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Die Zuwanderung ist wirtschaftlich sinnvoll und muss gefördert werden

Ian Goldin, Südafrikanischer Ökonom

Fast jedes reiche Land macht Stimmung gegen Immigration. So hat ­Dänemark trotz des Schengener Abkommens wieder verstärkte Grenzkontrollen eingeführt. Diese schlechte Stimmung ist ein Übel, gegen das

Von Ian Goldin
am 07.07.2011

Es gibt vier gute Gründe dafür, dass globale Migration wünschenswert ist: Sie ist eine Quelle für Innovation und Dynamik, sie ist die Antwort auf Arbeitskräftemangel und schnell alternde Gesellschaften, und sie bietet einen Ausweg aus Armut und Verfolgung. Die Beschränkung von Migration dagegen verlangsamt das Wirtschaftswachstum und untergräbt die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der Gesellschaften. Sie erzeugt auch eine weniger wohlhabende, ungleichere und geteilte Welt.

Natürlich ist eine höhere Einwanderungsquote mit kurzfristigen Kosten verknüpft, die auf lokaler Ebene getragen werden müssen, wenn sich die Gesellschaften die erheblich grös­seren langfristigen Vorteile zunutze machen wollen. Und dennoch hat sich, trotz der Opposition in den Aufnahmeländern, die Anzahl der Migranten weltweit in den letzten 25 Jahren verdoppelt und wird sich bis 2030 noch einmal verdoppeln. Schnelle wirtschaftliche und politische Veränderungen – und zunehmend auch Umweltveränderungen – entwurzeln viele Menschen und ermutigen sie, sich auf die Suche nach neuen Chancen, Sicherheit und einer neuen Heimat zu machen.

Globalisierung verringert Kosten und Risiken der Zuwanderung

Vor dem Hintergrund der schnellen Globalisierung werden die individuellen Risiken und Kosten der weltweiten Migrationsbewegungen weiter sinken. Die Kombination aus der geschätzten Zunahme der Weltbevölkerung um zwei Milliarden Menschen, niedrigeren Transportkosten, einer besseren Vernetzung und wachsenden transnationalen sozialen und wirtschaftlichen Netzwerken sollte und wird zu einer höheren Beweglichkeit der Menschen führen. Wenn dieser Prozess seinen Lauf nimmt, wird er globales Wachstum stimulieren und dazu beitragen, Armut zu verringern.

Und dennoch, der fortschreitende Abbau von Hindernissen für den transnationalen Kapital-, Waren- und Dienstleistungsfluss ist zwar eine Errungenschaft der letzten Jahrzehnte, aber die internationale Migration ist noch nie strenger kontrolliert worden. Für klassische Ökonomen wie John Stuart Mill ist das sowohl im wirtschaftlichen als auch im ethischen Sinn nicht akzeptabel. Adam Smith wehrte sich gegen alles, was «die freie Zirkulation der Arbeitskraft von einer Beschäftigung zur anderen» behinderte.

Bis zum 19. Jahrhundert hatte die Entwicklung von Dampfmaschinen und anderen Transportmitteln dazu geführt, dass ein Drittel der Bevölkerung Skandinaviens, Irlands und von Teilen Italiens emigriert war. Die Massenauswanderung war für Millionen von Europäern der Ausweg aus Armut und Verfolgung und speiste die Dynamik und die Entwicklung von Ländern wie den USA, Grossbritannien und verschiedenen Kolonien.

Der kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs aufkommende Nationalismus führte zur flächendeckenden Einführung von Pässen und zu strengeren Kontrollen bei der internationalen Bewegung von Menschen. Hundert Jahre später sind die Mauern, die die Bewegungsfreiheit einschränken, trotz fallender Barrieren für Handel, Finanzen und Informationen, noch unüberwindbarer geworden.

Etwa 200 Millionen Menschen, rund 3 Prozent der Weltbevölkerung, leben zurzeit in Ländern, in denen sie nicht geboren wurden. Es sind die Waisen des internationalen Systems. In unserem Buch «Exceptional People» belegen wir, dass sie unter dem Strich von grossem Nutzen für ihre Aufnahmeländer sind. Sie stellen nicht nur eine dringend benötigte Quelle für ungelernte Arbeiter dar, sondern tragen auch überproportional zur Innovation und zur Schaffung von Reichtum bei.

