Das Drehbuch wurde 2008 geschrieben. Es hat sich in sieben Jahren nicht verändert. Schritt eins zur Bewältigung der Krise: Die Zinsen auf null, die geldpolitischen Schleusen weit auf. Quantitative Easing im grossen Stil. So begann der grosse Plan zur Rettung der Weltwirtschaft.

Phase zwei spielt sich in den USA seit 2010 ab. Die Preise von Wertpapieren steigen. Aktien gewinnen an Wert. Zuversicht stellt sich ein. Börsenboom. Wachstum, neue Jobs, Mehrkonsum. Phase zwei ist die Voraussetzung für Schritt drei – die geldpolitische Normalisierung. Symbol dafür: Die erste Zins­erhöhung seit Jahren, die US-Notenbankerin Janet Yellen ursprünglich für den September vorgesehen hatte.

Börsenturbulenzen gehören dazu

Das Post-Krisen-Drehbuch ist kein ­Geheimnis. Klar war auch immer: Die Übergänge – von Phase zwei zu Phase drei – verlaufen nicht ruckelfrei. Börsenturbulenzen gehören dazu. So gesehen ändern die jüngsten Korrekturen nichts. Crashs in Schanghai, Frankfurt, New York sind Teil des grundlegenden Plans.

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Der Ausverkauf ruft in Erinnerung: Dies ist keine gewöhnliche Rezession. Sondern ein schwerer Einbruch. Seit 2008 stecken wir in der Bilanzrezession. Der japanische Ökonom Richard Koo hat diesen Begriff geprägt. Kennzeichnend ist die hohe Verschuldung – nicht nur beim Staat, sondern besonders bei Unternehmen und Privatleuten. Der Abbau dieser Schulden – das sogenannte De­leveraging – dauert Jahre und ist mit ­Deflationsgefahren verbunden. Entsprechend schwach, langwierig und fragil verläuft der Aufschwung.

China durchlebt überdrehten Krisenzyklus

Jüngster Störfaktor ist China. Ein Land, das jahrzehntelang im Schnelltempo wuchs. Das die Weltwirtschaft auch in der Krise nach 2008 antrieb. Das zur zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt geworden ist. Es ist bezeichnend, dass just dieses Land nun ins Stolpern gerät. China durchlebt im Zeitraffer seinen ­eigenen, überdrehten Krisenzyklus. Auf die Lehman-Krise reagierte es mit Stimuli. In den Provinzen wurde Geld ­locker gemacht. Privaten und halbstaatlichen Schuldnern wurden Kredite hinterhergeworfen. Innert sieben Jahren stieg allein die Verschuldung des Privatsektors von 100 auf 180 Prozent des BIP.

Wenn sich nun in China die Konkurse häufen – wenn die Konjunktur einbricht und die Zentralbank wiederholt zu Zinssenkungen greift – dann sind dies untrügerische Zeichen. Dafür, dass China in einer ähnlichen Falle steckt. «China wird alt, bevor es reich wird», lautet ein Gemeinplatz unter Volkswirtschaftlern. Man könnte hinzufügen: China muss seine Privatverschuldung reduzieren, bevor es wieder durchstarten kann.

Deleveraging ist ein extrem langwieriger Prozess. Das zeigen die Erfahrungen der letzten Jahre. Deshalb zieht sich der von den Notenbanken orchestrierte Gesundungsplan auch so lange hin. Der Westen wird seinen Kater nur mit Mühe los. Derweil wacht China gerade aus dem Rausch auf. Phase eins kann beginnen.

simon.schmid@handelszeitung.ch