1. Home
  2. Konjunktur
  3. Erstmals kommen wieder mehr Firmen in die Schweiz

Wettbewerb
Erstmals kommen wieder mehr Firmen in die Schweiz

Geplante Stellen von neu angesiedelten Firmen: Zürich und Basel legen zu.HZ

Die Ansiedlungen ausländischer Firmen ziehen erstmals seit Jahren wieder an. Es zeigt sich: Die Schweiz hat gegenüber Konkurrenzstandorten Boden gut gemacht.

Von David Vonplon
am 03.04.2017

Man hört die Klage von Standort-Promotoren seit Jahren: Die Schweiz verliere für ausländische Firmen an Anziehungskraft. Die Liste der Ursachen für den angeblichen Niedergang ist lang: Genannt wird jeweils der Frankenschock, der den Standort Schweiz verteuere. Und die Unsicherheit über die Besteuerung, welche die Investitionen der Firmen hemme. Auch die wachsende Zahl von wirtschaftsschädlichen Volksinitiativen sowie die Regulierungslust der Politik werfe die Schweiz im Wettbewerb mit Konkurrenzstandorten zurück.

In Tat und Wahrheit ist die Schwarzmalerei fehl am Platz: So dürfte erstmals seit 2011 wieder ein Anstieg resultieren, wenn die Konferenz kantonaler Volkswirtschaftsdirektoren im April die neusten Daten zu den Ansiedlungen ausländischer Firmen in der Schweiz präsentiert. «Vor ein paar Jahren herrschte mit der Annahme der Zuwanderungsinitiative und verschiedenen anderen potenziell wirtschaftsschädlichen Volksinitiativen eine beträchtliche Verunsicherung«, sagt Eric Jakob, Leiter der Direktion für Standortförderung beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco).

Schweiz gewinnt an Attraktivität

«Jetzt stellen wir fest, dass die Schweiz in der Shortlist der attraktivsten Firmenstandorte wieder nach oben gerutscht ist.» Dies habe sich zum Beispiel in Gesprächen mit wichtigen Investoren aus den USA manifestiert. «Man hat uns bestätigt, dass die Schweiz an Boden gutgemacht hat», so der Seco-Mann.

Der positive Trend zeigt sich etwa im Wirtschaftsgrossraum Zürich. Dort teilte die Standortmarketing-Organisation Greater Zurich Area (GZA) vergangene Woche mit, dass sich wieder über hundert ausländische Firmen angesiedelt hätten – erstmals seit 2010. «Wir waren selber ein wenig überrascht über das gute Abschneiden», sagt GZA-Geschäftsführerin Sonja Wollkopf Walt. Nicht zuletzt in den Fokusmärkten USA und China sei das Interesse hoch gewesen.

50 Prozent mehr ausländische Unternehmen in Basel

Ähnlich positive Signale kommen aus dem Wirtschaftsraum Basel. Dort ist der Aufschwung gar noch stärker spürbar: So nahm die Ansiedlung ausländischer Unternehmen um über 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu, wie bislang noch unveröffentlichte Zahlen des Standortvermarkters Basel Area zeigen. Die Neuankömmlinge – das Gros davon Firmen aus den USA und den europäischen Nachbarländern – versprechen, in den nächsten drei Jahren über 600 Arbeitsplätze zu schaffen.

«Der positive Trend ist höchst erfreulich – insbesondere die Zunahme der geplanten Stellen«, freut sich Christoph Brutschin, Volkswirtschaftsdirektor des Kantons Basel-Stadt und Präsident der Konferenz der kantonalen Volkswirtschaftsdirektoren. Setze sich die Entwicklung fort, bestehe die Aussicht, aus der langjährigen Delle bei den Ansiedlungen herauszukommen, so der Regierungsrat.

Nicht ganz so positiv sind die Zahlen aus der Westschweiz. Im Einzugsgebiet der Standortförderung Greater Geneva Berne Area (GGBA) resultierte eine leichte Abnahme der Firmenansiedlungen – dies allerdings auf hohem Niveau. «Wir stehen sicher besser da als noch vor zwei Jahren», sagt GGBA-Geschäftsführer Thomas Bohn, «die Firmenansiedlungen in unserem Raum entwickeln sich stabil.»

Der Brexit hilft

Dass das Ansiedlungsgeschäft zuletzt anzog, liegt daran, dass 2016 einige Unsicherheitsfaktoren weggefallen sind. Als wichtigstes Argument gegen den Standort Schweiz nannten die Firmen zuvor die Unsicherheit betreffend Arbeitsbewilligungen für spezialisierte Mitarbeitende aus dem Ausland wegen der Masseneinwanderungsinitiative und der niedrigen Drittstaatenkontingente – in beiden Belangen zeichnete sich eine Entspannung ab. Ausländische Firmenchefs, die den Investoren den teuren Standort Schweiz schmackhaft machen mussten, hätten damit zusätzliche Argumente erhalten, sagt Stefan Schmid, Partner beim Beratungsunternehmen PWC Schweiz.

Dabei ist der Positivtrend wohl nur zum Teil auf die gestiegene Standortqualität der Schweiz zurückzuführen. In Zeiten geopolitischer Umbrüche, einer EU in der Krise und mit dem Aufschwung nationalistischer Kräfte gewinnt die beständige Schweiz automatisch an Attraktivität. «Wir profitierten davon, dass die Verunsicherung auf der ganzen Welt gross ist - und die Schweiz im Vergleich zu anderen Standorten nach wie vor sehr stabil ist», sagt GZA-Chefin Wollkopf Walt. Christoph Brutschin betont, dass gerade der klassische Standortkonkurrent Grossbritannien mit dem Brexit vor einer Phase der Unsicherheit stehe. «Auch das verbessert die Situation für die Schweiz.»

Zurückhaltende Amerikaner

Ob die erhöhte Anziehungskraft des Standorts Schweiz mehr ist als nur ein Strohfeuer, hängt in erster Linie von der Politik ab. So stellen Branchenkenner fest, dass die Unsicherheit über die künftige Steuersituation zu Verzögerungen bei einzelnen Ansiedlungsprojekten geführt hat. «Nach dem Nein zur USR III verharren viele Firmen in einer Abwartehaltung», sagt Beratungsprofi Schmid. «Man will wissen, wie das neue Reformpaket aussieht, bevor man in den Standort Schweiz investiert.»

Zurückhaltung herrscht derzeit vor allem bei US-Unternehmen. Sie haben ihre Ansiedlungspläne «on hold» gesetzt, bis sich zeigt, ob sich das wirtschaftspolitische Klima unter Trump tatsächlich verbessert. Besonderes Augenmerk richtet sich dabei auf die sogenannte Border Adjustment Tax. Die von den Repubilkanern geplante Reform würde bewirken, dass US-Unternehmen für Importe in den Heimmarkt eine zusätzliche Steuer berappen müssten.

«Eine Ansiedlung in der Schweiz würde dann für US-Firmen kaum mehr sinnvoll sein«, erklärt GGBA-Chef Bohn. Ein grösseres Ansiedlungsprojekt im Pharmabereich liege deshalb in der Westschweiz auf Eis. Der Vorgang zeigt: Im Wettbewerb um den besten Standort kann sich die Grosswetterlage schnell ändern.

 

 

Anzeige

Das liebt die Welt an «Made in Switzerland»

1|9
Was aus der Schweiz kommt, findet weltweit Anerkennung. Das Label «Made in Switzerland» schafft es im Ranking von Statista auf Platz zwei.