überzeugen kann das aber kaum. Dass eine zunehmende Geldmenge die Zinsen unter Druck bringt und dass künstlich tiefe Zinsen die Preise von Aktien und Obligationen nach oben drücken, lässt sich nachvollziehen. Dass dadurch die Märkte aber weniger unsicher werden sollen, überzeugt nur halb. Oder können Sie sich vorstellen, dass man mit der Geldpolitik die negativen Effekte des Krieges in der Ukraine wettmachen kann?

Auch ist die Geldpolitik ja nicht in allen Währungen einheitlich. So sind die Geldmengen in den USA, in Grossbritannien und der Schweiz ungefähr doppelt so stark gestiegen wie im Euro-Raum. Nimmt man hinzu, dass die europäische Zentralbank bereits seit zwei Jahren die Basisgeldmenge voreilig reduziert hat, während Amerikaner und Briten fröhlich weiter Geld gedruckt haben, müsste bei den Wechselkursen doch deutlich mehr passieren.

Ein Grund für die Abnahme der Volatilität, der von Finanzmarktökonomen nie angeführt wird, hat etwas mit dem Verhalten der Marktteilnehmer zu tun. Tatsächlich wissen wir, dass die prekäre Lage der Banken in der Finanzkrise dazu geführt hat, dass diese ihre spekulativen Aktivitäten stark reduziert haben. Dies geschah entweder, weil die Risikofähigkeit der Banken aufgrund der angekratzten Eigenkapitalbasis nicht mehr gegeben war. Oder aber ganz einfach, weil die veränderte Regulierung Spekulieren teurer gemacht hat.

Wenn diese Entwicklung tatsächlich zu einer Abnahme der Volatilität geführt haben sollte, müssten nicht nur die Banker rote Ohren kriegen. Auch wir Ökonomen haben lange gepredigt, dass mehr Spekulation gut sei für die Märkte und die effektive Volatilität sogar reduzieren würde. Die Idee war bestechend: Mehr Spekulation führt zu einem breiteren Markt, wodurch nichtspekulative Käufer und Verkäufer praktisch zu jedem Kurs eine Gegenpartei finden können. Auch grössere Verkäufe führen dann nicht unmittelbar zu einem Kurseinbruch.

Als Ökonom ist man also versucht zu hoffen, dass die Volatilität der Finanzmärkte bald wieder steigt und wir unsere schönen Theorien nicht verwerfen müssen. Das würde allerdings implizieren, dass die augenblicklich tiefe Volatilität eine andere Ursache hat. Rein empirisch müssen wir feststellen, dass das letzte Mal, dass wir einen starken Rückgang der Marktschwankungen erlebt haben, unmittelbar vor der Finanzkrise war. Ob wir hoffen sollen, dass die Tiefenentspannung der Finanzmärkte die Folge einer kollektiven Verdrängung der Risiken dieser Welt darstellt? Wohl kaum, denn dann wären die tiefen Volatilitäten vermutlich ein Zeichen für die Ruhe vor dem nächsten grossen Sturm.

* Klaus W. Wellershoff ist Ökonom und Chef von Wellershoff & Partners.