Medizinische Errungenschaften und die Verbesserung des öffentlichen Gesundheitswesens haben die Langlebigkeit in den entwickelten Ländern verlängert, während andauernd niedrige Geburtenraten und das Ende des Baby­booms nach dem Zweiten Weltkrieg dazu führen, dass in den kommenden Jahren ein Arbeitskräftemangel herrschen wird. Das Durchschnittsalter steigt, die Geburtenraten sinken. Das heisst, es werden Migranten notwendig sein, um die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit aufrechtzuerhalten und die Renten- und Krankenversicherungssysteme zu finanzieren.

Die Auswirkungen einer schwindenden ­Arbeitskräftezahl werden sich mit denen eines generell verbesserten Ausbildungsniveaus verbinden, sodass kaum noch jemand im Niedriglohnsektor, also im Dienstleistungsbereich, im Handwerk und auf dem Bau wird arbeiten wollen. Zwischen 2005 und 2025 werden in den OECD-Ländern die Arbeitskräfte mit Hochschulausbildung voraussichtlich um 35 Prozent ansteigen. Wenn das Ausbildungsniveau steigt, dann steigt auch die Erwartung an die Beschäftigung.

Zudem ist die Auswanderung historisch das wirkungsvollste Mittel gegen Armut. Die Geldüberweisungen von Migranten nach Hause beliefen sich im Jahr 2010 auf mehr als 440 Milliarden Dollar, mehr als zwei Drittel davon flossen in Entwicklungsländer. In einigen kleineren Entwicklungsländern betragen die Überweisungen mehr als ein Drittel des Bruttoinlandproduktes. In einer Reihe grösserer Länder gehen die jährlichen Einnahmen über 50 Milliarden Dollar hinaus. In Lateinamerika und der Karibik werden mehr als 50 Millionen Menschen durch die Überweisungen unterstützt, und die Zahlen sind in Afrika und Asien sogar noch höher.

Vollständige Öffnung der Grenzenbrächte Milliarden Mehreinnahmen

Sowohl reiche als auch arme Länder würden von einer Zunahme der Migration profitieren, die Entwicklungsländer mehr als die Industrieländer. Würde die Migration zwischen 2005 und 2025 um nur 3 Prozent der Beschäftigten in den entwickelten Ländern zunehmen, so würde das global zu einer Zunahme der Einnahmen von 356 Milliarden Dollar führen, wobei über zwei Drittel auf die Entwicklungsländer entfallen würden. Eine vollständige Öffnung der Grenzen könnte der Weltwirtschaft in 25 Jahren Mehreinnahmen von 39 Milliarden Dollar bringen.

Es ist viel über die Notwendigkeit diskutiert worden, die globalen Wirtschaftsverhandlungen der Doha-Runde abzuschliessen und die Entwicklungshilfe für ärmere Länder zu erhöhen. Natürlich sind diese Massnahmen unbedingt erforderlich, aber Migrationsreformen auf die Tagesordnung zu setzen ist mindestens so wichtig – eine geringe Erhöhung der Migra­tion würde die Weltwirtschaft und die Entwicklungsländer mehr ankurbeln als die kombinierte Wirkung von Hilfe und Handelsreform.

Heute argumentieren mächtige Länder ­gegen die Migrationsreform und gegen die Entwicklung einer globalen, auf festen Regeln ­basierenden Migrationsorganisation. Aber Migration ist in unser aller Interesse; die ­öffentliche Debatte ist zu wichtig, um sie den Politikern zu überlassen. Wir müssen es gut überdenken und mutige Massnahmen umsetzen.

Ian Goldin ist Leiter der Oxford Martin School und 
Professorial Fellow am Balliol College der Universität von Oxford. Mit Geoffrey Cameron und Meera Balaraja 
verfasste er das Buch «Aussergewöhnliche Menschen: 
Wie die Migration unsere Welt und unsere Zukunft formt».

© Project Syndicate, 2011

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