Die Jagd nach Rendite erinnert bisweilen an eine gut organisierte Treibjagd. Wilderer schliessen sich zusammen, beobachten die Situation, suchen sich ein Opfer aus und treiben die vermeintlich schwächsten Tiere in die Enge. Dann fehlt nur noch der Blattschuss. Keine drei Jahre ist es her, da schien die Euro-Zone für die globalen Renditejäger das leichteste Opfer. Die Anleihenzinsen der Peripherieländer stiegen auf nie dagewesene Höhen. Im Gegenzug wurden die globalen Schwellenländer als Heilsbringer gefeiert. Immerhin waren sie für das Gros des weltweiten Wirtschaftswachstums nach der Finanzkrise verantwortlich.

Diese Einschätzung hat sich fundamental gewandelt. Heute gelten die aufstrebenden Volkswirtschaften in Asien und Südamerika als grösste Risikozonen. Zu reformschwach, zu stark vom Ausland abhängig, zu hoch verschuldet – so lauten die in diesen Tagen häufig gehörten Kritikpunkte. Entsprechend stürzten viele Währungen ab, die Refinanzierung für Staaten wie Indien, Brasilien und Indonesien verteuerte sich beträchtlich.

«Euro-Fiasko derzeit in weiter Ferne»

Nur noch jeder fünfte Anleger rechnet heute damit, dass ein Euro-Land den Währungsraum in den kommenden zwölf Monaten verlassen wird, wie ein Index des Forschungsinstituts Sentix in Frankfurt zeigt. «Einen Euro-Austritt der grossen Länder Italien und Spanien halten die Investoren mittlerweile fast für ausgeschlossen – damit liegt ein Euro-Fiasko derzeit in weiter Ferne», sagt Sentix-Ökonom Sebastian Wanke. Zum Vergleich: Vor knapp einem Jahr rechneten noch drei von vier Befragten mit einem baldigen Euro-Exit eines Mitgliedsstaats.

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Deshalb setzt auch Wanke auf eine langfristigen Stabilisierung des Euro: «Das wird in der nächsten Zeit nicht zwangsläufig über steigende Zinsen in Euroland geschehen, sondern eher über rückläufige Risikoprämien, die Anleger für ein Investment in Euro verlangen», sagt er.

Euro wertet gegenüber asiatischen Währungen kräftig auf

Inzwischen gilt die Gemeinschaftswährung einigen Experten sogar wieder als «sicherer Hafen». Einem Index der Citigroup zufolge wird der Euro von internationalen Investoren erstmals seit November 2008 wieder positiv bewertet. Per saldo wird die Währung von Investoren in der aktuellen Krise der Schwellenländer wieder stärker nachgefragt als angeboten. Tatsächlich legt die Gemeinschaftswährung gegenüber den Währungen der wichtigen aufstrebenden Länder kräftig zu: Im Vergleich zu indischer Rupie und indonesischer Rupiah stieg der Wert des Euro seit Jahresbeginn um rund 15 Prozent, zum brasilianischen Real wertete er um immerhin 10 Prozent auf.

Beobachter rechnen damit, dass die Gemeinschaftswährung selbst gegenüber dem als extrem sicheren Franken bald zulegen wird – auch nachhaltig: Die Wechselkursuntergrenze gegenpber dem Euro wird im besten Fall überflüssig, heisst es in der am Dienstag vorgestellten Wirtschaftsprognose der Credit Suisse.

Finanzmärkte nehmen Risiken nur selektiv war

Tatsächlich ist trotz aller Euphorie noch immer Vorsicht angesagt. Denn in der Vergangenheit bewerteten Anleger in der Masse Risiken oft falsch - und tun das heute womöglich ebenfalls wieder: Kaum ein Kritiker warnt vor möglichen Marktverwerfungen, sollte die Bundestagswahl in Deutschland am 22. September keine klaren politischen Verhältnisse im grössten Euro-Staat bringen. Ein weiterer Stolperstein könnte das danach anstehende Urteil des deutschen Bundesverfassungsgerichts zum Euro-Rettungsfonds sein.

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«Viele positiven Eigenschaften der aufstrebenden Volkswirtschaften werden von Investoren heute weitgehend ausgeblendet. Diese selektive Wahrnehmung ähnelt stark dem Urteil über die Euro-Länder vor drei Jahren», sagt Harald Preissler, Chefökonom beim Anleiheninvestor Bantleon. Trotz aller Probleme sei die Lage in Europa seinerzeit ebenfalls deutlich weniger dramatisch gewesen als sie von vielen Beobachtern gezeichnet wurde.

«Schwellenländer sind der neue Prügelknabe»

«Lange war die Euro-Zone der Prügelknabe, jetzt wurde mit den Schwellenländern ein neuer gefunden», so Preissler. Er rechnet damit, dass sich die Lage der Euro-Zone in den kommenden Monaten klar bessern wird - gleichzeitig bleibt das wirtschaftliche Wachstum jedoch voraussichtlich auf Jahre hinaus unter dem der Schwellenländer zurück. Es ist also längst nicht ausgemacht, welche Weltregion in den kommenden Monaten von den globalen Renditejägern bevorzugt wird - und wo sie neue Absturzgefahren ausmachen.

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