Die Rekordstände an vielen internationalen Aktienmärkten bedeuten für Anleger Fluch und Segen zugleich. Investoren, die schon länger dabei sind, haben viel richtig gemacht und konnten seit Jahresbeginn oft zweistellige Renditen einfahren. Unentschlossene grübeln, ob der Zug für sie inzwischen bereits abgefahren ist – lohnt sich der Einstieg jetzt überhaupt noch? Geht es nach dem weltgrössten Vermögensverwalter Blackrock gibt es noch einige Chancen rund um den Globus. Handelszeitung.ch sprach mit Mike Trudel, Fondsmanager des Global Allocation Fund von Blackrock.

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In Washington haben sich Demokraten und Republikaner in letzter Sekunde doch noch darauf geeinigt, die Schuldengrenze anzuheben. Wie sehr hat das wochenlange Geschachere der Wirtschaft geschadet?
Mike Trudel: Die amerikanische Wirtschaft dürfte Ende 2013 wegen des Shutdowns etwas schwächer wachsen. Schätzungen gehen von Verlusten von bis zu 30 Milliarden Dollar aus. Angesichts einer gesamtwirtschaftlichen Produktion von 16 Billionen Dollar ist das wenig – aber immerhin: Auch der Arbeitsmarkt dürfte wegen des Shutdowns in etwas schlechterer Verfassung sein. Letztlich könnte der wochenlange Schuldenstreit auch dazu geführt haben, dass die US-Notenbank Fed später als von den Märkten erwartet mit dem Tapering – also dem Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik – beginnt.

Die Politik in den USA hat sich nur bis Februar Zeit gekauft – dann muss neu verhandelt werden. Wie sehr sind Sie als Fondsmanager genervt von dem politischen Stillstand in ihrer Heimat?
Es scheint, als hätte man sich daran gewöhnt, dass Washington im Haushaltsstreit erst im letzten Moment einen Kompromiss findet. Ich gehe davon aus, dass es zwar auch im Februar bis zum letzten Moment dauert – es dann aber doch eine Einigung gibt.

Die Ratingagenturen blieben in den vergangenen Wochen erstaunlich ruhig. Haben sie Angst vor Washington?
Darüber kann man nur spekulieren. Man darf nicht vergessen, dass Standard & Poor’s das Kreditrating bereits im Sommer 2011 senkte. Zudem stehen die USA fundamental nicht so schlecht da: Die Einnahmeseite des Staates hat sich mit den Steuererhöhungen seit Jahresbeginn deutlicher verbessert als zunächst von Beobachtern angenommen. Hinzu kommt, dass die USA stark in ihrer eigenen Währung verschuldet sind – und eine handlungsfähige Notenbank im Rücken haben.

Alles in allem: Wie stark steht die US-Wirtschaft da – im Vergleich etwa zur Schweiz und Europa insgesamt?
Die Schweiz und andere europäische Länder waren mit Blick auf die öffentlichen Haushalte verantwortungsbewusster als die USA. Dagegen war das Wirtschaftswachstum in den USA grösser als in Europa.

Ist Europa denn auch für Sie als Investor attraktiver als ihr Heimatland?
Tatsächlich untergewichten wir die USA derzeit und übergewichten Europa. Dort gibt es unserer Auffassung noch immer Möglichkeiten – selbst wenn einige Aktienmärkte nahe ihrer Allzeithochs stehen. Gemäss vielen Bewertungsmethoden sind die Aktienmärkte in Deutschland, Frankreich und Italien noch immer sehr günstig. Diese Disparität zwischen den USA und Europa ist für uns sehr interessant.

Spanien hat gerade ebenfalls wieder die Rezession verlassen und macht strukturelle Fortschritte – ist das möglicherweise ein Geheimtipp?
Die Herausforderung in Spanien ist, dass der Bankensektor sehr gross ist und einen gewichtigen Teil der Marktkapitalisierung ausmacht. Momentan untergewichten wir Finanztitel global und bevorzugen in Europa eher Industrie-, Automobil-, Energie- und Pharmaunternehmen. Das führt letzten Endes zu einer Untergewichtung von Spanien.

Die grossen globalen Schwellenländer kämpften im Sommer gegen den Absturz. Hat bei Ihnen die Skepsis gegenüber den sogenannten Bric-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) auch zugenommen?
Wir halten andere Schwellenländer rund um den Globus derzeit für attraktiver. Jedes der vier Bric-Länder hat kurzfristig seine eigenen Herausforderungen zu meistern. China wandelt sich zu einer mehr konsumorientierten und weniger exportabhängigen Ökonomie. Brasilien hängt als Rohstoffland stark von China ab. Indien hat strukturelle Probleme, die Rupie dürfte weiter anfällig bleiben. Und Russlands Erholung als Öl- und Gasproduzent steht und fällt mit den Energiemärkten – es wird spannend zu sehen, was passiert, wenn die USA künftig mehr Energie fördern.

Welche Schwellenländer sind denn dann eine Investition wert?
Wir haben in Südostasien einige Investitionen getätigt – etwa in Thailand, Malaysia und Singapur. Und zwar in Sektoren, die man zunächst nicht vermuten würde: Etwa im Gesundheitssektor, bei Krankenhäusern oder im Telekombereich.

Kürzlich wurden die Nobelpreise vergeben. Nach den Forschungsergebnissen des Gewinners Eugene Fama, ist ihr Job als Fondsmanager überflüssig – weil Sie gegen die Finanzmärkte ohnehin nicht gewinnen können. Der andere Geehrte Robert Shiller argumentiert hingegen, dass Finanzmärkte oft mal ineffiziente Ergebnisse herausbringen – Sie halten es sicher mit Shiller.
Die Arbeiten von Eugene Fama waren zu seiner Zeit bahnbrechend. Aber wir befinden uns sicherlich etwas mehr auf der Seite von Robert Shiller. Ineffizienzen sind heute auf Finanzmärkten immer wieder festzustellen – und davon versuchen wir zu profitieren. Gefragt, was er mit dem Preisgeld anstellen wolle, sagte Shiller nach Bekanntgabe des Nobelpreises übrigens, dass er das Geld weltweit diversifiziert investieren wolle. Das ist genau das, was wir mit unserem Fonds tun: Wir investieren in über 40 Länder und besitzen auch Papiere, die nicht in den grossen Indizes zu finden sind.