Das Schlimmste scheint in der Euro-Krise inzwischen durchgestanden. Kein Prognostiker erwartet in diesem Jahr neue Panikattacken an den Finanzmärkten, die Griechenland, Spanien und die anderen Randländer wieder in Bedrängnis bringen werden. Doch eine grosse Sorge erhält in diesen Tagen immer neue Nahrung: Die Angst vor fallenden Preisen.

Erst warnte Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), in Washington am gestrigen Mittwoch vor einer zu geringen Inflation, die zu einer «katastrophalen» Deflation auswachsen könne. Dann meldete Spaniens Statistikamt INE, dass die landesweite Inflation im Dezember auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Datenerhebung vor mehr als 50 Jahren gefallen sei: Gegenüber Vorjahr legten die Konsumentenpreise nur noch um 0,3 Prozent zu.

Eine gefährliche Preisspirale nach unten droht

Damit ist die viertgrösste Ökonomie im Euro-Raum kein Einzelfall: Im krisengeschüttelten Griechenland lagen die Preise zuletzt um fast drei Prozent unter dem Niveau des Vorjahres – ebenfalls ein Allzeitrekord. Im gesamten Euro-Raum kletterten die Konsumentenpreise zuletzt nur noch um 0,8 Prozent. Damit notiert dieser Wert weit unter der von der Zentralbank mittelfristig angepeilten Zielrate von knapp zwei Prozent.

Anhaltend sinkende Preise sind wider die Intuition ein schlechtes Zeichen für eine Volkswirtschaft. Konsumenten halten sich mit neuen Käufen zurück, wenn sie erwarten, dass ihr Geld morgen mehr wert ist. Unternehmen drohen Umsatzeinbussen, auch sie investieren weniger in neue Maschinen und Anlagen – Entlassungen und sinkende Löhne drohen. Daraus kann eine gefährlich Spirale nach unten entstehen, an deren Ende eine phlegmatische Wirtschaft mit hoher Arbeitslosigkeit dasteht.

«Deflationstendenzen haben die unschöne Angewohnheit, sich selbst zu verstärken»

Als warnendes Beispiel für eine langjährige Deflation gilt Japan. Nach einer Finanzkrise in den frühen 1990er Jahren kämpfte das Land lange mit einer schwachen Konjunktur und deflationären Tendenzen. Erst mit dem neuen Premier Shinzo Abe und gross angelegten Aktionen von Geld- und Finanzpolitik bessert sich die Lage seit einigen Monaten allmählich – jedoch auf Kosten der Haushaltslage.

Entsprechend alarmiert sind Beobachter. Nach Auffassung der mit Blick auf die Euro-Zone jedoch seit jeher eher pessimistischen Ökonomen der Citigroup könnte die Inflation in den Krisenstaaten Spanien, Griechenland und Portugal sowohl 2014 als auch 2015 negativ ausfallen.

Erst vor wenigen Tagen warnte mit der Deutschen Bank eines von Europas grössten Finanzinstituten in einer umfangreichen Analyse eindringlich vor sinkenden Inflationserwartungen. Die Frankfurter Fachleute befürchten, dass die in der Euro-Zone «aufgebauten massiven Kapazitätsüberschüsse» kaum zurückgehen, wenn die Wirtschaft wie von der Europäischen Zentralbank erwartet in diesem Jahr um ein Prozent wächst.  Dann würde jedoch die Tendenz zu sinkenden Inflationsraten bestehen bleiben, warnen sie. Und: «Deflationstendenzen haben die unschöne Angewohnheit, sich selbst zu verstärken.»

Hoffnung in der Schweiz auf steigende Preise

Erstmals präsentierten die Analysten deshalb öffentlich Argumente für eine quantitative Lockerung der Geldpolitik in der Euro-Zone. Bislang sprachen sie sich immer gegen Aufkäufe von Staatsanleihen aus. Die Option solle jedoch nicht tabuisiert werden, fordern die Deutschbanker mit Bezug auf eine Stellungnahme von EZB-Direktoriumsmitglied Yves Mersch. Der Belgier hatte zuletzt betont, dass der Ankauf eines Portfolios von Staatsanleihen eine immense wirtschaftliche, rechtliche und politische Herausforderung darstelle. Das Instrument negativer Einlagenzinsen wird von den Bank-Ökonomen zwar ebenfalls diskutiert, in dem Papier allerdings wieder verworfen.

Im Gegensatz zu den Euro-Krisenländern dürften die Lebenshaltungskosten in der Schweiz nach zwei jährlichen Rückgängen in Folge 2014 erstmals wieder zulegen. «Der Schweiz droht keine anhaltende Deflation – da kann man Entwarnung geben», sagte Yngve Abrahamsen, von der Zürcher Konjunkturforschungsstelle Kof. Auch die Wirtschaftsforscher bei Bak Basel rechnen für dieses Jahr wieder mit einem leichten Anstieg der Konsumentenpreise.

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