Die Personenfreizügigkeit hat die Zuwanderung aus der EU seit 2007 stark erleichtert. Was waren die Folgen für die inländischen Arbeitskräfte?

George Sheldon:
Bis anhin war keine negative Lohnwirkung festzustellen. Das haben mehrere Studien ergeben.

Die Schweiz verzeichnet seit 2007 eine Nettozuwanderung von knapp 80000 Menschen pro Jahr. Man würde intuitiv erwarten, dass die Löhne unter Druck kommen.
In einer solchen Modellbetrachtung geht man von einem ausgeglichenen Markt aus. Kommen ungebeten sehr viele Ausländer ins Land, müssen diese vom Arbeitsmarkt absorbiert werden, unter anderem über sinkende Löhne. Das mag für ein Einwanderungsland wie Kanada oder Australien passend sein. Aber für Europa ist es falsch. Hier haben wir eine Art Gastarbeitermodell. Wir haben offene Stellen, aber die Unternehmen finden im Inland keine passenden Bewerber. Es muss also nicht erst Platz gemacht werden für Einwanderer, es gibt keine Verdrängung.

Wenn man die Zuwanderung begrenzen würde, müssten die Löhne steigen?
Die Firmen würden dann rationalisieren und automatisieren. Oder sie würden Arbeitsplätze ins Ausland verlagern, wo das möglich ist. Die Reaktion hängt vom jeweiligen Produkt ab.

Wie wirkt sich die Zuwanderung auf die Arbeitslosigkeit aus? Die ist ja bei den Immigranten höher als bei den Schweizern.
Die Ausländer sind unter den Arbeitslosen stark übervertreten. Aber die heutigen Arbeitslosen sind vor 2000 eingewandert. Damals hatten 50 bis 60 Prozent der Einwanderer keine Berufsausbildung. Die Schweiz rekrutierte über Jahrzehnte Ungelernte aus dem Ausland, die werden heute nicht mehr in dem Mass gebraucht. Heutzutage sind 50 bis 60 Prozent der im Ausland rekrutierten Arbeitskräfte Akademiker. Zudem ist es nicht richtig, von einer Zunahme der Zuwanderung zu sprechen.

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Warum nicht?
Die Zuwanderung nimmt seit 2002 trendmässig ab. Wenn man die EU-17-Länder betrachtet, dann ist der wachsende Bestand seit 2002 auf eine Abnahme der Abwanderung zurückzuführen. Die Sesshaftigkeit nimmt zu. Das hat vor allem damit zu tun, dass aus den früheren Jahres-Aufenthaltern Fünf-Jahres-Aufenthalter geworden sind.

Was bringt die Ventilklausel zur Begrenzung der Einwanderung aus Osteuropa?
Wenn die grössere Sesshaftigkeit für die Zunahme des Bestandes verantwortlich ist, bleibt eine Begrenzung der Zuwanderung wirkungslos. Man schraubt dann am falschen Regler. Man erhöht möglicherweise sogar die Sesshaftigkeit. Die Leute werden eher nicht abwandern, wenn sie befürchten, dass eine Rückkehr in die Schweiz schwieriger wird.

Volksinitiativen wollen die Zuwanderung stark begrenzen. Was halten Sie davon?
Die Personenfreizügigkeit hat negative Nebenwirkungen, aber sie ist offensichtlich ein Erfolg. Im Ausland ist man neidisch darauf, dass es der Schweiz gelingt, so viele kluge Köpfe anzuziehen.

Das versuchen jetzt viele Länder mit speziellen Programmen für Hochqualifizierte.
Das ist es ja. Die Schweiz macht nichts und ist dennoch höchst erfolgreich.