Nach der Katerstimmung ist vor der Prognose. Der Brexit veranlasst nicht nur Politiker, sich mit den Folgen für Europa auseinanderzusetzen. Auch Ökonomen differenzieren die wirtschaftlichen Folgen des Austritt-Votums der Briten aus der EU.

Für den von Bill Gross gegründeten Vermögensverwalter Pimco – Tochter der Allianz und lange mit dem grössten Fondsvolumen weltweit ausgestattet – wagt Chefökonom Joachim Fels den Blick in die Glaskugel. Und langfristig, so Fels, könnte ein Schreckensszenario aus den 1970er Jahren plötzlich wieder aktuell werden: die Stagflation.

Kurzfristig keine grossen Schäden zu erwarten

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Demgegenüber sieht Fels, einer der anerkanntesten deutschsprachigen Ökonomen, kurzfristig keine allzu grossen Herausforderungen für die Konjunktur. Vor dem Brexit-Votum stand die Chance einer quantitativen Lockerung der Europäischen Zentralbank (EZB) gemäss Fels noch bei 50:50. Der Entscheid der Briten jedoch hat eine gänzlich neue Ausgangslage geschaffen. Die Wahrscheinlichkeit einer expansiveren Geldpolitik sei deutlich gestiegen.

Nahezu alle bedeutenden Zentralbanken dürften Aktionen zur Begrenzung des Schadens vornehmen, erwartet Fels. Doch weder Helikoptergeld noch weitere Zinssenkungen der EZB sind wahrscheinlich – und «wenig förderlich», analysiert er. Eher sei mir einer Ausweitung der Anleihekäufe zu rechnen. Die Bank von England, so Fels, dürfte ihren offiziellen Leitzins «relativ zügig» von 0,5 Prozent auf null reduzieren.

Langzeitrisiko: Kaum Wachstum, steigende Preise

Kommt es zu einer Rezession? Fels stuft die Folgen des Brexit auf das globale Wachstum und die Inflation als «relativ gering» ein. Der Eurozone droht unterm Strich im schlimmsten Fall lediglich ein Wachstumsminus von 0,3 Prozent. Für Grossbritannien taxiert Fels eine höhere Rezession-Wahrscheinlichkeit. Doch auch hier seien negative Handelseffekte für das globale Wachstum verschwindend gering: Niedrige Importe durch das Vereinigte Königreich würden mit 3,6 Prozent der globalen Einfuhren aus Handelsgütern so gut wie nicht zu Buche schlagen.

Sind die kurzfristigen Auswirkungen offenbar nicht so schwerwiegend, sieht Fels langfristig zunehmende politische Spannungen aufkommen. Die Unsicherheit steigt: Das Votum im Vereinigten Königreich sei Teil einer breiteren, globaleren Bewegung und eine Reaktion gegen das Establishment, wachsende Ungleichheit und die Globalisierung insgesamt, so Fels. Der Druck auf die etablierten Parteien steige weiter, mehr gegen wirtschaftliche Ungleichheit zu unternehmen, gegebenenfalls protektionistischer zu agieren und die Zuwanderung zu begrenzen.

Für die Weltwirtschaft scheint sogar wieder ein Schreckgespenst aus den 1970er Jahren möglich: eine Stagflation. Der Begriff setzt sich zusammen aus Stagnation und Inflation und meint eine Phase ohne wirtschaftliche Impulse bei gleichzeitig stark steigenden Preisen. «Am wichtigsten ist wohl die Erkenntnis, dass Anleger in den nächsten drei bis fünf Jahren eine höhere Wahrscheinlichkeit für eine Stagflation in Kauf nehmen und akzeptieren müssen», analysiert Fels.

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Ölpreiskrise liess Inflation auf 15 Prozent ansteigen

Dieses Szenario sei wahrscheinlich, sollten mehr Regierungen protektionistischer agieren und Barrieren gegen Einfuhren und Einwanderung errichten. Setzen die Entscheidungsträger im Kampf gegen die Ungleichheit dann noch auf eine Einkommensumverteilung von Kapital zu Erwerbsarbeit, so Fels, verschärfe sich das Problem. «Als Marke für eine Stagflation würde ich jedoch keinen dramatischen Anstieg der Inflationsraten  auf 10 Prozent und mehr ansetzen, sondern bereits einen Anstieg im mittleren einstelligen Bereich», sagt Fels.

In der Ölkrise vor fast 40 Jahren wurde die Weltwirtschaft von einer schweren Stagflation erfasst: Die stark steigenden Energiepreise liessen die Kosten für Unternehmen in die Höhe schiessen. Sie produzierten weniger, die Wirtschaft kam ins Straucheln, die Arbeitslosigkeit stieg. Gleichzeitig führten die höheren Energiekosten zu einem Anstieg der Inflation auf Raten von zweitweise rund 15 Prozent. Erst Paul Volcker konnte als Chef der US-Notenbank Fed ab Anfang der 1980er Jahre die Inflation mit drastischen Zinserhöhungen wieder in den Griff bekommen.