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Energiekonsum: KMU hinken hinterher

Ein derart zugestelltes Kühlgerät bietet noch Energiesparpotenzial.

Während die Grossindustrie verhältnismässig gut aufgestellt ist, steckt in den Schweizer KMU-Betrieben bezüglich Energiesparen noch ein grosses Potenzial.

Von Erich Gerber
am 22.08.2011

Noch bevor in der Schweiz der definitive Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen ist, ist schon heute klar: Der Strom wird nie mehr so günstig sein wie bisher. Dies könnte die hiesigen Unternehmen teuer zu stehen kommen, wenn sie nicht auf die Energiebremse stehen. Ein genaueres Hinsehen lohnt sich.

Viel Potenzial bei KMU

Energiesparen heisst in erster Linie, über die Bücher des eigenen Betriebs zu gehen. Und hier steckt der Teufel im Detail, denn Stromfresser verstecken sich oft dort, wo man sie zuletzt vermuten würde. Unterstützung von aussen kann da auf die Sprünge helfen. Was viele nicht wissen: Schweizer Energieversorger unterstützen Betriebe mit massgeschneiderten Energieberatungen im umkämpften Markt um Grosskunden. Zu den führenden Anbietern gehört der Berner Stromkonzern BKW FMB Energie AG (BKW). Das modular aufgebaute Angebot «1to1 energy ehelp » erlebt seit Fukushima einen Boom, wie BKW-Energieberater Peter Iten weiss: «Das Bewusstsein ist seit dem Unfall zweifellos gestiegen, viele Unternehmen möchten ihre Energieeffizienz verbessern. Bei den meisten Betrieben ist das Potenzial auch tatsächlich sehr gross.» Auf durchschnittlich 10–15 Prozent schätzt Iten das Sparpotenzial. Für KMU wohlgemerkt, denn die Grossindustrie ist ihnen in dieser Hinsicht einen Schritt voraus. Iten: «Die meisten grossen Industriebetriebe haben bereits erkannt, wie viel sich mit effizienten Maschinen und Prozessen sparen lässt – hier besteht weniger Handlungsbedarf.»

Der Mensch kann viel bewirken

Eher neu ist der Spargedanke in Spitälern, Heimen, Bäckereien oder Metzgereien. Hotels, Gastronomie- und exportierende Industriebetriebe spüren den Druck seit dem starken Franken schon länger. Entsprechend voll sind die Auftragsbücher der Berater. Meist während einer Dauer von drei Monaten analysieren diese die Betriebe auf sämtliche Energie verbrauchende Systeme und Prozesse und geben in einem Schlussbericht Effizienzempfehlungen ab. Die Kosten belaufen sich je nach Grösse und Komplexität des Betriebs auf 3000 bis 6000 Franken. Neben Lüftungen, Heizungen, Klima- und Kältesystemen wird das Verhalten des Personals ebenso genau geprüft. Denn die Erfahrung zeigt, dass die Hälfte des Sparpotenzials beim Menschen liegt. Dabei gelten dieselben Regeln wie in privaten Haushalten. Was Energieberater Iten etwa in Hotelküchen antrifft, überrascht ihn immer wieder: «Es sind die einfachen Dinge, die schon viel bewirken. Geschirrspüler ganz füllen, beim Kochen Deckel auf die Pfannen, Türen zu Kühlräumen nicht unnötig offen lassen.» Was einfach klingt, muss zuerst im Bewusstsein der Leute ankommen – etwa durch interne Schulungen.

Ein verhältnismässig einfaches Instrument, die Energiekosten zu reduzieren, ist das Brechen der Stromverbrauchsspitzen. Denn Elektrizitätswerke berechnen die Stromkosten im Viertelstundenrhythmus. Das heisst: In dieser Zeitspanne gilt nicht der durchschnittliche oder kumulierte, sondern der höchste Verbrauch. Zu Spitzen kann es kommen, wenn mehrere Geräte oder Maschinen gleichzeitig gestartet werden und der Verbrauch dadurch kurzfristig in die Höhe schnellt. Lastgangsanalysen, die den Verbrauchsverlauf in Kurven darstellen, bringen Klarheit, wann diese Spitzen anfallen. Ein einfaches Mittel, das erst wenige KMU nutzen.

Langfristiges Denken fehlt noch

Einfachen und kurzfristig realisierbaren Massnahmen wie Schulungen des Personals oder das Brechen von Stromspitzen stehen mittel- bis langfristige, teurere Investitionen gegenüber. Das heisst: Alte Maschinen und Systeme durch neue und effizientere ersetzen. Logisch, dass die Hemmschwelle für Unternehmen grösser ist. Trotzdem können sich solche Investitionen nach Einschätzung von Peter Iten nach vier bis fünf Jahren amortisieren, stellt man die gesparte Energie den zusätzlichen Kosten für besonders energieeffiziente Geräte oder Maschinen gegenüber. Die Bereitschaft, zugunsten der Energieeffizienz grössere Investitionen zu tätigen, sei jedoch erst bei wenigen Unternehmen vorhanden, so Iten.

Fehlender Wille, aber auch Berührungsängste haben bisher dazu geführt, dass die Energieeffizienz besonders vor den Pforten von Heimen und Spitälern Halt gemacht hat. Die Garantie der optimalen Pflege zu jeder Tag- und Nachtzeit führt in diesen Betrieben zu einem enormen Verbrauch sogenannter Bereitschaftsenergie. Dass ein Spital aber rund um die Uhr komplett auf Stand-by laufen soll, sieht Iten nicht ein: «Bei allem Planbaren könnten Spitäler in der Regel einige Minuten zum Auffahren von Geräten, Computern und dergleichen in Kauf nehmen. Natürlich mit Ausnahme des nicht planbaren Notfalls!» Das oberste Gebot, den Patienten optimal zu versorgen, könne auch ohne Standby erfüllt werden, ist er überzeugt. Klar, dass das bisher bescheidene Bewusstsein für Energieeffizienz auch daher komme, dass Spitäler meist in öffentlicher Hand lägen und daher der Spardruck von aussen noch zu klein sei. Aber auch hier sei eine Steigerung erkennbar. Der Fukushima-Effekt hat also bei einem Teil der kleinen und mittleren Unternehmen seine Wirkung gezeigt.

Besonders schnell umsetzbare Massnahmen, die sich kurz-fristig positiv auf die Kosten auswirken, sind beliebt und werden umgesetzt. Weniger Beachtung finden hingegen die CO₂- Emissionen, welche im Rahmen der Energieberatungen ebenfalls unter die Lupe genommen werden. Massnahmen daraus werden kaum umgesetzt. Die Ursache dafür liegt auf der Hand: Finanzielle Anreize fehlen, weniger CO₂ nützt in erster Linie der Umwelt und nicht den Betrieben.

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