Die lahmende Wirtschaft und wilde Streiks dominieren die Schlagzeilen über Südafrika. Wie ist die Stimmung bei den Schweizer Firmen vor Ort?

Thomas Pletscher:
Sie ist nicht schlecht. Ich habe nichts von Plänen gehört, dass die Firmen ihre Investitionen drosseln oder reduzieren wollen. Diverse bauten in den letzten zwölf Monaten gar aus oder planen einen Markteintritt.

Tatsächlich? Holcim verabschiedete sich erst gerade aus dem Land.
Das ist eine Ausnahme. Der Entscheid hat nichts damit zu tun, dass für Holcim der Markt nicht mehr interessant wäre. Sondern mit anderen Investitionsvorhaben und mit dem Black Economic Empowerment. Das Programm bevorteilt schwarze Angestellte und verpflichtet den Staat, in erster Linie bei Firmen einzukaufen, die von Schwarzen geführt werden.

Für ein Schwellenland wächst Südafrika mit 2,5 Prozent langsam. Die Arbeitslosigkeit beträgt sehr hohe 25 Prozent.
Afrika als Kontinent wird in den kommenden Jahrzehnten wirtschaftlich an Bedeutung gewinnen. Auf dem Kontinent verlor Südafrika zuletzt im Vergleich zu anderen Ländern wie etwa Angola oder Sambia zwar an Gewicht, bleibt aber klar Wirtschaftslokomotive. Und es ist nach wie vor das Land mit der besten Infrastruktur und der bestgebildeten Bevölkerung. Südafrika bleibt das wichtigste Eingangstor für Afrika, auch mit seinem Netz an Handels- und Steuerabkommen.

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Für die Schweizer Unternehmen am Kap ist also alles in bester Ordnung?
Nein. So wie sich das Schweizer Engagement in Südafrika durch Konstanz auszeichnet, sind leider auch die Sorgen Dauerbrenner. Das Programm «Black Economic Empowerment» erweist sich als Belastung. Korruption und Nepotismus sind weit verbreitet. Das Land ist quasi ein Einparteienstaat, die Bürokratie wuchert, die Verwaltung ist ineffizient. Zudem ist die Sicherheitslage anhaltend zu beobachten.

Wie erlebt das ein Schweizer Manager?
Seine Autotüren sind immer verschlossen, er meidet nachts gewisse Strassen. Er wohnt in einem eingezäunten Haus, der Zaun steht meist unter Strom. Ein Sicherheitsdienst ist stets auf Abruf. Man kann sich in Südafrika dennoch ohne ständige Angst bewegen – selbst im als gefährlich geltenden Zentrum von Johannesburg. Auch in Delhi muss man vorsichtig sein, in Brasilien sowieso.

Die Schweiz exportiert für rund 800 Millionen Franken ans Kap. Warum so wenig?
Die bilaterale Statistik scheint die wirtschaftlichen Verflechtung zu unterschätzen. Schweizer Unternehmen liefern oft auch über ausländische Töchter nach Südafrika. Hinzu kommt aber, dass die EU mit Südafrika ein Freihandelsabkommen besitzt, das mehr Freiheiten bietet als der für die Schweiz geltende EFTA-Vertrag. Hier müsste man nachbessern.

Wo sehen Sie Südafrika in zehn Jahren?
Das hängt in erster Linie davon ab, ob es der Regierungspartei ANC gelingt, sich zu erneuern und auf eine wettbewerbsorientierte Wirtschaftspolitik umzuschwenken. Wenn ja, kann Südafrika zu einem afrikanischen Löwen werden – so wie die asiatischen Tigerstaaten. Wenn nein, folgt Stagnation. Rational bin ich skeptisch. Aber Südafrika überraschte mich schon oft.

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