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Geldpolitik
Britische Notenbank senkt Leitzins – erstmals seit 2009

Mark Carney: Der Präsident der Bank of England verkündet den Zinsentscheid. Keystone

Zwei Monate nach dem Brexit-Votum hat die Bank of England den Leitzins gesenkt, von 0,5 Prozent auf 0,25 Prozent. Überraschend weitet sie ausserdem ihr Programm für Wertpapierkäufe aus.

Veröffentlicht am 04.08.2016

Die britische Notenbank ist im Kampf gegen negative wirtschaftliche Folgen des Brexit-Votums zur Tat geschritten hat ihre Geldpolitik deutlicher als erwartet gelockert. Der Leitzins werde von 0,50 Prozent auf 0,25 Prozent verringert, teilte die Bank of England am Donnerstag in London mit. Damit liegt der Zinssatz auf einem neuen Rekordtief, es ist die erste Herabstufung seit 2009. Ausserdem beschlossen die Notenbanker eine Ausweitung ihres Wertpapierkaufprogramms und kündigten an, künftig auch Unternehmensanleihen zu kaufen.

Mit der Leitzinssenkung hatten Experten mehrheitlich gerechnet. Die Ausweitung der Anleihekäufe galt dagegen vorab als eher unwahrscheinlich. Bei einer ersten Zinssitzung nach dem Votum hatte die Notenbank Mitte Juli noch von einer Leitzinssenkung abgesehen.

Das Wertpapierkaufprogramm wird von derzeit 375 Milliarden Pfund auf 435 Milliarden Pfund erhöht. Die Entscheidung bedeutet, dass die Notenbank nun wieder Wertpapiere kaufen wird. Das bisherige Gesamtvolumen war bereits ausgeschöpft gewesen. Bankvolkswirte hatten mit der Aufstockung nicht gerechnet. Sie waren mehrheitlich von einem unveränderten Volumen ausgegangen.

Kauf von Unternehmensanleihen

Bei den Unternehmensanleihen sollen über 18 Monate Papiere im Wert von bis zu 10 Milliarden Pfund erworben werden, hiess es weiter. Die Aussichten für die britische Wirtschaft hätten sich nach dem Brexit-Votum deutlich abgeschwächt, so die Währungshüter.

Trotz des Brexit-Votums rechnet die Bank of England aber nicht mit einem Abrutschen der britischen Wirtschaft in die Rezession. Vielmehr gehen die Währungshüter davon aus, dass die Wirtschaft nach einem starken ersten Halbjahr in der zweiten Jahreshälfte weiterhin noch etwas wachsen wird.

Notenbankchef Mark Carney schliesst auch aus, dass die Leitzinsen in Grossbritannien unter Null rutschen werden. Bei künftigen Zinsentscheidungen werde die Untergrenze über Null liegen, versicherte Carney am Donnerstag auf einer Pressekonferenz im Anschluss an die geldpolitischen Beschlüsse der Notenbank.

«Das ist ein Paukenschlag»

Nach der Zinssenkung warfen die Anleger das Pfund Sterling aus ihren Depots. Die britische Währung brach um 1,3 Prozent auf 1,3158 Dollar ein. Kurz vor Bekanntwerden der Entscheidung hatte es noch über 1,33 Dollar notiert. Im Gegenzug zog auch der Euro zum Pfund um rund ein Prozent auf 84,56 Pence an. An den Aktienmärkten freuten sich die Investoren hingegen über den Geldsegen: Der «Footsie» in London weitete seine Gewinne aus und kletterte um 1,4 Prozent.

«Das ist ein Paukenschlag heute», sagte Jens Kramer, Ökonom bei der Norddeutschen Landesbank. «Daran sieht man, wie schwerwiegend die BoE die Folgen des Brexit-Votums einschätzt. Die intensivmedizinische Dosierung ist relativ stark ausgefallen. Das hat Nebenwirkungen, wenn man den Auftrag der BoE, für Preisstabilität zu sorgen, in den Blick nimmt. Denn die Inflationsraten dürften jetzt mittelfristig durch den Wechselkurseffekt steigen.»

Die Zinssenkung sei nicht überraschend, aber beim Anleihekaufprogramm seien die Markterwartungen übertroffen worden, sagte Helaba-Analyst Ulrich Wortberg (mehr Reaktionen zum Entscheid lesen Sie hier). «Dies gilt auch vor dem Hintergrund, dass die Bank of England für die Zukunft weitere Massnahmen in Aussicht gestellt hat.»

Unsicherheit bei Firmen und Konsumenten

Als Reaktion auf das EU-Austrittsvotum vom 23. Juni hatte die Notenbank zuvor schon die Kapitalregeln für die Banken gelockert. Sie müssen vorerst nicht mehr Geld für schlechtere Zeiten beiseitelegen. Nach dem Brexit-Votum geht zudem die Sorge um, dass Immobilien massiv an Wert verlieren werden, insbesondere am Finanzstandort London, dem nun eine deutliche Schwächung droht.

Laut einer Umfrage des Instituts IHS Markit unter rund 1000 Firmen hat das EU-Austrittsvotum die Wirtschaft auf der Insel im Juli so scharf abstürzen lassen wie seit Anfang 2009 nicht mehr.  Die unklaren Aussichten, wann und unter welchen Umständen das Vereinigte Königreich mit dem global wichtigen Finanzplatz London aus der Europäischen Union (EU) ausscheidet, sorgt für Unsicherheit bei Firmen und Konsumenten.

Das Konsumklima brach zuletzt sogar so stark ein wie seit 1990 nicht mehr. Dies alles trübt die Gewinnaussichten der Firmen – so auch bei der Fluggesellschaft British Airways: Auslandsreisen sind für Briten erheblich teurer geworden, weil ihre Währung am Urlaubsort weniger wert ist.

(sda/reuters/me/cfr/mbü)

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