Die Schlussfolgerung an und für sich ist keine Überraschung: «Alterung der Schweiz verstärkt Kostendruck in der Krankenversicherung», titelt das Institut für Versicherungswirtschaft an der Uni St. Gallen seine neuste Studie. Die darin enthaltenen Zahlen sind aber brisant: Bis ins Jahr 2030 werden sich die sogenannten Umverteilungskosten von aktuell 6 auf über 20 Milliarden Franken mehr als verdreifachen. «Demzufolge sind deutliche Prämiensteigerungen in den kommenden Jahren zu erwarten», hält der Studienautor Martin Eling nüchtern fest.

Auch interessant

«Umverteilung und Generationengerechtigkeit sind bislang Themen, die vor allem inder Alterssicherung diskutiert werden», so Eling. Bekanntlich ist das Ungleichgewicht zwischen Jungen und Alten besonders bei der AHV akut – «aber bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass durch die Kostenentwicklung im Gesundheitswesen und die Alterung der Gesellschaft auch im Bereich Krankenversicherung eine steigende Last zu erwarten ist, die insbesondere die Jungen stark trifft.»

Durchschnittliche Bruttokosten von 3114 Franken

Um was geht es konkret? Aktuell liegen die Bruttokosten pro versicherten Erwachsenen bei jährlich durchschnittlich 3114 Franken. Während allerdings die Gruppe der 19- bis 25-Jährigen lediglich Kosten von 957 Franken verursacht, sind es bei den über 90-Jährigen deren 17'135 Franken. Beim Kostenausgleich von Jung zu Alt spricht man von der sogenannten Umverteilung: Mit rund 6 Milliarden Franken finanzieren heute die bis 60-Jährigen die älteren Generationen.

Durch das allgemeine Kostenwachstum und die zunehmende Alterung der Bevölkerung vergrössert sich diese Schere massiv: Nach Berechnungen der Uni St. Gallen steigt diese Umverteilung bis ins Jahr 2030 auf einen Wert von 20,3 Milliarden Franken. Die Gesamtkosten der obligatorischen Krankenversicherung steigen im gleichen Zeitraum von 19,5 auf 56,3 Milliarden Franken.

Problemlösung versus Politik

Mögliche Lösungsansätze gibt es viele – «dies ist aber auch eine politische Frage», so Eling. Seine Studie listet acht Massnahmen auf, denen alles eines gemein ist: Je wirksamer das Problem bekämpft würde, desto höher sind die politischen und gesellschaftlichen Hürden. So sei beispielsweise die Einführung einer obligatorischen Pflegeversicherung ab Alter 50 punkto Problemlösung «sehr interessant, aktuell politisch aber kaum umsetzbar».

«Die Diskussion um die Gesundheitskosten in der Schweiz polarisiert und führt häufig dazu, dass das schweizerische Krankenversicherungssystem unter Wert verkauft wird», so Eling. Grösste Chancen räumt er den Szenarien neuer Prämienstufen für Junge und effektiverer Nutzung der Rabattmöglichkeiten («um junge Familien zu entlasten») ein. In puncto Chancen auf dem politischen Parkett will sich Eling indes nicht festnageln lassen – «sie stellen zumindest einen Schritt in die richtige Richtung dar.»

Mit anderen Worten: Eling sieht – wenig überraschend – die Lösung des Problems in der risikogerechteren Gestaltung der Prämien. Die Politik geht derzeit aber den gegenteiligen Weg. Das Problem der Umverteilung würde so akzentuiert.

Sparpotenzial von 588 Millionen Franken

Vorerst haben die Versicherten noch bis Ende November Zeit, die für sie im Jahr 2014 kostengünstigste Grundversicherung zu wählen. Durchschnittlich steigen die Prämien laut Mitteilung des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) um 2,2 Prozent – am stärksten im Kanton Appenzell-Ausserrhoden (3,8 Prozent), am moderatesten im Juli (1,0 Prozent).

Erst vergangene Woche hatte eine Studie des Vergleichsdienstes Comparis aufgezeigt, dass jeder dritte Krankenversicherte ein Versicherungsmodell gewählt hat, das nicht seinen Bedürfnissen entspricht. Die Versicherten «verschenken» dadurch gesamthaft 588 Millionen Franken – im Schnitt könnten mit dem passenden Modell (beispielsweise mit einer höheren Franchise) jährlich 318 Franken mehr im Portemonnaie hängenbleiben.