Die Europäische Zentralbank (EZB) und mit ihr Mario Draghi stecken in der Falle: Die Inflation in der Eurozone ist tief, zudem halten sich die Banken mit der Kreditvergabe mehr zurück, als der EZB lieb sein kann – und zu guter Letzt erholt sich die Wirtschaft nicht in dem Ausmass, wie dies gern gesehen würde. Vorerst bleibt Draghi untätig, obwohl er vor wenigen Tagen noch einmal bekräftig hatte, dass die Zentralbank auch zu drastischen Schritten bereit sei.

«Was will Mario Draghi?», fragt Thomas Stucki, Chief Investment Office der St. Galler Kantonalbank, in seinem aktuellen Kommentar. «Die Finanzmärkte erwarten, dass den Worten in den nächsten zwei Monaten Taten folgen.»

Doch – was tun? Die tiefe Inflation könnte nach dem Vorbild der Bank of Japan bekämpft werden. Heisst: Europa wird mit Geld überschwemmt. Die Krux: «Das Geld über den traditionellen Weg, das heisst über das Bankensystem, in Umlauf zu bringen, funktioniert nicht», so Stucki. Die Einlagen der Banken bei der EZB würden lediglich noch grösser. 

Unkontrollierbare Nebeneffekte und Verzerrungen

Ein Ausweg wäre der Aufkauf von Staatsanleihen durch die EZB im grossen Stil. «Damit dies effektiv auf die Inflation eine Auswirkung hat, müsste die Menge unvorstellbar gross sein», so Stucki, «mit unkontrollierbaren Nebeneffekten und Verzerrungen in der Wirtschaftswelt Europas.» Die Folge: Noch einmal deutlich tiefere Zinsen – also genau der Effekt, den man eigentlich bekämpfen will. Die Immobilienmärkte würde von neuem boomen, sehr zum Leidwesen der Schweizerischen Nationalbank (SNB).

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Auch ein schwacher Euro könnte den Inflationsdruck auf Europa erhöhen. Analog zur Euro-Untergrenze müsste die EZB dazu aber direkt am Devisenmarkt intervenieren. «Die US-Notenbank wird dies aber nicht zulassen», glaubt Stucki.

Negativzinsen nicht im Interesse der EZB

Um die Kreditvergabe der Banken an kleinere und mittlere Unternehmen zu fördern, bringt der St. Galler Kantonalbanker erneut das Thema Negativzinsen aufs Tapet. «Müssen sie bei der EZB für das gelagerte Geld etwas bezahlen, werden sie lieber mehr Kredite sprechen», so Stucki – fügt aber an: «So die Theorie.» Denn es gibt ein gravierendes Problem. «Zusätzliche Kredite müssen von den Banken mit mehr Eigenkapital unterlegt werden – und im Vorfeld der Stresstests im Sommer werden diese kaum bereit sein, ihre Eigenkapitaldecke noch mehr zu strapazieren.»

Mit anderen Worten: Die Banken würden das Geld bei der EZB behalten und die «Strafe» bezahlen. Kommt hinzu, dass diese kaum im Interesse der Zentralbank sein kann: «Ganz bestimmt nicht, so lange das Bankensystem so fragil ist, insbesondere in den südlichen Problemländern.»

Vorerst, glaubt Stucki, werde die EZB angesichts ihres Dilemmas den Markt weiter mit Worten steuern – mit dieser Methode sei sie bisher erfolgreich gewesen. «Auf die Dauer lassen sich die Finanzmärkte aber nicht mit Ankündigungen manipulieren», ist Stucki überzeugt. Es werde der Tag kommen, an dem Mario Draghi zeigen muss, ob er es mit seinen Versprechungen wirklich ernst meint.