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Interview
«Die Schwellenländer besitzen heute viel mehr Reserven»

UBS-Experte Hartmut Issel: Indien und Indonesien reformieren ihre Volkswirtschaften. (Bild: Keystone)

Die Angst vor einer Währungskrise wächst. UBS-Asienexperte Hartmut Issel erläutert, warum von Ländern in Fernost keine Bedrohung für die Weltwirtschaft ausgeht – solange keine Marktpanik ausbricht.

Von Mathias Ohanian
am 28.01.2014

Die Angst vor einem neuen Sturm in den Schwellenländern wächst: Experten ziehen bereits Vergleiche zur Asienkrise 1997, die aufstrebende Länder rund um den Globus in eine tiefe Rezession mit hoher Arbeitslosigkeit stürzte. Kommt es 2014 ähnlich schlimm?
Hartmut Issel: Davon ist derzeit nicht auszugehen. Die Verteidigungslinien sind deutlich höher als 1997. Die Schwellenländer besitzen heute viel mehr Devisenreserven, um im Extremfall die eigene Währung zu stützen. Im Gegensatz zu 1997 versuchen die Länder mit Problemen heute aber erst gar nicht, die eigene Währung an den US-Dollar zu binden.

Eine rapide sinkende Währung birgt aber die Gefahr einer importierten Inflation – und damit das Risiko von politischen und sozialen Unruhen.
Für die Menschen in den betroffenen Ländern sind Preissteigerungen problematisch, insbesondere wenn Energie teurer wird. Allerdings tun die Regierungen in den gefährdeten Staaten mit Handelsdefiziten gut daran, die Binnenwirtschaft herunter zu kühlen.

Im Fokus stehen heute unter anderem Indien und Indonesien – beides Länder mit hohen Aussendefiziten. Wurden dort notwendige Reformen versäumt?
In beiden Ländern erhöhten die Zentralbanken die Zinsen, um die Volkswirtschaften attraktiver für ausländisches Kapital zu machen. Damit wird das Handelsdefizit leichter finanziert. Darüber hinaus ist bereits eindeutig eine Trendwende zu erkennen: Die Handelsbilanz in Indonesien bessert sich seit drei Monaten. In Indien wurden die Steuern für Goldimporte erhöht, die Handelsbilanz ist ebenfalls ausgeglichener.

Agieren Investoren also kopflos, wenn sie gegen einen Absturz dieser beiden Länder wetten?
Sowohl in Indien als auch in Indonesien legten die Aktienmärkte nach den Turbulenzen im vergangenen Sommer bis Jahresende deutlich zu. Jetzt gibt es eine Gegenbewegung.

Mit anderen Worten: Eine neue Schwellenlandkrise wird nicht von Asien ausgehen?
Nein, damit ist nicht zu rechnen. Sollte aber eine Marktpanik in anderen Schwellenländern wie Argentinien oder der Türkei ausbrechen, werden aller Voraussicht nach auch die asiatischen Volkswirtschaften unter dem Verlust ausländischer Gelder zu leiden haben.

Als Krisenherd gilt auch China, wo zuletzt schwache Konjunkturumfragen erneut Zweifel an der wirtschaftlichen Grundkonstitution des Landes aufkommen liessen. Wie stabil wächst die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt?
Die Zeiten mit jährlich zweistelligen Wachstumsraten sind vorbei. Das ist aber nicht schlecht, die Zentralregierung ist dabei, die Wirtschaft umzustellen. Peking scheint es auch ernst damit zu sein, die Verschuldung der Provinzregierungen und im Finanzsektor zu senken. Am Ende profitiert vom wirtschaftspolitischen Kurswechsel der Privatsektor.

Hartmut Issel ist Leiter CIO WM Research Asien-Pazifik bei der UBS in Singapur.

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