Die Aktienmärkte haben es wieder einmal geschafft: Die ameri­ka­nische Börse hat Anfang April ein neues Allzeithoch erklommen. Dabei schienen die Börsianer über Monate hinweg die reale Welt wieder einmal komplett aus den Augen verloren zu ­haben. Ob die Nachrichtenlage gut oder schlecht ist, die Aktienmärkte streben aufwärts. Unklare Machtverhältnisse in Italien? Egal. Bankenpleite in Zypern? Wen stört es? Atomdrohungen aus Nordkorea? Hatten wir auch schon. Schwache Konjunkturdaten aus den USA? Das wird schon wieder.

Einer schwachen Weltkonjunktur und wachsenden geopolitischen Spannungen in Fernost zum Trotz hat der amerikanische Aktien­markt seit seinem Tiefstpunkt im Jahr 2009 seinen Wert verdoppelt. In der Schweiz konnte der Swiss Market Index in den letzten drei Monaten allein 1000 Punkte zulegen. Ist das alles nur auf Sand gebaut?

Unternehmen profitieren vombilligen Geld

Nein. In verschiedener Hinsicht spiegeln die Aktienkurse die Realität schon wider. So sind die Unternehmensgewinne in den vergangenen Jahren gut gewachsen. Tatsächlich liegen die Unternehmensgewinne in vielen Ländern ebenfalls auf Allzeithöchstständen. Ganz offensichtlich haben viele Unternehmer und Manager es geschafft, auch bei nur schwacher Auslastung der Kapazitäten gut zu wirtschaften.

Gleichzeitig gilt, dass die hohen Gewinne vor dem Hintergrund von historisch niedrigen Zinsen eine hohe Bewertung verdienen sollten. So sind die Zinsen für Unternehmensanleihen tatsächlich auf aussergewöhnlich tiefem Niveau angekommen. In den USA zahlen kapitalmarkt­fähige Schuldner heute so wenig Zins wie ­zuletzt in den 1950er-Jahren. In der Schweiz hat das Zinsniveau die Untergrenze von null bei­nahe erreicht. Kommt hinzu, dass gute Indus­trieunternehmen sich billiger finanzieren können als so manche Bank.

Historisches Hoch

Zu diesem himmlischen Zustand tragen vor allem die wirtschaftspolitisch Verantwortlichen in den USA, in Grossbritannien und Japan bei. Bei ungebremster Schuldendynamik haben diese ihre Notenbanken dazu aufgerufen, Staatsschulden in grossem Umfang zu kaufen, um so das Zinsniveau auch im Kapitalmarkt sehr tief zu halten. Zum indirekten Helfer ­wurde leider auch die Schweizerische Nationalbank. Sie musste zwar keine Staatsdefizite finanzieren, dafür haben die Sorge vor den ­Auswirkungen eines zu starken Frankens und die nun institutionalisierten Deviseninterventionen zu einer nie da gewesenen Ausweitung der Liquidität im Franken geführt.

Die Folge davon waren weltweit rekord­verdächtig tiefe Zinsen. Das hat den globalen Obligationenmärkten in den vergangenen Jahren nochmals zu positiven Renditen verholfen. Mittlerweile sind die Zinsen aber so niedrig, dass von einer adäquaten Abgeltung der Anlage­risiken kaum noch die Rede sein kann. Oder wollen Sie Ihr Geld dem amerikanischen Staat für zehn Jahre für weniger als 2 Prozent verleihen und gleich noch das Wechselkursrisiko des Dollars tragen? Allenthalben herrscht Anlagenotstand.

Tatsächlich stellt sich dadurch auch bei uns in der Schweiz die Frage, wie ein Anleger angesichts des tiefen Zinsniveaus noch seine Ziele erreichen kann. Während Private wohl gut ­beraten sind, die Ziele einfach tiefer anzu­setzen, ist das für eine Pensionskasse oder eine Lebensversicherung mit teilweise garantierter Verzinsung für die Einlagen ein schwieriges Unterfangen. In kaum einer Anlagekommission wird im Augenblick wohl nicht die Frage gestellt, ob man nicht einfach riskantere Anlagen ins Auge fassen muss, um die geforderten Sollrenditen zu erreichen. Dass historisch betrachtet aus Anlagenotstand immer nach Ablauf ­einiger Zeit ein Notstand der Anlagen resultierte, haben viele schon wieder vergessen.

Die Finanzmärkte schwimmen auf einer Liquiditätswelle

Die Finanzmärkte scheinen also nicht nur auf einer Welle von Liquidität zu schwimmen. Die von den Zentralbanken erzeugten tiefen Zinsen führen denn wohl auch zu einer höheren Bewertung der Anlagen und damit vor ­allem zu steigenden Aktien- und Immobilienpreisen. Überraschen kann das niemanden. Hatten wir das nicht gerade erst, dass zu tiefe Zinsen zu einer Blasenbildung bei Finanzanlagen geführt haben?

Schon erstaunlich, dass nur fünf Jahre nach der Finanzkrise das Spiel von vorne zu beginnen scheint. Dabei ist besonders erschütternd, wie wenig die Zentralbanken dazugelernt zu haben scheinen. Schon die Immobilienblase des letzten Jahrzehnts geht zu grossen Teilen auf zu tiefe Zinsen zurück. Dass Geldpolitik über die Bewertungen der Finanzanlagen einen grossen Effekt auf die Wirtschaft hat, lässt sich heute sicher kaum noch bestreiten. Dass Geldpolitik dementsprechend auch bei genauer ­Befolgung des Auftrages, Preisstabilität zu ­gewährleisten, auf die Preise für Finanzanla-gen achten muss, ist ebenfalls Allgemeingut geworden.

Offensichtlich fühlen sich die Notenbanker vor die Wahl zwischen Pest und Cholera gestellt. Entweder jetzt die Finanzmärkte bremsen und dafür höhere Zinsen und neue Probleme bei der Finanzierung der Staatsfinanzen in Kauf nehmen oder die Finanzmärkte weiter mit Liquidität versorgen und dafür später die Folgen von geplatzten Blasen ausbaden. Ob dannzumal die Staatsfinanzen besser zu finanzieren sind, ob die darauffolgende Krise nicht noch grösser wäre als bei einem heutigen Ziehen der Reissleine, weiss niemand. Nach der Beobachtung der Folgen der letzten geplatzten Immobilienblase erscheint die Annahme des Gegenteils aber als sehr optimistisch.

Es dominiert die Hoffnung, dass es den Nachfolger trifft

So wird also wieder getanzt, bis die Musik nicht mehr spielt. Wann das der Fall sein wird, weiss keiner. Dass es dann knallt, und zwar ­heftig, weiss eigentlich jeder. Die Hoffnung bei den Verantwortlichen scheint wieder einmal zu sein, dass es den Nachfolger im Amt trifft. Für uns Privatmenschen gilt aber leider, dass wir keine Nachfolger in unserem Leben haben, ­ausser unsere Kinder.

Klaus W. Wellershoff ist Chef der international tätigen Unternehmensberatung Wellershoff & Partners, Zürich, und Honorarprofessor für angewandte Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen.

 

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