Eine gewisse Durststrecke sei für die Wirtschaft unvermeidbar, sagte Thomas Jordan an der heutigen Pressekonferenz der Schweizerischen Nationalbank. «Wir sind uns bewusst, dass die Wechselkurssituation für die Exporteure, den Tourismus sowie Branchen, die der Importkonkurrenz stark ausgesetzt sind, eine schwere Belastung darstellen.»

Damit brachte der SNB-Präsident die derzeitige Lage auf den Punkt: Für die Schweiz und ihre Wirtschaft gibt es unter den gegebenen Umständen schlicht keine einfache Lösung. Nach der Aufgabe des Mindestkurses von 1.20 Franken pro Euro ist sie von den äusseren Entwicklungen abhängig. Die Konjunktur in den USA und in Europa – die Bewegungen beim Wechselkurs – die Lösung des Griechenland-Problems. Davon hängt ab, ob die Schweiz in eine echte Rezession fällt, oder ob sie mit einem leichten Schnupfen davonkommt.

Kontrolle über den Franken ist entglitten

Das Ärgerliche an dieser Ausgangslage ist: Obwohl die Schweiz eine eigene Währung besitzt, hat sie derzeit keine Souveränität darüber. Die Kontrolle über den Franken ist der Schweiz entglitten. Allerdings gilt: Das war schon immer so, und die Schweiz ist damit gut gefahren. Der Schweizer Franken war über die vergangenen hundert Jahre vielen Schwankungen ausgesetzt. Langfristig hat die hiesige Wirtschaft immer einen Weg gefunden, um mit Aufwertungsphasen umzugehen.

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Das wird auch dieses Mal so sein – obwohl die Aufwertung von handelsgewichteten 12 Prozent seit Anfang Jahr besonders heftig ist. Der Schock wird in der Unternehmenslandschaft seine Wunden hinterlassen. Manche Tätigkeiten werden sich im Inland schlicht nicht mehr rentieren. Ein gewisser Anpassungsprozess ist unvermeidbar. Doch die Schweiz wird auch diesen Schock verdauen, solange sie ihre traditionellen Stärken nicht verliert: ihren flexiblen Arbeitsmarkt, ihr funktionierendes Sicherheitsnetz, ihre hochqualifizierte Arbeitsbevölkerung, ihre internationale Vernetzung.

Schweiz kann Zukunft selbst gestalten

Als formell unabhängiges und auch solventes Land hat die Schweiz einen wesentlichen Vorteil gegenüber Ländern wie Griechenland. Sie kann ohne Druck von Kreditgebern und ohne Finanznot selbst entscheiden, wie sie ihre Zukunft gestalten will. Diese politische Souveränität – die im Gegensatz zur Währungssouveränität nicht verloren ist – gilt es, zu nutzen. Etwa indem die Politik vorausschauend die Probleme angeht, die sich im Rentensystem der ersten und zweiten Säule anbahnen. Echte Reformen, etwa mit der Einführung von Automatismen für die wesentlichen Parameter bei der Berechnung von Altersguthaben oder beim Rentenalter, wären hier gefragt.

Das Scheitern an solchen internen Aufgaben ist die wahre Gefahr für die souveräne Schweiz.