Michael Schubert, Commerzbank:
«Das Wesentliche ist dieser 'längere Zeitraum' und die Abwärtstendenz bei den Zinsen, von denen Draghi spricht. Ich glaube, er will mit diesen Aussagen erst einmal das Marktzins-Niveau stabilisieren, und das hat er sicherlich erreicht. Ob die Zinsen tatsächlich noch einmal gesenkt werden oder ob wir sehr lange auf dem gegenwärtigen Niveau bleiben, ist meiner Einschätzung nach noch offen. Wir rechnen zwar mit einer weiteren Zinssenkung. Wenn die Konjunktur aber in Schwung kommt, wie es sich seit zwei Monaten abzeichnet, dann wird die EZB den Zins nicht noch einmal reduzieren. Letztendlich werden die Daten entscheiden.»

Alexander Krüger, Bankhaus Lampe:
«Es gibt eine ganz klare Botschaft, dass die Notenbank noch im Krisenmodus ist und dass es jetzt eine Vorfestlegung gibt, dass die Zinsen noch eine längere Zeit niedrig bleiben. Man lässt sich alle Optionen offen und wird die Zinsen bei Bedarf weiter senken. Aber zunächst dürfte der Fokus auf unkonventionellen Massnahmen liegen.»

Ulrich Wortberg, Helaba:
«Die EZB lässt sich bezüglich der zukünftigen Geldpolitik alle Optionen offen. Draghi wiederholte seine Äusserungen von letzter Woche, wonach die Geldpolitik so lange wie nötig akkommodierend sein werde. Neu ist aber die Ankündigung, das Zinsniveau auf dem aktuellen oder einem niedrigeren Niveau für einen längeren Zeitraum zu halten. Damit versucht die EZB möglicherweise, das Renditeniveau zu drücken und sich von den USA abzukoppeln. Zudem ist die Tür für eine Zinssenkung bei einer der kommenden Ratssitzungen weit geöffnet. Ob es tatsächlich dazu kommt, wird abhängig gemacht von den Konjunktur- und Inflationsperspektiven sowie vom Geld- und Kreditwachstum.»

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Thomas Amend, HSBC Trinkhaus:
«Ich habe den Eindruck, dass das Thema negative Einlagezinsen in der Diskussion derzeit nicht die höchste Priorität hat. Bei der Pressekonferenz könnte eine Konkretisierung kommen, wie die EZB den kleineren und mittleren Unternehmen helfen will. Die leicht veränderten Konjunkturerwartungen hat man im letzten Monat ja deutlich kommuniziert.»

Christian Lips, Nord LB:
«Der neue Kniff, den die EZB gefunden hat, ist die Vorfestlegung auf eine ausgedehnte Periode eines sehr niedrigen Leitzinsniveaus. Darauf haben einige gewartet, das hat der Aufwärtsbewegung der Renditen am Anleihemarkt den Dampf genommen. Zudem hat er (Draghi) angedeutet, weitere stimulierende Massnahmen im Köcher zu haben. Die EZB hat genau den Mittelweg gefunden zwischen hektischem Aktionismus und einer Beruhigung der Märkte.» 

(tno/reuters)