Zypern will die Bedingungen des EU-Rettungspakets nachverhandeln. Man werde versuchen, die umstrittene Abgabe auf Bankeinlagen zugunsten von Kleinsparern zu verändern, sagte Präsident Nikos Anastasiades im Fernsehen.

Bereits zuvor war bekannt geworden, dass Zyperns Regierung prüft, die Banken der Insel auch noch am Dienstag geschlossen zu halten, um einem Run auf die Geldinstitute zuvorzukommen. Dies berichtete der zyprische staatliche Rundfunk nach dem Ende einer Kabinettssitzung in Nikosia.

Die Regierung werde die Banken notfalls auch länger schliessen, sollte es im Parlament keine Entscheidung über die umstrittene Sonderabgabe auf sämtliche Bankguthaben der Insel geben, hiess es weiter. Am Montag sind die Banken wegen eines Feiertages geschlossen. Rund ein Drittel der Einlagen in Zypern sind in der Hand ausländischer Kontoinhaber - vor allem reicher Russen und Briten.

Parlamentsentscheidung auf Montag vertagt

Über das nötige Gesetz sollte das Parlament eigentlich am Sonntagnachmittag abstimmen. Die entscheidende Sitzung wurde aber um 24 Stunden vertagt. Zuvor sollen am Montagmorgen eine weitere Kabinettssitzung sowie am Nachmittag ein Treffen der Parteispitzen stattfinden. Ebenfalls verschoben wurde eine Fernsehansprache von Präsident Nikos Anastasiades, wie der staatliche Rundfunk berichtete.

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Anastasiades hat keine klare Mehrheit im Repräsentantenhaus. Die beiden Mitte-Rechts- Parteien DISY und DIKO, die ihn stützen, haben im Parlament nur 28 von 56 Sitzen, nachdem ein Abgeordneter der liberal-konservativen DIKO seine Fraktion verlassen hat. Auch ist keineswegs gesichert, dass die verbleibenden acht DIKO-Abgeordneten für das Gesetz stimmen werden.

Bankkunden sollen 5,8 Milliarden Euro beisteuern

Die Finanzminister der Eurogruppe hatten in der Nacht zu Samstag beschlossen, die zyprischen Bankkunden an der Rettung des wirtschaftlich angeschlagenen Landes zu beteiligen. Sie sollen eine Sonderabgabe von 6,75 Prozent auf Guthaben bis 100.000 Euro und 9,9 Prozent auf höhere Beträge zahlen. So sollen geschätzt 5,8 Milliarden Euro zusammenkommen, wie Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem nach der Einigung auf das Hilfspaket in Brüssel sagte. Insgesamt soll das Hilfspaket ein Volumen von bis zu zehn Milliarden Euro haben.

Nach dem Bekanntwerden der Zwangsabgabe versuchten am Samstag viele Menschen auf Zypern, ihre Konten zu räumen. Kurzzeitig kam es zu einem Ansturm auf einige wenige Genossenschaftsbanken, die geöffnet hatten. Dutzende versuchten ihre Spareinlagen abzuheben, berichtete der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Sie wurden von den Angestellten darüber informiert, dass das Onlinesystem der Banken ausser Betrieb sei. Später schlossen auch die wenigen geöffneten Filialen.

Milliarden der reichen Russen auf der Insel

Die beschlossene Zwangsabgabe für sämtliche Kunden zyprischer Banken trifft russische Unternehmen und Einzelpersonen besonders hart. Nach Expertenschätzungen belaufen sich deren Guthaben auf bis zu 20 Milliarden Dollar, wurde der Abgeordnete und Vorsitzende des Verbandes russischer Regionalbanken, Anatoli Axakow, von der Nachrichtenagentur Interfax. «Das Vertrauen in Zypern als sicherer Anlageort wird zunichte gemacht.»

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Die russische Ausgabe des Wirtschaftsmagazins «Forbes» schätzt die Guthaben in Zypern noch höher: Die Ratingagentur Moody's habe am 1. September 2012 allein das Vermögen russischer Unternehmen in Zypern auf 19 Milliarden Dollar geschätzt – «hinzu kämen 12 Milliarden Dollar, die russische Banken in dem EU-Land anlegten», heisst es. 

Sehr breit gefächert ist die Schätzung bei den Privatvermögen: Diese lägen zwischen 8 und 35 Milliarden Dollar. «Die Russen haben an einem Tag bis zu 3,5 Milliarden Euro verloren», titelte die Magazin-Website.

(vst/awp)