Stellen Sie sich eine Armee vor, die in den Krieg zieht. Sie hat eine überwältigende Feuerkraft. Doch ihre Generäle erklären immer wieder, dass sie dieses Gefecht eigentlich nicht austragen wollen. Und schon gar nicht alle Munition verbrauchen wollen, sondern bald zu Hause sein wollen. Wie wird dieser Krieg wohl ausgehen?

So beschrieb der belgische Ökonom Paul de Grauwe vor ziemlich genau drei Jahren das Dilemma der Europäischen Zentralbank (EZB). Seinerzeit tätigte die Notenbank zwar Anleihekäufe angeschlagener Euro-Randstaaten, um die Marktpanik zu bändigen. Doch die EZB tat dies nur zögerlich und mit dem offen geäusserten Wunsch, dies eigentlich überhaupt nicht machen zu wollen. Die Folge: Investoren rechneten damit, dass die Anleihekurse nach den temporären EZB-Käufen bald wieder fielen und stiessen ihre Papiere mit vorübergehend erzielten Gewinnen schnell wieder ab.

Uneinigkeit führt zu Investorenmisstrauen

So wirkte die Politik der EZB seinerzeit sogar kontraproduktiv. Das Hauptproblem: Im Rat der EZB herrschte offene Uneinigkeit über die richtige Politik. Das spürten Investoren und verloren das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Euro-Währungshüter. Dabei wäre dieses Vertrauen gerade zu dieser Zeit, als die Finanzkrise ihren Höhepunkt erreicht hatte, überaus wichtig gewesen.

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Heute ist die Euro-Krise zwar nicht akut. Doch der Nord-Süd-Graben über die künftige Politik scheint wieder aufzubrechen. Offenbar wollen noch in dieser Woche einige Chefs nationaler Notenbanken einen offenen Waffengang gegen den EZB-Präsidenten Mario Draghi wagen. Vor allem die Kommunikation des Italieners stösst offenbar übel auf. So bekannte Draghi in den vergangenen Wochen, dass die EZB «mit allen Mitteln» gegen das Schreckgespenst einer Deflation vorgehen und ihre Bilanz «auf das Niveau von Anfang 2012» aufblähen wolle.

«Erwartungen erzeugt, die wir vermeiden wollten»

Diese offenbar nicht abgestimmten Formulierungen könnten der Glaubwürdigkeit der Notenbank geschadet haben, glaubt ein Notenbanker: «Das hat exakt die Erwartungen erzeugt, die wir doch vermeiden wollten. Jetzt wird alles, was wir tun, daran gemessen, ob wir es schaffen, die Bilanz um eine Billion Euro zu vergrössern. Damit hat er uns mehr Probleme gemacht, als nötig gewesen wären.»

Für Draghi kommt der Machtkampf kurz vor der morgigen monatlichen Sitzung zur Unzeit. Die wirtschaftliche Unsicherheit ist hoch wie lange nicht, sowohl Wachstum als auch Inflation liegen weit unter den offiziellen Vorhersagen: Im Oktober lag die Teuerung nur bei 0,4 Prozent. Inklusive der EZB selbst glaubt kaum ein Experte, dass die Konsumentenpreise in der Euro-Zone vor 2017 das eigentliche Ziel von knapp zwei Prozent erreichen werden. Die Experten der Privatbank Berenberg rechnen damit, dass die EZB ihre Prognosen für Inflation und Wirtschaft bereits im Dezember erneut nach unten korrigieren müssen.

SNB hält unbeirrbar an Frankengrenze fest – mit Erfolg

Eigentlich müsste die Notenbank also Einigkeit an den Tag legen, um Banken zur Kreditvergabe zu bewegen und Unternehmen zu neuen Investitionen. Nun jedoch riskieren die EZB-Mitglieder mit ihrem in der Öffentlichkeit ausgetragenen Zwist neue Unruhen an den Finanzmärkten – neues Aufbrechen der Euro-Krise nicht ausgeschlossen.

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Dabei müsste die EZB eigentlich wissen, wie gute Geldpolitik funktioniert. Erst als Mario Draghi im Sommer 2012 bekannte, dass der Euro «unumkehrbar» sei, kehrte Ruhe an den Finanzmärkten ein. Auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) lieferte im September 2011 mit der Einführung des Mindestkurses von 1.20 Franken pro Euro ein Paradebeispiel an erfolgreicher Notenbankintervention. «Die Nationalbank wird den Mindestkurs mit aller Konsequenz durchsetzen und ist bereit, unbeschränkt Devisen zu kaufen», lautete ein Satz in der kompromisslosen Mitteilung damals. An diesem Kurs hat die SNB bis heute unbeirrbar festgehalten, sodass Investoren schon lange nicht mehr an der Glaubwürdigkeit dieser Politik zweifeln.

EZB viel zurückhaltender als alle anderen grossen Notenbanken

Dass die EZB sich trotz der konjunkturellen Malaise in der Euro-Zone eigentlich eine geschlossene und expansivere Politik leisten könnte, zeigt der Blick auf die Bilanz. Seit Jahren agiert man in Frankfurt viel zurückhaltender Geldpolitik als andere grossen Notenbanken rund um den Globus, stellten jüngst erst die Ökonomen von Bak Basel wieder fest.

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Selbst wenn die EZB wie von Draghi angekündigt (und einigen EZB-Räten offenbar kritisiert) ihre Bilanz mit Anleihekäufen auf das Niveau von Anfang 2012 bringen wollte und dies mit Staatspapieren tun sollte, agiert sie damit in absoluter Rechnung noch immer zurückhaltender es die SNB, aber auch die Kollegen in England, Japan und den USA getan haben. Gemessen an der Wirtschaftsleistung hat die EZB wegen der Grösse der Währungsraumes noch viel mehr Spielraum. Allein schon angesichts dieser Tatsachen könnte etwas mehr Geschlossenheit im EZB-Rat nicht schaden.